Politik

Bayerische Firmen exportierten im vergangenen Jahr Waren im Wert von 2,1 Milliarden Euro nach Japan. Foto: DAPD

08.04.2011

Von der Katastrophe in die Kurzarbeit

Was Fukushima für Bayerns Wirtschaft bedeutet

Die Verantwortlichen des Hydraulikteile-Herstellers Hawe reagierten schnell: Kurz nachdem das Erdbeben Japan erschüttert und der Tsunami weite Teile Nippons verwüstet hatte, brachte das Management die Tokioter Mitarbeiter in weniger betroffene Regionen des Landes. „Für uns steht die Sicherheit der Mitarbeiter an erster Stelle“, sagt Stefan Schmid, der bei dem Münchner Mittelständler für das Japan-Geschäft zuständig ist. Mittlerweile laufen die Geschäfte laut Schmid wieder. Der Auftragseingang sei zwar nach wie vor spürbar geringer als vor dem Tsunami und dem Beginn der Atomkatastrophe. „Da wir in den betroffenen Regionen im Norden aber kaum engagiert waren, gehen wir bereits mittelfristig von einer Erholung aus“, erläutert Schmid. Langfristig erhoffen sich die Münchner sogar ein dickes Umsatzplus: dann nämlich, wenn die Japaner neue Geräte zum Wiederaufbau benötigen. Im Baumaschinenbereich herrscht schon wieder Bewegung, weiß Schmid zu berichten.

"Potenzial für bayerische Unternehmen.“


Andere bayerische Unternehmen können sich ebenfalls Hoffnungen auf Aufträge bei der Wiederherstellung der Infrastruktur des ostasiatischen Staates machen. Außer Häusern, Straßen und Schienenwegen gilt es auch, Stromleitungen neu zu errichten. So könnten neben der Baubranche und klassischen Maschinenbauern auch Mischkonzerne wie Siemens gute Profite machen. Offen aussprechen will das aber kaum ein Firmenboss – zu groß ist die Angst, als Krisengewinnler dazustehen.
Auch Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw, sieht Potenzial: Die Wiederaufbauleistung erfordere „sehr viele Infrastrukturgüter“. Und in diesem Bereich seien bayerische Unternehmen stark aufgestellt. 100 bayerische Firmen haben derzeit einen Firmensitz in Japan.
Verhaltener gibt sich Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP): „Beim Wiederaufbau in Japan sehe ich durchaus Potenzial für bayerische Unternehmen.“ Man dürfe die Möglichkeiten jedoch nicht überschätzen. „Die von den Schäden betroffenen Präfekturen werden von der japanischen Regierung Gelder bekommen, die in erster Linie den dortigen Unternehmen zugutekommen sollen“, glaubt Zeil. Chancen für bayerische Firmen sieht er etwa bei der Wiederherstellung von Bahnstrecken.
Bislang überwiegen allerdings die negativen Auswirkungen der japanischen Natur- und Atomkatastrophe auf die Wirtschaft im Freistaat. Die dadurch entstandenen Verluste für die Unternehmen dürften allerdings gering bleiben, prophezeit vbw-Mann Brossardt. Zwar ist das Land der aufgehenden Sonne die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt; 2010 gingen aber weniger als zwei Prozent der bayerischen Exporte nach Japan. Waren im Wert von 2,1 Milliarden Euro führten bayerische Firmen im vergangenen Jahr in das fernöstliche Land ein. 40 Prozent der Exporte sind Autos und Lastwägen. Damit rangiert das stark binnenmarktorientierte Japan lediglich auf Platz 14 der wichtigsten Absatzmärkte des Freistaats.
Die Staatsregierung geht deshalb davon aus, dass die ökonomischen Auswirkungen der schrecklichen Ereignisse in Fernost auf die Wirtschaft des südlichsten Bundeslandes eher begrenzt sind – zumindest, solange es zu keinem Super-GAU kommt. Selbst bei den Autobauern halten sich die Sorgenfalten der Manager wegen einbrechender Absätze bislang noch in Grenzen. „Aktuell gehen die Verkäufe schon zurück, die Rückgänge halten sich aber in Grenzen“, sagt etwa ein BMW-Sprecher. Im Jahr 2010 setzte die BMW-Group insgesamt 43 570 Fahrzeuge in Japan ab.
Doch den Autobauern droht ebenso wie der Elektroindustrie ein ganz anderes Problem: Denn Japan ist ein wichtiger Lieferant elektronischer Bauelemente, die für viele Industrieprodukte benötigt werden. Einige Firmen könnten deshalb mittelfristig von den Produktionsstilllegungen in Japan hart getroffen werden.
Die Produktion von BMW wurde nach Konzernangaben bislang nicht in Mitleidenschaft gezogen. „Wir haben nur wenige Direktlieferanten in Japan“, versichert ein Sprecher. Inwieweit Zulieferer von Lieferanten betroffen sind, lasse sich noch nicht abschätzen. Andere deutsche Fahrzeugbauer wie Opel räumen dagegen bereits Nachschubprobleme ein. Laut Bundesarbeitsagentur haben sich sogar bereits Automobilwerke in Bayern nach den Modalitäten für die Einführung der Kurzarbeit erkundigt.
Bei Siemens heißt es hingegen, man habe „nur wenige Lieferanten in der Krisenregion.“ Weiter will sich die Firma nicht zu den Folgen der Katastrophe äußern. Im Geschäftsjahr 2010 erzielten die Münchner in Japan einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro.
Klar ist: Weitet sich die Krise in Japan aus, kommt es im Freistaat vielerorts zu Engpässen. (Tobias Lill)

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