Politik

Solarstrom aus der Wüste: Das Projekt Desertec muss noch viele Hürden nehmen. (Foto: Getty)

29.06.2012

Verheißungsvolle Solar-Fata Morgana

In den Wohnungen von rund 2500 Augsburger Familien ging irgendwann im vergangenen Jahr das Licht aus, sie konnten nicht mehr kochen, waschen, fernsehen. Weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlt hatten, wurde den Haushalten vorübergehend der Strom abgestellt. Nach Angaben des Verbraucherschutzbundes passierte das im vergangenen Jahr insgesamt mehr als 600 000 Haushalten in Deutschland. Schuld daran war oft der hohe Preis für den Strom.
In Bayern muss man heute 30 Prozent mehr für Strom bezahlen als im Jahr 2006. Nach Angaben des FDP-geführten bayerischen Wirtschaftsministeriums könnte es innerhalb der nächsten zehn Jahre einen weiteren Preisanstieg von 70 Prozent geben. Die Preisexplosion, so das Wirtschaftsministerium, liegt am Atom-
ausstieg. Dem stimmt auch der wirtschaftspolitische Sprecher der CSU-Fraktion, Erwin Huber, zu. Er sagt: „Atomstrom ist in der Herstellung am billigsten, Ökostrom am teuersten. Kein Zweifel: Strom wird teurer.“
Ein Hoffnungsschimmer könnte das internationale Projekt Desertec sein, das der Freistaat unterstützt und das große Unternehmen wie die Munich Re finanzieren. Es soll günstigen Ökostrom aus der Wüste bis nach Deutschland bringen. In Nordafrika ist die Herstellung von Ökostrom billiger, weil die Ressourcen Sonne und Wind im Überfluss vorhanden sind.
Der Sprecher des Wirtschaftsministeriums glaubt jedoch nicht, dass der Wüstenstrom die Aufwärtsspirale der Preise stoppen kann. „Für die Energiewende hat Desertec keine wesentliche Bedeutung“, erklärt er. Und: „Eine Kostensenkung ist dadurch kurzfristig nicht zu erwarten.“
Die Verantwortlichen von Desertec klingen nicht zuversichtlicher. Zwar soll voraussichtlich 2014 ein erstes Photovoltaikkraftwerk in Marokko Strom produzieren und nach Europa liefern. „Doch es handelt sich nur um einen Test“, erklärt ein Sprecher von Desertec in München. „Wir wollen damit beweisen, dass es möglich ist, den Strom aus Nordafrika ins europäische Stromnetz einzuspeisen.“ Der Großteil des erzeugten Stroms soll vor Ort verbraucht werden.

Desertec soll ganz Europa versorgen - irgendwann


Langfristig soll Desertec aber ganz Europa, Deutschland und Bayern versorgen. Gemäß einer Studie, die das Fraunhofer-Institut für Desertec erstellt hat, könnten bis 2050 rund 20 Prozent der deutschen Haushalte Wüstenstrom beziehen. Laut Desertec könnte im Jahr 2050 eine Megawattstunde herkömlicher Strom 73 Euro kosten, Wüstenstrom aber nur 58 Euro – derzeit liegt der durchschnittliche Preis für eine Megawattstunde in Deutschland bei 38 Euro. Noch ist aber nicht einmal geklärt, wie der Wüstenstrom überhaupt ins europäische Netz eingespeist werden kann. Anfang 2013 sollen Details bekannt gegeben werden. Klar ist schon jetzt: Es müssen viele Hürden genommen werden. Ursprünglich war etwa geplant, dass Solarthermiekraftwerke in Nordafrika die Sonnenenergie sammeln sollen. Doch diese Technik ist teuer. Und bisher ist nicht absehbar, wie sie günstiger werden kann.

Essen bei Kerzenschein?


Auch die bayerische Opposition hat Vorbehalte gegenüber Desertec. Ludwig Wörner, energiepolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag sagt: „Mit Wüstenstrom machen sich Deutschland und Europa abhängig. Die Leitungen würden durch viele Länder laufen, die politisch Druck ausüben könnten, indem sie mit der Sperrung der Versorgung drohen.“ Außerdem, so Wörner, greife der Wüstensand angeblich die Photovoltaikanlagen so stark an, „dass mit viel höheren Instandhaltungskosten zu rechnen ist als bisher angenommen“.
Dass Familien in Bayern abends bei Kerzenschein essen müssen, will auch der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) verhindern – über eine flexible Stromsteuer: Wenn die Stromkosten wegen der Energiewende steigen, soll die Steuer sinken. Gleichzeitig müsste der jährliche Anstieg der Strompreise gedeckelt werden. Dann, sagt Zeil, „könnte der Bund die steigenden Kosten nicht einfach auf die Bürger abwälzen“. (Veronica Frenzel)

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Kommentare (2)

  1. Simon P am 02.07.2012
    Erwin Huber rechnet falsch. Er rechnet alle Folgekosten der Energieerzeugung nicht mit. Und er rechnet die drei Milliarden Euro Kohlesubventionen jedes Jahr raus.

    Fazit: Von "teurem" Ökostrom sprechen kann nur jemand, der keine Ahnung hat.
  2. Marcus am 02.07.2012
    Im Zeichen der "Energiewende" sollten alle Möglichkeiten der regenerativen Stromerzeugung in die Planung mit einbezogen werden - unabhängig von Lobbyisten der Konzerne. Es ist schon verwunderlich, dass beim Ökostrom die Kosten voll auf den Strompreis eingerechnet und auf den "kleinen" Verbraucher umgelegt werden. Seinerzeit wurde dieser mit allgemeinen Steuermitteln subventioniert, um den Preis politisch korrekt zu halten.

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