Politik

Schlafplätze unterm Basketballkorb - der Unmut über belegte Sporthallen wächst in den Gemeinden. (Foto: dpa)

02.11.2015

Wachsender Unmut

Viele Turnhallen in Bayern sind mit Flüchtlingen belegt. Die Sportvereine und Schulen stellt die Zweckentfremdung der Sportstätten vor Probleme

Eigentlich sollten Turnhallen die letzte Alternative sein, wenn es um die Unterbringung von Flüchtlingen geht. Weil der Zustrom nicht abreißt, werden aber immer mehr Hallen in Bayern zweckentfremdet, was Sportvereine und Schulen vor Probleme stellt. "Bisher haben wir versucht, andere Lösungen zu finden. Aber die Zahl der Flüchtlinge wächst immer weiter, so dass wir um die Belegung von Turnhallen nicht herumkommen", sagt der Präsident des Bayerischen Landkreistags und Deggendorfer Landrat Christian Bernreiter (CSU). Die Situation sei schwierig und die Akzeptanz nehme immer weiter ab. "Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist nach wie vor groß. Aber wenn Sporthallen längere Zeit nicht nutzbar sind, stößt das auf großen Widerstand."

Bernreiter kann den wachsenden Unmut in der Bevölkerung verstehen. "Man sperrt Kinder vom Schulsport aus und nimmt Sportvereinen ihre Trainingsmöglichkeit", sagt er. Vielen sei zudem bewusst, dass die Hallen nicht nur für kurze Zeit belegt sind. "Das wird in vielen Fällen Monate dauern, bis die Turnhallen wieder frei sind." Der Landrat sieht jedoch für sich und seine Kollegen im Land keine anderen Möglichkeiten, wenn immer mehr und vor allem kurzfristig große Notunterkünfte gebraucht werden. "Auch wenn wir es nicht wollen, müssen wir jeden freien Platz hernehmen und auch auf Turnhallen zurückgreifen." Vor allem jetzt, wenn der Winter kommt.

Der Unmut wächst

Mit der Zahl der ankommenden Flüchtlinge ändert sich auch die Zahl der Turnhallen, die für die Noterstaufnahme benötigt werden, fast täglich. Eine Übersicht, wie viele es aktuell bayernweit sind, gibt esnicht. In Schwaben können nach Angaben der Bezirksregierung derzeit zwölf Turnhallen und eine Tennishalle nicht für den Schul-und Vereinssport genutzt werden. In Unterfranken sind es sieben Hallen. Die Regierung von Oberbayern bringt im Rahmen des Asylnotfallplans aktuell rund 1500 Asylbewerber in zehn Turnhallen unter. Wie viele Flüchtlinge die 20 Landkreise und drei kreisfreien Städte in Oberbayern dezentral in Sporthallen unterbringen, ist der Bezirksregierung nicht bekannt. Dafür sind die Kreisverwaltungsbehörden selbst zuständig.

Die Entwicklung in der Flüchtlingskrise und die zunehmend sehr kurzfristige Belegung kommunaler Turnhallen stellt für die Sportvereine in Bayern flächendeckend ein Problem dar, sagt Thomas Kern, Geschäftsführer des Bayerischen Landes-Sportverbands (BLSV) in München. Sollten noch mehr Hallen zu Unterkünften umfunkioniert werden, seien die Ausweichmöglichkeiten für Vereine irgendwann ausgeschöpft und das Sportangebot nicht mehr aufrechtzuerhalten. "Auf Dauer wird das nicht funktionieren. Schon jetzt werden aus allen Regionen Engpässe gemeldet, die Grenzregionen sind natürlich besonders belastet", sagt Kern.

Es gebe zwar eine große Solidarität mit den Flüchtlingen, die Schulen und 12 000 Sportvereine im Freistaat seien aber auf funktionale Sporträume in angemessenem Umfang angewiesen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie dort Sportangebote für Asylsuchende anbieten und damit wichtige Integrationsarbeit leisten. Der BLSV ist zudem der Ansicht, dass Sporthallen als Massenunterkünfte ungeeignet sind. "Die Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen kommen, finden in den Hallen keine Privatsphäre", sagt Kern.

Kultusministerium: Die Mehrheit der Schulen kann auf andere Sportstätten ausweichen

Dass Turnhallen nicht zweckentfremdet werden sollen - diese Meinung vertreten auch die drei großen Sportvereine im oberbayerischen Wolfratshausen. Wie Bürgermeister Klaus Heilinglechner sagt, stellen sich die Vereine vehement gegen die Belegung von Sport- und Turnhallen. "Es ist eine schwierige Situation. Wir sind natürlich bemüht, den sozialen Frieden in der Stadt zu bewahren", sagt der Bürgermeister. Inzwischen habe man sich mit den Vereinsvertretern darauf geeinigt, dass die Stadt grundsätzlich die Hallen nicht freiwillig für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung stellt. "Wenn wir keine Alternative haben, werden wir aber nicht darum herumkommen."

Die Mehrheit der Schulen, deren Hallen derzeit belegt sind, kann nach Angaben des Kultusministeriums in München auf andere Sportstätten ausweichen. Wo dies nicht möglich ist, müsse der Sportunterricht aber nicht ausfallen, sagt ein Ministeriumssprecher. Die Schulen könnten beispielsweise ihre Außenflächen oder Räume wie die Aula nutzen und koordinative Übungen auch im Klassenzimmer umsetzen. (Birgit Ellinger, dpa)

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Kommentare (1)

  1. Enrico Stiller am 02.11.2015
    Der Ethnologe Alfred Kroeber erfand im 19. Jahrhundert das Theorem der "cultural fatigue" - vereinfacht gesagt, des Überdrusses an der eigenen Kultur. Er machte dies an der Aufgabe des Tabu-Systems im vor-amerikanischen Hawaii fest. Das Ergebnis ist bekannt - Hawaii wurde von den USA annektiert.
    Was zur Zeit in Deutschland abläuft, ähnelt dem in frappierender Weise. Wir schaffen uns selbst ab - mit einer grimmigen Entschlossenheit, die sich selbst Sarrazin vor einigen Jahren noch nicht hätte träumen lassen.
    Für die entsprechenden Motive gibt es gängige psychologische Erklärungsmuster: vom Masochismus bis zum Selbsthass. Wie das historisch zu erklären ist, ist klar und bedarf keiner Erläuterung mehr. Erstaunlich ist daran nur noch die permanente Nabelschau in der Mainstream-Presse, die es nicht einmal für nötig hält, sich zu fragen, wieso Deutschland neben Österreich mit dieser Politik des "Lasst-alle-die-wollen-zu-uns-kommen" fast allein steht.
    Rund um Deutschland diagnostiziert man, dass das deutsche Volk wieder einmal verrückt geworden ist.
    Nur in Deutschland nicht. Da hält man alle anderen für moralisch minderwertig.
    Was für ein Irrenhaus.

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