Politik

07.01.2011

„Wir werden nicht überrannt“

Mit neuen Zulassungsbeschränkungen und mehr Personal hoffen die Unis, das große Chaos in Bayerns Hörsälen verhindern zu können

Glaubt man der Opposition, werden Bayerns Hörsäle wegen des doppelten Abiturjahrgangs und dem Ende der Wehrpflicht schon bald hoffnungslos überfüllt sein. SPD und FW kritisieren, der Freistaat stelle zu wenig Mittel bereit. Die Unis sehen die Situation dagegen gelassen: Sie reagieren mit neuen Zulassungsbeschränkungen.

Sophie Reimers aus München beginnt am 17. Oktober ihr Geografiestudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU). Damit hatte die 18-Jährige nicht gerechnet. Mit einem Notenschnitt von 2,1 im Abschlusszeugnis würde sie als Absolventin des doppelten Abiturjahrgangs niemals einen Platz für den zulassungsbeschränkten Studiengang bekommen – dachte sie.
Reimers Befürchtungen waren nicht unbegründet. Tatsächlich verzeichnen alle bayerischen Universitäten in diesem Jahr Rekorde bei den Studentenzahlen: In Passau haben sich im Sommersemester doppelt so viele Studenten fürs erste Semester eingeschrieben wie in den Vorjahren. Rund ein Viertel mehr Studenten waren es in Regensburg. Im Wintersemster rechnen die beiden Universitäten mit einem ähnlichen Andrang. Und die Technische Universität München erwartet ein Drittel mehr Studenten als im Vorjahr.


Über 400 Stellen für
dieses Jahr in Reserve

Die Kultusministerkonferenz prognostizierte, in diesem Jahr würden rund 79 000 junge Menschen in Bayern ein Studium aufnehmen. Das seien aber nur Schätzungen, betont der bayerische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP). „Wie viele Abiturienten vor dem Studium ins Ausland gehen oder eine Ausbildung beginnen, kann man nicht voraussagen.“ Heubisch rechnet mit weniger Studienanfängern als die Kultusministerkonferenz.
Bisher sieht es so aus, als könnte er Recht haben: Im Sommersemester 2011 schrieben sich rund 13 000 Erstsemester an einer bayerischen Hochschule ein. Wie viele Abiturienten in diesem Wintersemester ihr Studium beginnen, wird erst in zwei Wochen bekannt. Der Freistaat hat sich dennoch auf einen Studentenandrang vorbereitet: 38 000 neue Studienplätze, 3000 neue Stellen für Professoren und Mitarbeiter wurden geschaffen sowie Geld für Seminarräume und Hörsäle bereitgestellt.
Bis zum Jahr 2013 werden die Hochschulen für Personal und Sachkosten insgesamt eine weitere Milliarde Euro erhalten. Wegen der Aussetzung der Wehrpflicht sollen noch in diesem Jahr 220 zusätzliche Stellen bereitgestellt werden. „Und weitere 418 Lehrstellen halten wir noch zurück“, erklärt Minister Heubisch. „So können wir gezielt dort nachsteuern, wo erhöhter Bedarf besteht.“
Für die bayerische Opposition ist das alles nicht genug. Die SPD fürchtet, dass die Hörsäle überfüllt sein werden und dass viele Abiturienten keinen Studienplatz bekommen. „Den bayerischen Hochschulen droht der Kollaps“, sagt Isabell Zacharias, hochschulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. „Heubisch hat versäumt, ausreichend Studienplätze für den doppelten Abiturientenjahrgang zu schaffen.“
Michael Piazolo, Uni-Experte der Landtagsfraktion der Freien Wähler in Bayern, fordert: „Es muss jetzt genau dort investiert werden, wo der Bedarf am größten ist.“ Das sei bisher nicht passiert.
Ähnlich sehen das die Landtagsgrünen. Die bayerischen Hochschulen seien nicht ausreichend für den zu erwartenden Ansturm der Studierenden gerüstet, findet Ulrike Gote, hochschulpolitische Sprecherin der Ökopartei. „Und wir haben nicht nur für dieses Wintersemester zwei Abiturjahrgänge zu bewältigen“, sagt sie.


150 Bewerber für
einen Studienplatz

Das Ausbauprogramm des Wissenschaftsministers hinke hinterher. Nicht nur in Lehrstellen und Seminarräume müsse mehr investiert werden, es fehle auch an Mensen und Wohnraum.
Die bayerischen Unis hingegen machen sich keine großen Sorgen um ihre Zukunft. „Überrannt werden wir nicht von Studenten“, sagt etwa Petra Riedl, Sprecherin der Universität Regensburg. „Und wir bereiten uns schießlich schon seit gut fünf Jahren auf den Studentenandrang in diesem Jahr vor.“
Mit knapp 30 Millionen Euro vom Freistaat und eigenen Mitteln wurden in Regensburg fast 600 neue Studienplätze geschaffen und 80 neue Lehrstellen. Für die nächsten zwei Jahre stehen weitere vier Millionen Euro bereit. Das Geld soll bei Bedarf für Lehrstellen oder Räume ausgegeben werden. Und um ein Verkehrschaos zu verhindern, baut die Universität gemeinsam mit der Stadt einen neuen Busbahnhof beim Haupteingang.
Andere Universitäten sehen der wachsenden Zahl angehender Akademiker ebenso gelassen entgegen: Seit Jahren bereitet ein Sonderbeauftragter die TU München und die LMU München auf die Jahre des doppelten Abiturjahrgangs vor.
Die LMU in München hat in diesem Wintersemester etwa für beliebte zulassungsbeschränkte Fächer wie Medizin, Betriebswirtschaftslehre, Jura und Pharmazie rund ein Viertel mehr Studienplätze geschaffen. So könnnen etwa im Bachelorstudiengang BWL rund 880 Studierende ihre Ausbildung beginnen. Im Wintersemester 2010/11 gab es nur Plätze für 601 Studienanfänger.
Fast alle Unis haben in diesem Jahr neue örtliche Zulassungsbeschränkungen eingeführt, damit die Hörsäle in beliebten Fächern nicht überfüllt sind. Doch trotz aller Vorbereitungen wird es in einigen Studiengängen einen Engpass geben: Allein für BWL haben sich auf die knapp 900 Plätze in München mehr als 6000 Bewerber beworben. Noch schlimmer ist die Situation im Studiengang International Business Administration: 3000 Studenten wollen einen von gerade mal 20 Plätzen.
Einige Abiturienten haben sich angesichts des angekündigten Andrangs auf die bayerischen Unis gleich selbst um eine Alternative bemüht. Eva König etwa wollte für ihr BWL-Studium eigentlich am liebsten in Bayern bleiben. Doch angesichts der Prognosen erkundigte sie sich in Österreich. In einer Woche beginnt sie ihr Studium in Wien. (Veronica Frenzel)

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