Politik

04.06.2010

Ungehobene Schätze

Studie: Benachteiligung von Migranten im Bildungssystem kostet den Staat bis 2050 rund 164 Milliarden Euro

Jedes fünfte Kind im Freistaat stammt aus einer Migrantenfamilie. Bundesweit hat sogar mehr als jedes dritte Kind unter sechs Jahren ausländische Wurzeln. „Hier schlummert ein Riesenpotenzial für die Volkswirtschaft, das bisher zu wenig genutzt wird“, ist Axel Plünecke, Bildungsexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) überzeugt. Nach wie vor erzielen Ausländerkinder niedrigere Schulabschlüsse und melden sich später weit häufiger arbeitslos als Sprösslinge von Nichtmigranten. Laut einer neuen Studie des IW entgehen dem Staat durch die schlechteren Bildungschancen der Migranten in den kommenden Jahrzehnten Erträge im dreistelligen Milliardenbereich. Gelänge es, die Unterschiede zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund nur zu halbieren, würde der Staat dem IW zufolge bis zum Jahr 2050 rund 164 Milliarden Euro mehr einnehmen. Der Grund ist einfach: Der Bundeshaushalt würde von steigenden Steuern und sinkenden Sozialausgaben profitieren. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass der Staat bereits im Jahr 2020 mit jährlichen Zusatzeinnamen von 6 Milliarden Euro rechnen könnte. Im Jahr 2040 wären es dann sogar 26 Milliarden Euro. Bei den Zahlenspielen sind die mit einer stärkeren Förderung von Migranten anfallenden Ausgaben bereits eingerechnet. So beziffert das IW alleine die zusätzlichen Kosten in der frühkindlichen Bildung auf mehr als 2 Milliarden Euro. Alles in allem müsste die Bundesregierung in den kommenden Jahren zwischen 3,1 und 4,6 Milliarden Euro zusätzlich in Bildung investieren. „Doch jeder Euro käme mit einer Verzinsung von 6 bis 9 Prozent zurück“, heißt es in der Studie. Plünecke geht davon aus, dass auch der Freistaat so langfristig viele Milliarden Euro mehr einnehmen könnte. Auch der bayerische Integrationsbeauftragte Martin Neumeyer (CSU) ist überzeugt, „dass Ausgaben für Migrantenbildung viel Geld einsparen und viele Chancen eröffnen“ würden. Bayern habe in diesem Bereich bereits aufgeholt. Er mahnte aber einen weiteren Ausbau des Ganztagsangebots an den Schulen an. Tatsächlich ist im Freistaat das Schulsystem ein Spiegel für die Situation von Ausländern in der bayerischen Gesellschaft: Im Schuljahr 2006/2007 haben laut dem bayerischen Landesamt für Statistik 17,5 Prozent der Ausländer die Hauptschule ohne Abschluss verlassen. Ohnehin besucht die große Mehrheit der Ausländer (34,3 Prozent) diesen Schultyp. Gerade mal 12,1 Prozent des Nachwuchses ohne deutschen Pass schafft es an ein Gymnasium. Wie die Situation bei Zuwanderern mit deutschem Pass aussieht, dazu liegen keine dezidierten Zahlen vor. So geht Potenzial für die bayerische Wirtschaft verloren. Auch die Staatsregierung hat das erkannt: Das bayerische Sozialministerium investierte nach eigener Aussage im Jahr 2009 rund 70 Millionen Euro in Integrationsmaßnahmen für Migranten. Zusätzlich habe man 8,4 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) ausgegeben. Mit diesen Geldern sei etwa die Sprachförderung von 62 575 Migrantenkindern mit rund 24 Millionen Euro gefördert worden. Mit 750 zusätzlichen Planstellen an allen Schularten würden gezielt Lernende mit Migrationshintergrund gefördert, heißt es aus dem Kultusministerium: Diese würde mit 37,5 Millionen zu Buche schlagen. Damit werde unter anderem der Modellversuch „Islamischer Unterricht“ an 250 Grund-, Haupt-, Realschulen und Gymnasien unterstützt. Interessenverbände, Gewerkschaften und die Opposition halten die staatlichen Maßnahmen indes für unzureichend. Matthias Jena, Chef des DGB Bayern, fordert für die Kindergärten im Freistaat „bessere Sprachanangebote und mehr Erzieherinnen mit Migrationsgeschichte“. Mitra Sharifi-Neystanak, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Ausländerbeiräte Bayerns (AGABY), sieht im dreigliedrigen Schulsystem ein wesentliches Problem. „Von längerem gemeinsamen Lernen würden alle Kinder profitieren“, ist sich die Germanistin sicher. Neben frühkindlicher Förderung und kleineren Schulklassen fordert sie für Lehrer eine verpflichtende Ausbildung in Interkulturalität. Speziell Arbeitgeber sollten Migranten als Bereicherung empfinden. Das sieht Isabell Zacharias, integrationspolitische Sprecherin der SPD, genauso: „Personalchefs müssen sich diese mehrsprachigen Schätze ins Haus holen“, sagt sie. Dass Migranten, die trotz aller Widrigkeiten einen Hochschulabschluss schaffen, auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden, ärgert Zacharias besonders. „Eine weibliche Migrantin beispielsweise ist ob ihres Geschlechts und ihrer Herkunft gleich zweimal benachteiligt.“ Von der Regierung fordert sie deshalb einen regelmäßigen Bericht über die Situation von Migranten in Bayern. Der intergrationspolitische Sprecher der Freien Wähler, Günther Felbinger, will ein kostenloses Kindergartenjahr. Vor allem benötige man mehr Personal, um eine individuelle Förderung zu gewährleisten. Für Renate Ackermann (Grüne) ist die Bildungssituation von Migranten „denkbar schlecht“. Sie findet: „Alles, was mit Bildung zu tun hat, soll kostenfrei sein.“ Zur Bildung zählt Ackermann neben kognitiven Fächern auch Sport, Musik und Kunst.

(Alexandra Kournioti/Tobias Lill)

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