Politik

Letzte Zuflucht Frauenhaus: Leider sind die Wartelisten lang. (Foto: dpa)

25.04.2014

Wegen Überfüllung geschlossen

Bayerns Frauenhäuser führen lange Wartelisten - schnelle Hilfe ist kaum mehr möglich

Streit, Prügel, Missbrauch: Flüchten Frauen vor häuslicher Gewalt, sind sie oft in einer akuten Notsituation – besonders, wenn auch Kinder betroffen sind. Manchen bleibt dann nur eines: Schutz suchen in einem Frauenhaus. Doch dort werden sie immer häufiger abgewiesen. „Unsere Warteliste ist einfach zu lang“, klagt Melanie Schauer vom Frauenhaus der Frauenhilfe München. „Oft bleibt uns nichts anderes übrig, als die Frauen an die Polizei zu verweisen.“ Wartelisten in den Einrichtungen gibt es aber nicht nur in der Landeshauptstadt – in ganz Bayern wird über Platzmangel geklagt.
Im Freistaat gibt es 38 staatlich geförderte Frauenhäuser mit insgesamt 340 Plätzen für Frauen und 404 Plätzen für Kinder. Daneben halten einige Kommunen eigene Sozialwohnungen oder Notunterkünfte bereit. Das macht in Bayern 1,17 Plätze pro 10 000 Einwohnerinnen zwischen 18 und 60 Jahren. Im bundesweiten Vergleich hat nur das Saarland mit 1,05 noch weniger Plätze, in Bremen sind es dagegen 3,63 Plätze im Schnitt.
Und der Druck in Bayern steigt: Lag die durchschnittliche Auslastungsquote bayerischer Frauenhäuser laut Sozialministerium im Jahr 2011 bei 87 Prozent, stieg sie im Jahr 2012 auf 91 Prozent. 2013 betrug sie in Nürnberg  94Prozent, in München sogar 98 Prozent – im Jahresschnitt. Das heißt, an fast allen Tagen im Jahr sind die Einrichtungen komplett dicht.

Hauptursache: Wohnungsnot


Auch im Regensburger Frauenhaus gibt es aktuell keinen freien Platz. „Aber nicht weil immer mehr Frauen Hilfe suchen“, betont Sozialpädagogin Irmgard Winhard. „Aufgrund des angespannten Wohnungsmarktes ist die Aufenthaltsdauer der Frauen länger. Sie finden keine bezahlbare Unterkunft.“ Das bestätigt auch Gabriele Penzkofer-Röhrl, Leiterin des Nürnberger Frauenhauses: „Die Frauen bleiben bei uns heute wesentlich länger, als sie es aufgrund der Gefährdungslage müssten.“ Die Folge: Aktuell warten in Nürnberg zwölf Frauen auf einen Platz.
Laut der Richtlinie zur Förderung von Frauenhäusern in Bayern des Sozialministeriums sollte die Aufenthaltsdauer „in der Regel sechs Wochen nicht überschreiten“. „Das ist völlig utopisch“, heißt es aus den Einrichtungen unisono. In Erlangen bleiben die Frauen im Schnitt 77 Tage, in Nürnberg 63 Tage. Dort gilt eine Aufenthaltsbegrenzung von sechs Monaten, die aber bei Bedarf verlängert werden kann und auch wird. 18 Zimmer hat die Einrichtung. „Und manchmal müssen sich Frauen ein Zimmer teilen“, erklärt Penzkofer-Röhrl. Ein Notbett steht außerdem im Beratungstrakt – „für absolute Notsituationen“, betont Penzkofer-Röhrl.
Auch Bayerns Frauenministerin Emilia Müller (CSU) sieht Handlungsbedarf. Sie kündigt an, noch in diesem Jahr in enger Abstimmung mit den kommunalen Spitzenverbänden – sie sind die Hauptfinanziers der Frauenhäuser – eine bayernweite, wissenschaftlich begleitete Bedarfsermittlung in Auftrag zu geben. Liegen die Ergebnisse vor, wird auch die Frage zu klären sein, ob die derzeit von Staat und Kommunen aufgewendeten Mittel für die Frauenhausfinanzierung ausreichend sind, teilt das Ministerium der Staatszeitung mit. Derzeit beteiligt sich das Land mit rund 950 000 Euro im Jahr. „Für ein reiches Land wie Bayern sind die finanzielle Ausstattung der Frauenhäuser und Unterstützungsangebote für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen ein Armutszeugnis“, sagt Claudia Stamm, haushaltspolitische Sprecherin der Landtagsgrünen.
Mehr Geld für zusätzliche Plätze sei aber nur ein Aspekt, betont Winhard aus Regensburg. „Noch sinnvoller wäre die Förderung von Nachfolge- und Wohnprojekten für die meist alleinerziehenden Frauen, die sich keine Wohnung leisten können“, sagt sie. Ähnlich sieht man das auch in München und Nürnberg. Denn dann könnten nicht nur die frei werdenden Plätze an Frauen vergeben werden, die dringend Schutz brauchen. „Man darf nicht vergessen“, sagt Winhard, „für Mütter und Kinder ist ein Leben in einem Frauenhaus eine große Belastung.“ (Angelika Kahl)

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