Politik

Nicht überall sind die Bestattungsrichtlinien so streng wie in Bayern: Auf diesem Friedhof in Köln können sich Muslime auch ohne Sarg im Leichentuch beerdigen lassen. (Foto: ddp)

23.07.2010

„Wir sind aus Erde und kommen zur Erde zurück“

Immer mehr Muslime lassen sich in ihrer bayerischen Heimat beerdigen

Ahmad Al-Khalifa betrachtet sein eigenes Grab. Es ist ein schmales Rechteck auf dem Münchner Westfriedhof, 2,50 Meter mal 80 Zentimeter. Die Fläche ist von Gras und Löwenzahn überwuchert. Noch zeigt kein Grabstein an, wer hier liegen wird. Er hat es vor 18 Jahren reservieren lassen. Damals ist ein guter Freund von ihm gestorben und Al-Khalifa will seine letzte Ruhe neben ihm verbringen.


Ahmad Al-Khalifa ist Moslem, er kommt aus Ägypten. Dennoch möchte er sich nicht in seinem Geburtsland, sondern in Deutschland bestatten lassen. „Das hier ist mehr meine Heimat als Ägypten, ich habe viel länger hier gelebt“, sagt Al-Khalifa. Der 60-Jährige ist Direktor des Islamischen Zentrums in München.

Für ihn ist schon lange klar, dass er in Deutschland begraben werden will– wenn seine religiösen Traditionen akzeptiert werden. Immer mehr der vier Millionen Muslime in Deutschland entscheiden sich wie Al-Khalifa. Doch ihre Wahl ist nicht nur eine persönliche, sie sagt auch etwas aus über die Integration von Muslimen in Deutschland. Und das Ergebnis ist überraschend positiv, fernab von Kopftuch-Debatte und Moschee-Streits.
1955 entstand das erste muslimische Gräberfeld in Deutschland auf dem Münchner Westfriedhof, heute gibt es sie in fast allen größeren Städten. Der Weg dahin führte über regelmäßige Gespräche zwischen deutscher Verwaltung und muslimischen Verbänden. Es gab viele unterschiedliche Vorstellungen zu überbrücken. Das ging nur, weil islamische Bestattungen Traditionen folgen und nicht im Koran vorgeschrieben sind.


Erschwerend kommt hinzu, dass das Bestattungsrecht in Deutschland Ländersache ist. So kommt es, dass Muslime in Nordrhein-Westfalen ohne größere Probleme ihren Riten folgen können, während sie in Bayern stärker eingeschränkt sind. Die Ausrichtung der Gräber habe zunächst die größte Herausforderung gestellt, sagt Peter Lippert von der Münchner Friedhofsverwaltung.


Muslimische Grabstätten müssen präzise nach Mekka zeigen – ebenso wie die Waschräume für muslimische Leichen, die heute viele Friedhöfe anbieten. Deshalb liegen die muslimischen Gräberfelder oft etwas abseits.
Und sie wachsen stetig. Da es 2009 in München zu wenig muslimische Gräber gab, legte die Stadt in diesem Frühjahr auf dem Neuen Südfriedhof 100 neue Gräber an. Hinzu kommen 300 Grabstätten auf dem Westfriedhof, die bald fertig gestellt werden sollen. Damit verfügt München insgesamt über 900 Gräber für seine 110 000 Muslime – inklusive der bereits belegten.
Dem Platzproblem begegnen Stadt und Verbände mit kreativen Lösungen. Heute würden drei Muslime übereinander in jedem Grab beerdigt, berichtet Al-Khalifa. Was in Deutschland nicht ungewöhnlich ist, ist für Muslime ein großer Schritt. Denn gemäß deren Bestattungstraditionen sollten Muslime am besten in „jungfräuliche Erde“ gebettet werden. Zudem dürfen die Knochen nie aus dem Grab entfernt werden.


In Deutschland hingegen gilt nur eine Ruhefrist, nach der das Grab wiederverwertet werden kann – abhängig von der erwarteten Verwesungsdauer des Verstorbenen. Bei Deutschen sind zehn Jahre üblich, Muslime ruhen mindestens 15 Jahre. Auch hier soll die Drei-Personen-Lösung helfen: Der unterste Beerdigte könnte so bis zu 45 Jahre liegen, 15 für jeden Toten. Wenn nach der Frist noch Skelettteile vorhanden sind, müssen diese wieder bestattet werden.


Auch in anderen Bereichen haben sich Behörden und Verbände auf Kompromisse geeinigt. Ursprünglich galt in allen deutschen Bundesländern Sargpflicht. So sollte verhindert werden, dass Menschen, die an Seuchen oder Vergiftungen starben, das Grundwasser verunreinigen könnten. Die islamische Tradition hingegen sieht vor, dass Verstorbene nur in einem Leichentuch bestattet werden. „Wir sind aus Erde und kommen zur Erde zurück“, erklärt Al-Khalifa den Rhitus. ANTONIA SCHÄFER

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