Politik

12.08.2011

Von London bis Landshut

Ein Kommentar von Tobias Lill

London brennt. Ein vermummter Mob plündert Geschäfte, prügelt auf Polizisten ein und zündet wahllos Häuser an. Auch andernorts auf der Insel lassen frustrierte Krawallmacher ihrer Zerstörungswut freien Lauf. In Westeuropa nichts Neues, mag mancher denken. Schließlich erreichen den Fernsehzuschauer seit Monaten auch aus anderen EU-Ländern wie Spanien und Griechenland Bilder von zu Bruch gehenden Schaufenstern und Molotowcocktails werfenden Randalierern. Und tatsächlich: So unterschiedlich die verschiedenen Jugendproteste auf den ersten Blick sein mögen – bei den britischen Ausschreitungen spielt die gescheiterte Integration eine große Rolle. Bei genauerem Hinsehen erkennt man viele Gemeinsamkeiten: Die meisten Krawallmacher sind jung, arm und perspektivlos.

Stoibers Kahlschlag


Was das die Deutschen kümmert? Sehr viel. Denn auch unsere Gesellschaft ist vor einem solchen Aufstand längst nicht sicher. Zwar ist die Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik mit 9,1 Prozent deutlich niedriger als im EU-Durchschnitt. Zudem sorgt das nach wie vor gute Sozialsystem dafür, dass Elendsquartiere wie in den Armenvierteln Londons hierzulande noch die Ausnahme sind. Doch auch in Deutschland spüren junge Menschen die Kälte des Casino-Kapitalismus: Fast jeder vierte 18- bis 25-Jährige ist hierzulande arm oder von Armut bedroht – mehr als in jeder anderen Altersgruppe.
Die im Vergleich zur älteren Generation höhere Arbeitslosenquote ist dafür aber nur ein Grund. Viele Heranwachsende leben in einem beruflichen Standby-Modus: Laut IG Metall arbeitete 2010 mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen unter 25 Jahren in befristeten Jobs. Viele schuften als Leiharbeiter, oft im Niedriglohnsektor. Vier von fünf Jugendlichen gehen einer Studie zufolge auch krank zur Arbeit. Doch fehlende soziale Sicherheit gefährdet langfristig auch die innere Sicherheit.
Selbst das reiche Bayern ist keine Insel der Seligen: Hier ist die Zahl der Schulabbrecher besonders hoch, eines der großen Armutsrisiken. Und in Vierteln wie München-Neuperlach gilt Integration noch immer als Fremdwort. Dennoch sparte Edmund Stoiber die Jugendarbeit vor Jahren fast kaputt. Mehr Lehrer, Sozialarbeiter und Wohnungen tun Not.V or allem muss der Staat die Flut von Billigjobs mit einem Mindestlohn eindämmen. Damit aus Landshut nicht London wird.

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 20 (2018)

Umfrage Bild
Abstimmen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. Mai 2018 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Nadja Michler
, Fachreferentin für Wildtiere bei PETA Deutschland e.V.

(JA)

Hubert Aiwanger, Vorsitzender der Freien Wähler und Jäger

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2017

Ausgabe vom
24. November 2017

Weitere Infos unter Tel. 089/290142-65 oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download (PDF, 18 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.