Politik

Dirndl und Janker tragen, winken: Das können auch Ude und Gattin. (Foto: aka)

31.08.2012

Von einem, der auszog, die CSU zu stürzen

Trachtenjanker, Schützenverein, Bierzelt-Trubel: SPD-Spitzenkandidat Christian Ude hat damit begonnen, Wahlkampf zu üben

Gespannt sitzen die acht Burschen auf den Bierbänken. Sie warten auf Christian Ude. Die Plätze – etwas versteckt in der linken Ecke der Scheune – haben sie extra reserviert. Den roten Seehofer-Herausforderer wollen sie sich nämlich auf keinen Fall entgehen lassen. Die  Männer gehören zur Jungen Union (JU) Berchtesgadener Land. „Die Oidn in der CSU ham nach Bekanntwerden von Udes Nominierung zum SPD-Spitzenkandidat gsagt, der gwinnt eh nix auf dem Land“, erzählt der 24-jährige Maximilian Lederer, Vorsitzender der JU Berchtesgadener Land. „Wir Jungen aber sind schon der Meinung, dass er ein ernstzunehmender Gegner ist.“
Es ist Herbstfest in Steinbrünning, einem 17-Einwohner-Ort, der zur Gemeinde Saaldorf-Surheim gehört. Seit 30 Jahren gibt’s dort den traditionellen politischen Abend, den der örtliche Schützenverein organisiert. Und in diesen 30 Jahren ist es das erste Mal, dass ein SPD-Mann ihn bestreiten darf. Die Gegend hier ist SPD-Diaspora. Gerade einmal 5,7 Prozent haben die Sozis hier bei der Landtagswahl 2008 geholt. „Wenn du bei uns als Junger was machen willst, landest du automatisch bei der Jungen Union“, erklärt JU-Mann Lederer. „Denn sonst gibt’s ja eigentlich nichts.“

 


Dass auch der politische Gegner  seine Bierzelt-Auftritte besucht, kennt Ude schon. „Die Faustregel ist: In der vorderen Hälfte sitzt das SPD-Publikum, in der hinteren die Schwarzen, die mir aufmerksam zuhören.“ Münchens OB nutzt gerade die Stadtratsferien, um zwei Wochen lang durch die bayerische Provinz zu tingeln. „Jeden Tag ein Bierzelt“, sagt er, „und an manchen Tagen auch zwei.“
Während in Steinbrünning die Vorbereitungen für seinen Auftritt laufen, fährt Ude samt dirndltragender Gattin Edith Welser-Ude mit der Bayerischen Oberlandbahn  zum Schliersee. Braungebrannt sind sie beide noch vom  Urlaub auf Mykonos, aber auch etwas angespannt angesichts der zwei aufregenden Tage und Nächte, die ihnen die Schwabinger Fliegerbombe beschert hat. Und dann kommt auch noch die nervige Journalistenfrage, ob sich die Freien Wähler mit ihrem Euro-Populismus nicht als Koalitionspartner diskreditieren. „Die Unterschiede zwischen den FW und der SPD sind in dieser Frage nicht größer als die zwischen Seehofers Worten in bayerischen Bierzelten und seinen Taten in Berlin“, kontert Ude. „Und dem Seehofer spricht ja auch keiner ab, dass er mit sich koalieren kann.“ Jetzt aber freut sich Ude aufs bayerische Oberland: „Es wird immer schöner, je weiter ich in die Diaspora vorstoße.“
Am Schliersee hofft SPD-Bürgermeisterkandidat Uwe Schupp vom Ude-Effekt zu profitieren. Ernst Höltschl, seit 50 Jahren in der Partei und Ehrenvorsitzender der SPD Schliersee, kommt mit einem gewagten Vergleich: „Zwölf Jahre lang haben wir den 1. Bürgermeister gestellt. Das war ab 1972 – nachdem der Brandt bei uns zu Besuch war.“

"Er müsst noch ein bisserl  mehr draufhauen"


Stolz führt die Lokalprominenz Ude noch durch die Firma Telair in Miesbach, weltweit führend bei Fracht- und Gepäckladesystemen für Flugzeuge. Technologie in der Provinz – das kann funktionieren, so die Botschaft. Mehr noch aber interessiert sich Ude für die „Event-Chalets“ samt Vier-Sterne-Hotel, die man auf der Schliersbergalm plant. „Die Großstädter nehmen eine solche Naturzerstörung immer erst wahr, wenn sie stattgefunden hat, und dann heißt’s: Warum habt ihr das nicht verhindert“, zürnt Ude. Sein Ärger hat auch einen persönlichen Hintergrund: „Mit dem Großvater bin ich oft in der Schliersbergalm eingekehrt.“
Am Abend geht es ins Feindesland. „Wir denken hier nicht in Fraktionen“ sagt aber Ludwig Nutz, CSU-Bürgermeister von Saaldorf-Surheim, als er Ude im Rathaus empfängt. Stolz stellt er dem Besuch die beiden SPD-ler vor, die im 20-köpfigen Gemeinderat sitzen. „Loyal und konstruktiv ist unsere Zusammenarbeit.“ Ude genießt sichtlich „den schönen Ausflugstag“, an dem sich selbst der politische Gegner freundlich gibt.
Dann wird aber doch noch richtiger Wahlkampf gemacht – in der Steinbrünninger Scheune, in die rund 500 Neugierige gekommen sind. Ude lobt die schöne Landschaft. „Die Berge und Wälder, Täler und Seen hat aber keine politische Partei gemacht, sondern der Herrgott. Ehre, wem Ehre gebührt.“ Und die Verfassung sage nicht, dass es verboten sei, auch mal eine andere Partei zu wählen, scherzt er. „Nach 55 Jahren ist es keineswegs überstürzt, über eine Alternative nachzudenken.“ Auch Udes aktuelles Lieblingsthema kommt nicht zu kurz: Die „hochartistischen Verrenkungen“ Seehofers in der Eurofrage.
Das gibt Applaus – von denen, die vorne sitzen, aber auch von weiter hinten. „Er müsst’ noch ein bisserl mehr draufhauen“, glauben manche aus dem SPD-Publikum. „Ja mei, recht hat er scho“, heißt es von anderen, die noch nie SPD gewählt haben. Ob sie sich bei der Wahl in einem Jahr erinnern – wer weiß. (Angelika Kahl)

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