Politik

07.01.2011

Wenn Bomben zum Alltag gehören

Serie: Blaulicht – Bayerns Polizei im Einsatz (XXI): Manuel Lesk hat als Sprengstoffentschärfer schon viele Menschenleben gerettet

Es ist zwei Uhr nachts, als das Telefon klingelt. Manuel Lesk schreckt aus dem Schlaf. Sein Vorgesetzter ist dran. In Barbing bei Regensburg wurde ein Toter gefunden, gestorben bei einer Explosion in seinem Auto. Lesk ist hellwach. Er muss sofort nach Barbing fahren. Was er nicht ahnt: Es sollte der längste Einsatz seines Lebens werden.
Lesk ist Entschärfer, er arbeitet bei der Spezialeinheit des bayerischen Landeskriminalamts, die sich um Sprengstofffunde kümmert, seit 16 Jahren. Davor hat er eine Ausbildung zum Elektriker gemacht und Ingenieurswesen studiert. Als er seinen Abschluss hatte, fand er keine Stelle und fragte einen Bekannten, der bei der Polizei arbeitete, ob man dort einen wie ihn brauchen könnte. Der Bekannte schlug ihm die Einheit für Entschärfer vor. Etwa die Hälfte der Mitarbeiter sind dort Ingenieure, die andere Hälfte sind Polizisten.


Sprengfalle in der
Wohnung des Nebenbuhlers

Lesk stellte sich vor und wurde genommen. Neben seiner Ausbildung überzeugte er mit seinem Charakter: Lesk ist ein ruhiger, besonnner Typ – das ist für den Beruf besonders wichtig. „Auch wenn wir eine gefährliche Arbeit machen: Wir sind keine Cowboys”, sagt Lesk heute. „Wir wissen genau, was wir tun.”
Bevor er selbst verdächtige Objekte, in denen Sprengstoff stecken könnte, anpacken durfte, musste er noch zwei Jahre lang eine Ausbildung absolvieren. „Während der Zeit habe ich gemerkt, dass der Beruf genau mein Ding ist”, erinnert er sich. Dabei sind die Arbeitsbedingungen schwierig: Wenn irgendwo im Freistaat Sprengstoff gefunden oder vermutet wird, müssen er und seine Kollegen los. Einen geregelten Arbeitstag kennen sie nicht. „Wir sitzen immer auf gepackten Koffern”, sagt er.
Als er vor sechs Jahren mitten in der Nacht von der Explosion in Barbing erfuhr, war er zehn Minuten später gemeinsam mit einem Kollegen im Auto auf dem Weg zum Tatort. Als Lesk in jener Nacht dort ankommt, haben die Streifenpolizisten die Umgebung bereits geräumt, auch sie selbst sind auf großen Abstand zum explodierten Wagen gegangen.
Lesk zieht einen Schutzanzug an, in dem er aussieht und sich bewegt wie ein Astronaut, der gerade auf dem Mond gelandet ist. Rund 40 Kilogramm wiegt die Kleidung, bis auf die Hände bedeckt sie ihn komplett. Er nähert sich vorsichtig dem Auto, sieht jedes Teil, das im Umkreis liegt, genau an, vor allem die Dinge, die zu der Bombe gehören könnten. Als der Beamte fertig ist, gibt er Entwarnung: Es war eine Rohrbombe, weitere Explosionen sind ausgeschlossen.
Lesk und seine Kollegen müssen immer auf einen Einsatz wie in Barbing vorbereitet sein. Regelmäßig machen sie deshalb Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining, damit der schwere Schutzanzug für sie wirklich ein Hilfsmittel ist und kein Handicap. Außerdem bauen sie häufig selbst Bomben, verstecken sie in verlassenen Häusern und entschärfen sie anschließend. „Um die Mechanismen der Bomben zu kennen, müssen wir selbst welche bauen”, sagt Lesk. Sie müssen auch genau wissen, welche Sprengmittel gerade auf dem Markt sind. Um auf dem neuesten Stand zu bleiben, tauschen sie sich auch mit Kollegen in Österreich und in der Schweiz aus.
„Im Gegensatz zu uns Polizeibeamten kennen die Täter keine Grenzen. Sie holen sich die Bestandteile für ihre Bomben auch aus den Nachbarländern”, erklärt Lesk. Seine Einheit müsse deshalb wissen, „was dort gerade üblich ist”.
Als klar ist, dass vom Auto in Barbing keine Gefahr mehr ausgeht, ist der Einsatz für Lesk noch lange nicht vorbei. Die Kollegen von der Kriminalpolizei haben mittlerweile herausgefunden, dass der tote Mann mit der Bombe, die ihm das Leben genommen hat, eigentlich den neuen Freund seiner Ex-Freundin töten wollte. Eine Beziegungstat. Lesk und sein Kollege müssen deshalb sofort die Wohnung der früheren Partnerin des Toten und die Wohnung von deren neuem Lebenspartner nach möglichen weiteren Bomben absuchen. Auch die Wohnung des Toten müssen sie auseinandernehmen und die Werkstatt finden, in der er die Sprengfallen gebaut hat.
Ein Großteil der Bomben in Bayern wird aus Eifersucht gebastelt. “Manche Männer ticken wirklich aus, wenn Gefühle im Spiel sind”, sagt Lesk. Aber auch Streit in der Verwandtschaft lässt Menschen zu Sprengstoff greifen. Erbstreitigkeiten sind häufig der Grund dafür, dass jemand eine Bombe legt. Auch in der Drogenszene, im Rotlichtmilieu oder unter Rockerbanden ist es üblich, Auseinandersetzungen mit Explosionen zu lösen.
In den seltensten Fällen stecken Terroristen hinter den Bomben, die Lesk und seine Kollegen entschärfen muss. Trotzdem bergen Terroranschläge die größte Gefahr, da sie gezielt das Sicherheitssystem der Polizei angreifen und möglichst viele Leute treffen wollen.
Wie viele Entschärfer in Bayern arbeiten, soll deshalb niemand wissen. Denn die Täter sollen keinen Anhaltspunkt haben, wie die Polizei arbeitet. „Wenn ein Terrorist zum Beispiel weiß, dass fünf Entschärfer in Bayern arbeiten, dann können die Täter uns überfordern und sechs Bomben legen”, erklärt Lesk. In den meisten Fällen werden die Entschärfer von den Streifenpolizisten gerufen, weil irgendwo ein einsamer Koffer oder ein anderes verdächtiges Objekt herumsteht. Wenn Lesk und die Kollegen gerufen werden, dann besteht fast immer wirklich eine Gefahr.
Weit weniger als die Hälfte der Einsätze geht auf einen Fehlalarm zurück. Die Streifenpolizisten werden von der Spezialeinheit für Sprengstoff geschult, damit sie die Gefahr von verdächtigen Gegenständen einschätzen können. Wenn ein abgestellter Koffer beim Haus eines Politikers oder eines Prominenten gefunden wird, ist die Wahrscheinlichkeit zum Beispiel viel größer, dass sich darin wirklich Sprengstoff befindet, als wenn der Koffer in einer normalen Wohnsiedlung steht.
Es ist immer noch mitten in der Nacht, als Lesk in der Wohnung der Freundin des Mannes ankommt, der bei der Explosion ums Leben gekommen ist. Sein Kollege ist unterdessen im Apartment des Nebenbuhlers. Es muss jetzt alles schnell gehen, nichts kann auf später verschoben werden. Keiner weiß, ob es noch weitere Bomben gibt und wann diese gezündet werden.
Immer noch im Schutzanzug tastet Lesk sich voran. Er findet eine Sprengfalle im Eingangsbereich. Die umliegenden Wohnungen werden geräumt. Konzentriert entschärft er die Bombe. Auch sein Kollege findet eine Sprengladung. Mehr als 21 Stunden waren die beiden am Ende im Einsatz. „Ich hatte zeitweise das Gefühl, ich sei im falschen Film”, sagt Lesk heute, sechs Jahre nach dem Einsatz. “Nach und nach kamen immer mehr Sprengfallen zum Vorschein.”
Angst habe er bei den Einsätzen aber noch nie gehabt, sagt Lesk. „Ich bin so auf die Sache konzentriert, dass ich mir währenddessen gar keine Sorgen darüber machen kann, was mir passieren könnte.” Erst nach dem Einsatz, wenn klar ist, wie gefährlich die Situation tatsächlich war, habe er manchmal ein mulmiges Gefühl.


