Politik

Die Zahl der Übergriffe auf Vollstreckungsbeamte stieg im Freistaat von 1999 bis 2008 um 27,5 Prozent. Foto DPA

12.11.2010

Wenn Helfer Hilfe brauchen

Serie: Blaulicht – Bayerns Polizei im Einsatz (Teil II): Stiftungshäuser bieten traumatisierten Beamten eine Zuflucht

Immer mehr Polizisten in Bayern werden Opfer von Gewalt. Vom Staat fühlen sich viele Betroffene mit ihrem Leid allein gelassen. In Stiftungshäusern im Voralpenland lernen traumatisierte Beamte aus dem ganzen Bundesgebiet mit dem Erlebten umzugehen und sich von den Übergriffen zu erholen.

Zunächst war es eine ganz normale Verkehrskontrolle für die Polizisten, doch sie endete mit dem Amoklauf eines Autofahrers, der bis an die Zähne bewaffnet war. Dabei wurde einer der Beamten schwer verletzt, drei weitere durch Streifschüsse leicht. Der Täter tötete zuerst seine Frau, dann sich selbst. Er starb vor den Augen der Polizisten, während diese noch auf den herbeigerufenen Rettungswagen warteten.
Noch Jahre danach lässt dieses Erlebnis eine der beteiligten Polizistinnen nicht los: Die schwere Verletzung des Kollegen; die eigene Angst, die Schmerzen; das Gefühl der Hilflosigkeit, während andere Menschen vor ihren Augen sterben. Zu viele starke Gefühle bleiben zurück.


Jugendgangs verbünden sich gegen die Polizei

Zunächst merkt Sabine S. das nicht. Ihre Verletzung heilt, der Dienstalltag geht weiter. Einige Zeit gelingt es ihr, die Auswirkungen des Erlebten zu unterdrücken. Doch dann kommt alles hoch. Sabine S. bricht zusammen. Sie macht Therapien, besucht eine Selbsthilfegruppe. Das alles hilft, doch der Alltag bleibt schwierig.
Dann hört sie durch eine Freundin von den Stiftungshäusern in Bayern. „Auch Helfer brauchen Hilfe“, sagt Berend Jochem. „Wir leisten hier Hilfe zur Selbsthilfe, damit die Kollegen selbstständig wieder Freude und Lebensmut finden. Sie sollen zurück zu sich selbst finden und sich wieder etwas zutrauen“, erklärt der Leiter der drei Häuser, die die Stiftung der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) im Freistaat unterhält.
Doch wie soll das gelingen? Einerseits durch den erholsamen Aufenthalt in einem der schön gelegenen Häuser in Lenggries, in Fall oder am Walchensee. Und durch Gespräche.Opfer begegnen hier anderen Betroffenen, die wissen, wovon der Feriengast ihnen gerade berichtet: anderen Polizisten, die vielleicht Ähnliches erlebt haben. „Das sind berufserfahrene Kollegen, die sich bei einem Spaziergang oder einem Glas Wein mit dem einen oder anderen hier unterhalten; die zuhören, von eigenen Erfahrungen berichten und dem Gegenüber wieder das Gefühl geben: Du schaffst das.“
Mal entwickeln sich diese Gespräche ganz von alleine unter den Erholungsgästen in den Ferienwohnungen – abends beim Grillen zum Beispiel. In jedem Fall aber hat Berend Jochem ein Netzwerk von Kollegen aufgebaut. Menschen, denen vielleicht auch einmal geholfen wurde, und die ihre wieder gewonnene Stärke jetzt gerne an andere weitergeben möchten. „Das ist für mich Gemeinschaft: Dass einem Leute helfen, die denselben Beruf haben und die selbst etwas bewältigt haben und nun vermitteln: Du schaffst das“, erklärt Jochem, während er in seinem Büro sitzt.
Draußen im Hausflur bricht gerade eine kleine Gruppe zur Heimfahrt auf: die Witwe eines Polizisten, der noch vor seinem 40. Geburtstag an Krebs gestorben ist, und ihr vierjähriger Sohn. Soeben haben sie eine Woche mit einer Freundin und deren gleichaltrigem Kind in dem Gästehaus in Lenggries verbracht. Auch private Schicksale gehören zu den „Stiftungfällen“, die hier aufgenommen werden.
Es gibt zwei Gruppen von Urlaubern in den Erholungshäusern: Polizisten und andere Mitglieder von Rettungsberufen aus ganz Deutschland, die eine der Wohnungen mieten, um mit Partner oder Familie dort Ferien zu machen. Die andere Gruppe der Stiftungsfälle setzt sich genauso zusammen, doch sie bekommt den – meist einwöchigen Aufenthalt – von der Stiftung gezahlt, Verpflegung ausgeschlossen.
Aber außer Berend Jochem und seiner Frau, die in der Stiftung mitarbeitet, weiß niemand, wer Selbstzahler und wer eingeladen ist. Darauf wird streng geachtet. Alle Gäste sollen unbefangen miteinander in Kontakt kommen, wenn sie das wollen. Erst vor drei Jahren ist das Stiftungsbüro aus Platzgründen von München in eines der Ferienhäuser nach Lenggries umgezogen. Ein Glücksfall, wie die Mitarbeiter finden. Die räumliche Nähe zu den Gästen habe viele Vorteile. „Bei uns im Büro kann man immer anklopfen“, sagt der Leiter, der selber viele Gespräche mit den Gästen führt, wenn diese das wünschen.
Auffällig ist, dass die Anfragen für einen solchen Aufenthalt immer mehr werden. Vor Berend Jochem stehen zwei Ordner mit Korrespondenz bis Mitte 2010. Im Jahr 2009 waren es auch zwei – aber für das ganze Jahr. Warum das so ist? Dafür gibt es ein ganzes Bündel von Gründen, glaubt der Stiftungsleiter. Eine wichtige Ursache sei sicher die zunehmende Aggression gegenüber Polizisten. „Heute ist es schon beinahe normal, Polizisten verbal zu attackieren. Ausdrücke wie Scheißbulle sind Alltag – nicht nur bei sozialen Randgruppen“, so Jochem. Der menschliche Respekt gegenüber den Beamten sei geschrumpft, was durchaus auch mal am Selbstwertgefühl zehre.
Gezielte Attacken auf Polizisten sind im Freistaat längst keine Einzelfälle mehr. „Die Angriffe auf unsere Beamten haben dramatisch zugenommen”, sagt Harald Schneider, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Bayern. Früher sei bei einer Schlägerei meist schnell Ruhe eingekehrt, wenn die Polizei kam. Heute würden sich die rivalisierenden Gruppen beim Eintreffen der Streife immer öfter sogar verbünden und gemeinsam auf die Polizei losgehen. Laut dem bayerischen Innenministerium stieg die Zahl der erfassten Übergriffe auf Vollstreckungsbeamte im Freistaat allein von 1999 bis 2008 um 27,5 Prozent auf 3552.
Ein anderer Aspekt ist der, dass die Beamten sich natürlich auch damit beschäftigen, was für Folgen ein polizeilich gewordener Vorfall für die Beteiligten hinterher hat: „Wir erleben, dass die Polizisten immer mehr damit zu tun haben, dass heute den Tätern sehr geholfen wird, während die Opfer eher alleine gelassen werden“, erzählt Jochem aus dem Seelenleben seiner Kollegen.


