Politik

Nicht alle Professoren verdienen gut: Zum Teil sind die Zulagen der Hochschullehrer auch an den Erwerb von Drittmitteln gebunden. Foto: Dapd

21.10.2011

"Unverschämt geringe Gehälter"

Nur in Baden-Württemberg verdienen Hochschulprofessoren bundesweit mehr als im Freistaat – dennoch sind viele Wissenschaftler unzufrieden

Wie viel sollte ein Hochschulprofessor verdienen? Mit dieser Frage befasste sich in dieser Woche das Bundesverfassungsgericht. Das Grundgehalt eines hessischen Wissenschaftlers sei mit knapp 4000 Euro zu wenig, klagte der Deutsche Hochschulverband. Doch auch in Bayern sind die Uni-Forscher unzufrieden mit ihren Löhnen.

 

Der Münchner Maschinenbauprofessor Udo Lindemann steht kurz vor der Pensionierung, mit seiner Zeit an der Technischen Universität (TUM) ist er zufrieden, in jeder Hinsicht. „Im Vergleich zu den Gehältern in der Industrie und an ausländischen Hochschulen war der Lohn zwar noch nie üppig aber immer ausreichend“, sagt Lindemann, der auch Senatsvorsitzender der TUM ist. Das Gehalt der jungen Kollegen aber sei „unverschämt gering“. „Sie verdienen nicht mehr als ein Gymnasiallehrer.“
Lindemann versteht deshalb gut, dass ein Marburger Juniorprofessor vergangene Woche gemeinsam mit dem deutschen Hochschulverband vor das Bundesverfassungsgericht gezogen ist, um gegen die geringe Bezahlung zu klagen. Dabei ist das Gehalt der bayerischen Professoren im bundesdeutschen Vergleich hoch, sie bekommen im Schnitt 84 000 Euro pro Jahr. Nur in Baden-Württemberg ist der Lohn höher.


Selbst Gymnasiallehrer haben oft ein höheres Gehalt


Das belegt eine gerade veröffentlichte Studie des Deutschen Hochschulverbands. Demnach landet Bayern insgesamt auf dem vierten Platz, gemeinsam mit Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Besser geht es Professoren in Sachsen-Anhalt, im Saarland und in Mecklenburg-Vorpommern. Die Vorteile in Bayern: Neben dem hohen Lohn bekommt jeder Professor vergleichsweise viel Personal und Sachmittel zur Verfügung gestellt.
Nachteile: Im Freistaat wurde in diesem Jahr das Einstiegsgehalt für Professoren um zehn Prozent verringert. Außerdem ist es in Bayern im bundesdeutschen Vergleich schwierig, ein Forschungssemester zu organisieren, in dem Professoren von der Lehrtätigkeit befreit sind.
Und wer einen Ruf in ein anderes Bundesland annimmt, kann im Freistaat seit vergangenem Jahr bestraft werden. Laut Gesetz kann die Universität Leistungszuschüsse zum Teil zurückfordern. „Im bundesweiten Vergleich geht es den bayerischen Professoren gut“, sagt Lindemann. Aber die Unterschiede zwischen den Bundesländern seien sowieso gering. „Problematisch ist vor allem der Vergleich mit dem Ausland, zum Beispiel mit Unis in der Schweiz, in den USA oder in England, und mit der Industrie. Im Gegensatz dazu war das Gehalt in ganz Deutschland immer schon gering.“ Seit sechs Jahren gibt es noch weniger.
Damals löste die sogenannte W-Besoldung die C-Besoldung ab. Seitdem steigt der Lohn nicht mehr automatisch mit dem Dienstalter. Stattdessen bekommen Professoren jetzt ein Grundgehalt, das deutlich gesenkt wurde, im Schnitt auf knapp 4000 Euro. „Kein Zweifel: Professoren verdienen gut“, sagt Michael Piazolo, hochschulpolitischer Sprecher der Freien Wähler im Landtag und bis vor ein paar Jahren selbst Professor an der Fachhochschule München. „Doch beim Blick aufs Gehalt darf man nicht vergessen: Bis sie einen Ruf bekommen, haben Akademiker meist einen sehr harten und schlecht bezahlten Berufsweg hinter sich.“
Im Schnitt werden Professoren mit 42 Jahren berufen. Als Assistenten und Lehrbeauftragte verdienen sie davor meist wenig. Im Vergleich: Ein Lehrer mit dem Grad des Oberstudienrats bekommt nach zwölf Dienstjahren und damit im selben Alter weit mehr als 4000 Euro. „Niedrige Löhne senken die Qualität von Forschung und Lehre“, fürchtet Piazolo. „Einsteiger werden immer mehr Zeit in einen Nebenjob in der freien Wirtschaft investieren, um ein angemesses Gehalt zu bekommen.“
Auch Professor Lindemann aus München fordert mehr Geld für Professoren: „Ich erwarte nicht, dass an den Universitäten so gut wie in der Industrie bezahlt wird. Unsere Arbeit hat schließlich viele Vorteile, die man nicht mit Geld bemessen kann.“ Aber den Hochschulen und den Landesregierungen müsse bei der Gehaltsgestaltung klar sein, dass sie mit der freien Wirtschaft und mit Universitäten im Ausland konkurrieren. Mit Leistungszulagen können die Hochschulen derzeit das Gehalt der Professoren aufbessern. Doch das Budget ist sehr begrenzt. „Meistens werden die Zulagen verbraucht, um Spitzenleute zu holen“, sagt Professor Lindemann.
Das Extrageld wird genutzt, um das Gehalt der neu berufenen Professoren zu erhöhen. Auch Ulrike Gote, die hochschulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, findet, dass die Universitäten mehr Mittel für Leistungszulagen brauchen.
Zum Teil sind die Zulagen auch an den Erwerb von Drittmitteln gebunden. Wer besonders viel Geld aus der Wirtschaft für Forschungsprojeke eintreibt, bekommt mehr Geld. „Das ist keine schlechte Lösung, um die Professorengehälter zu erhöhen“, findet Ulrike Gote von den Grünen.
„Besser wäre mehr Budget, über das die Unis frei verfügen.“ Gote sagt auch: „In Bayern klagen die Professoren in der Regel nicht, dass sie zu wenig Geld bekommen.“ Tatsächlich erhalten nur 15 bis 20 Prozent der Nachwuchsprofessoren das gesetzlich festgelegte Grundgehalt, alle anderen mehr.
Der Sprecher der Universität Regensburg erklärt etwa, kein einziger Professor würde das Grundgehalt bekommen, auch kein Jungprofessor. Am wenigsten verdienen die Geisteswissenschaftler. In diesen Fächern ist der Ansturm auf die Lehrstühle besonders hoch, denn es gibt kaum alternative Stellen in der freien Wirtschaft. Doch auch an der Uni gelten die Regeln des freien Marktes: Je größer der Wettbewerb, desto niedriger die Gehälter. (Veronica Frenzel)

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