Politik

20.05.2011

Von Gerechten und Selbstgerechten

Hans Maier versus Gerhard Ludwig Müller: ein innerkatholischer Zwist wie aus dem Lehrbuch Max Webers

Max Weber hätte seine Freude dran. Der Konflikt zwischen dem Politologen Hans Maier und dem Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller ist wie aus seinem Lehrbuch:
Kürzlich untersagte Müller eine in Regensburg angekündigte Lesung Maiers in kirchlichen Räumen, weil Maier die von katholischen Laien gegründete Schwangeren-Beratungsorganisation Donum Vitae unterstütze. Die Lesung findet daraufhin auf nichtkirchlichem Boden statt, mit einer vorausgeschickten geharnischten Erklärung Maiers in Richtung Müller.
Und die Welt staunt ob des bischöflichen Bannstrahls. Immerhin handelt es sich bei Hans Maier um den langjährigen Vorsitzenden des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, einen im Glauben treuen katholischen Gelehrten – und der wird von einem Bischof vor die Tür gesetzt?

"Die Antwort des Pilatus"


Hans Maier, der demnächst 80 wird, hat soeben seine Autobiographie vorgelegt, mit der er nun auf Lesereise unterwegs ist. Die 420 Seiten handeln vom Leben eines engagierten Katholiken und CSU-Politikers, der vor allem als bayerischer Kultusminister (1970 bis 1986) heute noch bekannt ist. In seinem Buch kommt Maier auch auf Differenzen mit Joseph Ratzinger zu sprechen.
Im November 1999 gab es zwischen Ratzinger und Maier Streit wegen der Abtreibungsfrage. Ratzinger verficht die von Papst Johannes Paul II. ausgegebene Weisung, die Kirche müsse sich in Deutschland aus der Schwangerenberatung zurückziehen, weil ihre Beratungsscheine als Legitimation für einen Schwangerschaftsabbruch benutzt werden könnten. Maier hält dagegen: In anderen Ländern gibt es keine Beratungspflicht, nur eine Fristenregelung – wieso macht der Vatikan dagegen nicht Front? Ratzingers Antwort: „Da sind wir nicht involviert.“ Das wiederum hält Maier „für die Antwort des Pilatus“: „sich nur ja nicht einzumischen, damit man am Ende die Hände in Unschuld waschen könne“.

Vatikan? Oder Himmel?


Hans Maier und Joseph Ratzinger, die sich seit Jahrzehnten kennen und schätzen, gehen an diesem Novembertag 1999 „empört“ (Maier über Maier) und „zornig“ (Maier über Ratzinger) auseinander.
Ein geradezu klassischer Fall jenes „abgrundtiefen Gegensatzes“ zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik, wie ihn Max Weber 1919 in seinem Vortrag „Politik als Beruf“ beschreibt: „Verantwortlich fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung nicht erlischt.“ Der „Verantwortungsethiker“ dagegen „fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen.“ Für Max Weber ist der Repräsentant der Gesinnungsethik der Heilige, der der Verantwortungsethik der Politiker.
Die Analogie stimmt auch hier: Hans Maier ist vor allem auch Politiker, wenn auch a.D. , und Müller, der selbsterklärte Statthalter Ratzingers in Regensburg, hat erst jetzt wieder in einem Interview auf die Frage nach seinen persönlichen Karriereplänen gewohnt bescheiden geantwortet: „Man kann nach Rom befördert werden – das entscheidet der Papst, oder in den Himmel – das wird woanders entschieden.“
Nur ein Heiliger weiß eben schon zu Lebzeiten, dass er nach seinem Ableben schnurstracks in den Himmel befördert wird. (Florian Sendtner)

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