Deutschlandweit
einmaliges Projekt


„Der Beruf des Polizisten ist nicht schwerer, aber anders geworden“, resümiert der 65-Jährige. Berend Jochem spricht aus Erfahrung. 43 Jahre hat er als Polizist gearbeitet. 1972 war er bei den Olympischen Spielen eingesetzt, hat das Attentat erlebt. Anschließend wurde er zum Scharfschützen ausgebildet, um später selber Ausbilder für Scharfschützen zu werden. 20 Jahre hat er sich neben der Dienstzeit als Personalrat und Gewerkschaftler engagiert.
Dann, vor 13 Jahren, hat er die Stiftung gegründet. Jochems Erkenntnis: „Wir müssen uns selbst helfen. Der Staat kann bestimmte Dinge leisten, aber nicht die Seele austauschen.“ Stattdessen müssen die Kollegen sich untereinander helfen. Denn Solidarität kommt im Arbeitsalltag zu kurz, findet Jochem – besonders Unterstützung durch höhere Dienststellen: „Ich kenne viele Polizisten, die sagen: Ich glaube, ich hätte es geschafft, wenn mir doch nur einer von den Vorgesetzten damals zur Seite gestanden hätte, gefragt hätte, wie es mir geht, was er für mich tun kann, ob er mich vielleicht zur Gerichtsverhandlung begleiten soll - statt einzig und allein über meine Beurteilung zu reden“, sagt Jochem.
Er hat klare Vorstellungen, wie der Staat seine Ordnungshüter besser unterstützen könnte: „Wir sind der Meinung, dass alle diese Polizeibeamten Sonderurlaub bekommen sollen, wenn sie in unsere Häuser kommen – wir helfen kostenlos und der Staat drückt seine Solidarität durch fünf Tage Sonderurlaub aus. Natürlich nicht für einen Fingerbruch, aber bei schwerwiegenden Verletzungen von Leib oder Seele“, findet der Stiftungsleiter.
Die Organisation erhält Geld durch Spenden, Bußgelder und Vermächtnisse. „Lokal sammeln wollen wir nicht, weil wir den örtlichen Vereinen nicht das Wasser abgraben wollen“, sagt Jochem. Im Fokus sind größere Unternehmen: So stellt BMW einen Jahreswagen für die Mitarbeiter der Stiftung zur Verfügung. Handwerker arbeiten kostenlos, um die Immobilien in Schuss zu halten. Stiftungsvorstand und -beirat arbeiten unentgeldlich.
Entscheidend für eine Zusage der Stiftung ist nur die physische und psychische Belastung des Erholungssuchenden: „Morgens zwischen sechs und sieben Uhr lese ich die Mails, die nachts gekommen sind und bearbeite sie sofort. Für die Genehmigung eines Sachverhalts, der klar ist, brauche ich nicht länger als die Zeit zum Durchlesen.“ Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft ist nicht nötig, und die Stiftungsfälle kommen aus ganz Deutschland, denn kein anderes Bundesland hat eine solche Stiftung. (Alexandra Stoffel)

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