Bisher ist in Bayern alles glimpflich abgelaufen


Auch wenn jeder Fall anders ist und jede selbstgebaute Bombe anders funktioniert, folgen die Einsätze der Entschärfer immer einem Protokoll. Zuerst geben die Polizisten, die das verdächtige Objekt gefunden haben, Zeugenaussagen und alle weiteren Informationen, die sie zusammengetragen haben, an ihn weiter. Je nach Situation und Lage entscheidet Lesk, wie groß das Gebiet ist, das gesperrt wird. „Es ist nicht einfach, die Gefahr einzuschätzen. Von der Größe des Objekts kann man zum Beispiel nicht auf die Wirkung schließen”, erklärt Lesk. Mit der Erfahrung entwickle man „ein Gefühl dafür”.
Während der Ausbildung begleiten die künftigen Entschärfer die Einsatzteams zwar, sie dürfen aber nur beobachten. Danach assistieren sie einem erfahrenen Kollegen. Erst nach etwa einem weiteren Jahr dürfen die neuen Entschärfer selbst die Sprengfallen auseinandernehmen.
Auch heute noch besuchen Manuel Lesk und seine Kollegen regelmäßig Fortbildungen. Sie trainieren nicht nur die Einsätze, sondern auch das Steuern von Robotern, die ihnen oft beim Entschärfen helfen. Wenn ein verdächtiges Objekt gefunden wird, steuert der Entschärfer es mit dem Roboter aus sicherer Entfernung an, dank einer eingebauten Kamera mit großer Präzision. Der Roboter bohrt dann das Objekt an, damit der Entschärfer später mit einer kleinen Kamera sehen kann, ob sich tatsächlich Sprengstoff darin befindet.
„Das regelmäßige Üben ist wichtig, denn man darf nie in Routine verfallen”, sagt Lesk. Das sei die größte Gefahr. Denn kein Objekt gleiche dem anderen.
Bisher ist noch keinem Entschärfer in Bayern bei der Arbeit etwas zugestoßen. „Und so soll es auch bleiben”, sagt Lesk. Mittlerweile ist er selbst für seine Kollegen verantwortlich als stellvertretender Leiter der Abteilung. Sein Traumberuf ist die Arbeit als Entschärfer immer noch.
(Veronica Frenzel)

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