Politik

Die spektakulärsten - und teuersten - Wohnungen Münchens entstehen in der Anlage „The Seven“. (Foto: dapd)

14.12.2012

Wohnen in Little Manhattan

In München wird Wohnraum immer teurer, gleichzeitig veräußert die Stadt Immobilien an Luxus-Bauträger - wie passt das zusammen?

Rund 17 Millionen Euro: So viel hat nach Angaben von Branchenkennern ein Münchner Unternehmer für sein nobles Quartier über den Dächern Münchens hingeblättert. 700 Quadratmeter hat die Traumwohnung im sagenhaften Luxus-Wohnturm „The Seven“ – mit Föhn-Blick auf die Berge, Nah-Blick auf die Frauenkirche und Nebenbei-Blick auf die Armen, die ganz normalen Leute, die sich das Wohnen in ihrer Stadt auch zu so genannten „normalen“ Preisen immer öfter nicht mehr leisten können. Gebaut wurde das spektakuläre Objekt ausgerechnet auf einem ehemaligen Grundstück der Stadt München, die das Gelände des ehemaligen Heizkraftwerks in der Müllerstraße an den Oberhachinger Investor Jörg Scheufele veräußerte. Unweit davon, in der Westenrieder Straße, direkt neben dem Viktualienmarkt, verkaufte die Stadt ein weiteres Filet-Grundstück an die Münchner Baywo-Bau – auch dort werden derzeit Luxus-Wohnungen für Begüterte errichtet.

Es fehlen massenhaft bezahlbare Wohnungen


Drohen an der Isar New Yorker Verhältnisse? Klar ist: Es fehlen massenhaft Wohnungen im bezahlbaren Bereich. Weil laut Mieterbund allein in der Landeshauptstadt rund 31 000 Wohnungen fehlen und sich die Situation auch in anderen Großstädten verschärft, hat Münchens OB und SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl Christian Ude die Wohnungsnot in Bayern  jetzt zum zentralen Wahlkampfthema gemacht. Ude warnt vor einer Gefährdung des sozialen Friedens in Bayerns Großstädten – und bekommt  unerwartet Unterstützung von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). „Wenn Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern, Dienstkräfte von Polizei und Feuerwehr und vergleichbare Berufsgruppen sich das Wohnen in einer Stadt nicht mehr leisten können, ist der soziale Frieden in Gefahr“, sagt Herrmann der Staatszeitung.
Problem erkannt, Problem gelöst? Mitnichten. Denn statt gemeinsam nach einem Ausweg e zu suchen, wird der Schwarze Peter munter hin- und hergeschoben. Ude wirft der Staatsregierung vor, den Städten ein wichtiges Instrument vorzuenthalten, das die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen eindämmen und damit Spekulanten außen vor halten könne. Bereits sechs Mal haben SPD und Grüne im Landtag vergeblich gefordert, eine solche Umwandlung unter Genehmigungsvorbehalt zu stellen. Argument von Schwarz-Gelb: Weitere bürokratische Hürden würden Investoren verschrecken.

Wieviel an Private verkauft wurde, bleibt geheim


Herrmann wiederum sieht vor allem die Städte in der Pflicht, durch Bereitstellung ausreichenden Baulandes oder schnelle Baugenehmigungen den Wohnungsbau voranzubringen. „Bauen ist das Gebot der Stunde“, so Herrmann. „In meiner Amtszeit wurden bereits jetzt über 110 000 Wohnungen errichtet“, kontert Ude. Für rund die Hälfte habe die Stadt zuvor neues Baurecht geschaffen.
Unbestritten ist: In der Vergangenheit wurde zu wenig gebaut. Und die Lage spitzt sich zu. Die bayerische Landesbodenkreditanstalt schätzt, dass bis 2029 gut 833 000 neue Wohnungen in ganz Bayern gebraucht werden. Mit einem Bedarf an 243 000 neuen Wohnungen in den nächsten 17 Jahren liegt die Landeshauptstadt zwar unangefochten auf Platz 1. Aber auch in anderen Ballungsräumen wie der Industrieregion Mittelfranken oder Augsburg gibt es gewaltigen Bedarf. Dort werden 89 900 beziehungsweise 54 100 Wohnungen benötigt.
Ude macht vor allem die Zurückhaltung privater Investoren verantwortlich dafür, dass seine selbstgesteckte Zielmarke von jährlich 7000 neuen Wohnungen in München nicht erreicht wurde. 2011 waren es laut Statistischem Landesamt gerade mal 5570, die Jahre zuvor noch weniger. Der Bund, da sind sich Ude und Herrmann einig, habe sowohl unter rot-grüner als auch unter schwarz-gelber Regierung keine steuerlichen Anreize für Investoren – also degressive Abschreibungsmöglichkeiten – geschaffen. Herrmann will hierzu jetzt einen neuen Vorstoß beim Bund wagen.
Den Vorhalt, die Stadt verhökere wertvolle innerstädtische Grundstücke lieber an Spekulanten, statt sie an die städtischen Wohnungsbaugesellschaten Gewofag und GWG zu geben, hört das Kommunalreferat nicht gern: Nach einem Stadtratsbeschluss 2011 habe das Kommunalreferat „einen Großteil“ des bis dahin von der Stadt gehaltenen Wohnungsbestandes an GWG und Gewofag übertragen, heißt es. Wieviele Grundstücke München zuletzt an private Investoren veräußerte – dazu mag man bei der Stadt lieber nichts sagen. Und flüchtet sich in die Begründung vom „zeitaufwändigen Rechercheaufwand“.
Dass die Landeshauptstadt gern Kasse macht mit Luxus-Immobilien, während Normalbürger auf der Strecke bleiben, weist OB Ude zumindest mit Blick auf den Luxus-Wohnturm „The Seven“ zurück. Dort hätte allein der Rückbau der technischen Anlagen des einstigen Heizkraftwerkes Millionen-Beträge verschlungen, „so dass kein preisgünstiger Wohnraum mehr möglich war.“ Zudem, ergänzt Ude, habe die Stadt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Heizkraftwerk an der Müllerstraße ein Gebäude mit geförderten Wohnungen errichtet – „was sofort zu kritischen Nachfragen des Bunds der Steuerzahler führte, ob der Grund in bester Innenstadtlage nicht lukrativer genutzt werden könnte“. (Angelika Kahl, Waltraud Taschner)

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