Politik

22.10.2010

Wissen, das brach liegt

Ein Kommentar von Alexandra Kournioti

Serbische Krankenschwestern, die in Deutschland Büros putzen; kubanische Ärzte, die Taxi fahren und türkische Ingenieure, die Pizza ausliefern: Für viele Migranten ist es traurige Realität, dass sie hierzulande nicht in ihren erlernten Berufen arbeiten können. Die öffentliche Empörung darüber hält sich indes in Grenzen. Migranten, zetern die Deutschen gerne, sollten froh sein, überhaupt Arbeit zu haben.
Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das die Wirtschaft teuer zu stehen kommt: Brain Waste heißt es, und gemeint ist das Brachliegen von Qualifikationen. Bundesweit ist dies bei schätzungsweise 500 000 Migranten aus so genannten Drittstaaten der Fall: Sie haben keine Chance, dass ihre im Ausland erworbene Ausbildung anerkannt wird. Ausgerechnet der Export-Weltmeister Deutschland tut sich beim Import von Wissen außerordentlich schwer.
Das will die Bundesregierung nun ändern und die generelle Anerkennung ausländischer Abschlüsse gesetzlich vorschreiben. Obwohl derzeit über die genauen Voraussetzungen wenig bekannt ist, zeigen sich Politiker allerorten begeistert, auch in Bayern. Selbst der in Sachen Ausländerpolitik ansonsten beinharte CSU-Innenminister Joachim Herrmann gibt sich nahezu euphorisch. Kein Wunder, wären ausländische Arbeitnehmer doch ein probates Mittel gegen den Fachkräftemangel, der das wirtschaftsstarke Bayern in seiner Entwicklung hemmt: Rund 5000 Ingenieure werden derzeit im Freistaat gesucht. Auch im Pflegesektor fehlt Personal.
Keinesfalls sollte die Ausgestaltung der geplanten Neuerung den Bundesländern überlassen werden. Derzeit nämlich dürfen diese selbst entscheiden, in welcher Form sie Abschlüsse von EU-Bürgern und Spätaussiedlern anerkennen. Die von Land zu Land unterschiedliche Anerkennungspraxis führt zu Intransparenz – was viele Arbeitgeber abschreckt. Föderalismus hin oder her: Die einheitliche Anerkennung ist unabdingbar.
Ein neues Gesetz allein wird ohnehin nicht reichen. Die Arbeitsagentur benötigt besser geschultes Personal, um ausländische Arbeitnehmer adäquat zu vermitteln. Dann könnte die Norm zu einem positiven Nebeneffekt führen: Wenn Hochqualifizierte nicht länger Hausflure schrubben müssen, werden solche Jobs für Ungelernte frei. Viele von ihnen wären in der Tat froh, wenn sie überhaupt eine Arbeit hätten.

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