Politik

13.01.2012

"Wir brauchen eine Frauenquote"

Sie ist die erste Rabbinerin Bayerns: Antje Yael Deusel über Vorurteile, Neo-Nazis und Judentum in Deutschland

Seit Ende November hat Bamberg eine Rabbinerin: Die Urologin Antje Yael Deusel wurde als erste deutsche Jüdin im eigenen Land ausgebildet und ordiniert. Als Ärztin arbeitet die 51-jährige Fränkin weiterhin. Ihre Gemeinde kann sich keine Vollzeit-Rabbinerin leisten. Für Urlaub und Freizeit bleiben deshalb kaum Zeit.

BSZ: Frau Deusel, warum wollten Sie unbedingt Rabbinerin werden?
Deusel: Ich habe gemerkt, dass die Leute Bedarf an rabbinischem Wissen haben, es aber niemanden gibt, der ihnen das bieten kann. Es gibt einen Passus im Buch Exodus, in dem sich Moses umschaut und sieht, dass da kein Mann ist, der helfen kann. Also macht er es selbst.

BSZ: Sie brechen nicht zum ersten Mal in eine Männerdomäne ein. Als Sie Ihren Facharzt in Urologie gemacht haben, gab es kaum Frauen in dem Bereich. Wollen Sie bewusst Männercliquen aufmischen?
Deusel: Nein, ich bin Urologin geworden, weil ich es werden wollte. Das heißt, eigentlich wollte ich Urologe werden. Genauso wollte ich auch nicht Rabbinerin, sondern Rabbiner werden. Ich differenziere hier nicht in männlich und weiblich.

BSZ: Aber Sie mussten doch sicher gegen Vorurteile kämpfen?
Deusel: Als ich 1986 in Erlangen am Krankenhaus anfing, hat ein Kollege auf der Straße vor mir ausgespuckt und gesagt: „Du nimmst einem Mann den Platz weg.“

BSZ: Sind Sie für eine Frauenquote?
Deusel: Ja, sie könnte den Frauen die Chance geben, zu zeigen, was sie können. Auch die Skeptiker würden schnell merken: Oho, die können ja wirklich etwas. Mir erging es in der Urologie selbst so. „Das hätte ich nicht gedacht, dass eine Frau so zupacken kann“, hat ein Vorgesetzter einmal über mich gesagt. Zuvor hatte er noch gefragt, ob ich zur Verzierung da sei. Diese Zeiten sind in der Medizin zum Glück vorbei.

BSZ: Gibt es in Ihrer Gemeinde Vorbehalte, weil Sie eine Frau sind?
Deusel: Es gab Kritik, sie war aber nie bösartig. Und eigentlich betraf sie immer andere Dinge, zum Beispiel bestimmte Formen der Liturgie. Aber das wurde manchmal mit der Frage vermischt, ob auch eine Frau Rabbi sein kann. Aber nur weil ich als Frau das Amt bekleide, heißt das nicht, dass ich automatisch dem liberalen Judentum zuzuordnen bin. Ich selbst betrachte mich eher dem traditionellen Spektrum zugehörig.

BSZ: Was sehen Sie als Ihre Hauptaufgabe?
Deusel: Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen – in diesen jungen Menschen liegt ja die Zukunft unserer Gemeinden und damit des Judentums im Allgemeinen, und in Deutschland im Besonderen.

"Wir kriegen immer wieder braune Liebesbriefe"

BSZ: Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann hat bei Ihrer Ordination betont, den Kampf gegen Rechtsextremismus fortzusetzen. Wie stark beschäftigt Sie dieses Thema selbst?
Deusel: Wir kriegen immer mal wieder Liebesbriefe von braunen Herrschaften. Oder auch eine neue Wandmalerei, die unser Hausmeister dann übermalt. Eine konkrete Bedrohung fühle ich aber nicht. Ich weigere mich einfach, mich bedroht zu fühlen. Denn damit würde ich zulassen, dass diese Leute auf mein Denken Einfluss nehmen können.

BSZ: Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagte kürzlich, für sie sei das Wort Jude noch immer ein Schimpfwort. Für Sie auch?
Deusel: Dazu hatten wir gerade eine spannende Diskussion. In der Regel heißt eine Gemeinde in Bayern israelitische Kultusgemeinde, was gerne auch mal zur israelischen Kulturgemeinde verballhornt wird. Um das „böse“ Wort Jude zu vermeiden, war man früher dazu übergegangen, nur noch von Menschen mosaischen Glaubens oder israelitischen Bekenntnisses zu sprechen.  Wir wollen jetzt in der Gemeinde abstimmen, ob wir uns nicht wieder jüdische Gemeinde nennen wollen.

BSZ: Das Wort Jude ist heute also eine ganz normale Bezeichnung?
Deusel: Unterschwellig sind bei manchen wohl schon noch Missempfindungen bei diesem Wort vorhanden. Wenn ich zum Beispiel Vorträge in Schulen halte, merke ich, dass viele Leute tatsächlich versuchen, sich um das Wort herumzudrücken.

BSZ: Immer wieder hört man Klagen, dass „Jude“ auf Schulhöfen als Schimpfwort zu hören ist.
Deusel: Dazu kann ich aus persönlicher Erfahrung nichts sagen. Aber ich stelle fest, dass es immer wieder Eltern gibt, die sagen: „Wir wollen nicht, dass man an der Schule erfährt, dass unser Kind jüdisch ist.“ Wenn ich dann frage, wo das Problem sei, kommt meist die Antwort: „Wir wollen es gar nicht erst zu einem Problem werden lassen.“ Das finde ich eigenartig, muss es aber respektieren.

BSZ: Ein unverkrampftes Verhältnis zwischen Christen und Juden ist also noch keineswegs Normalität?
Deusel: Die Normalität kommt, auch wenn wir noch viel daran arbeiten müssen. Ein Teil meiner Familie lebt in Frankreich. Wenn ich dort bin, fällt mir immer wieder aufs Neue auf, wie sehr in Deutschland Rabbiner fehlen und wie viel in Deutschland in den Gemeinden fehlt. Natürlich ist auch in Frankreich die Shoah ein Thema. Aber es gab einfach nicht diesen großen Bruch wie hier.

BSZ: Etwas ganz anderes: Immer mehr Menschen fordern den Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff. Wie stehen Sie dazu?
Deusel: Dazu konnte ich mir noch gar keine konkreten Gedanken machen. Aber grundsätzlich ist es ja so, dass immer jeder besser weiß, was ein Politiker oder eine andere Person des öffentlichen Lebens hätte machen sollen. Das erinnert mich immer an jemanden, der zu Hause auf dem Sofa sitzt, Fußball schaut und Trainer spielt. Auch hier gibt es einen schönen Spruch: „Bevor Du anfängst, die Welt zu verbessern, gehe erst drei Mal durch das eigene Haus.“ Letztendlich kann nur Wulff selbst die Frage beantworten.
(Interview: Angelika Kahl)

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