Politik

Er polarisiert auch heute noch: Franz Josef Strauß (Foto: dpa)

03.07.2015

Wunderkind und Wüterich

Heuer würde die CSU-Ikone Franz Josef Strauß 100. Geburtstag feiern – die Partei überschlägt sich, frühere Kritik scheint vergessen

Den Turnaround vollzog Horst Seehofer. Er war es, der Franz Josef Strauß wieder dorthin stellte, wo er nach Meinung des CSU-Mainstreams immer schon gehörte: auf ein Podest. Runtergeschubst hatte ihn Seehofers Vorvorgänger Edmund Stoiber – nach seiner Amtsübernahme 1993 räumte Stoiber auf mit Amigo- und anderen Affären und machte klar, dass er nicht alle FJS-Facetten super fand.
Zum Beispiel dessen Geschäftstüchtigkeit: Strauß hatte jahrelang als Testamentsvollstrecker der Friedrich-Baur-Stiftung hohe Summen kassiert – obwohl die Stifterin das Salär kürzen lassen wollte. Die Öffentlichkeit erfuhr davon, weil Stoiber bekundete, er selber werde diese Praxis nicht fortsetzen. Elaborierte Strauß-Huldigungen bei Parteitagen und anderen CSU-Veranstaltungen unterließ Stoiber fortan. Die Botschaft lautete: Wir sind jetzt clean und praktizieren brutalstmögliche Political Correctness.
Vorbei: Als Seehofer 2008 Ministerpräsident wurde, bekam die CSU den Säulenheiligen Strauß zurück. Seither ist wieder ausschweifende FJS-Verehrung angesagt, Kritiker des Ancien Régime werden geächtet. Als die damalige Sozialministerin Christine Haderthauer im Jahr 2009 gewagt hatte, Strauß’ Eignung als Vorbild in Frage zu stellen, wütete Seehofer und überlegte angeblich, Haderthauer aus dem Kabinett zu werfen. Bei Parteitagen blickt FJS jetzt regelmäßig von riesigen Transparenten ins Auditorium, während Seehofer nicht müde wird, dessen Vorzüge zu rühmen.

FJS-Briefmarken und -Sticker


Und jetzt also: Strauß’ Geburtstag. Am 6. September wäre der frühere Ministerpräsident, CSU-Vorsitzende, Bundesverteidigungs- und Finanzminister 100 Jahre alt geworden. Und seine Partei überschlägt sich mit Liebesbekundungen. Es gibt Strauß-Briefmarken, Kaffeetassen und Anstecknadeln. Daneben Aufkleber mit dem Konterfei der CSU-Ikone. Außerdem eine Facebook-Serie, Seminare, Vortragsreihen und Podiumsgespräche über die Großtaten des FJS.
Diese Woche kamen bei einer gut besuchten Gemeinschaftsveranstaltung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung und der Katholischen Akademie Ex-Kultusminister Hans Maier, der CSU-Ehrenvorsitzende Theo Waigel und Strauß-Biograf Horst Möller zusammen – lauter CSU-Leute respektive FJS-Fans. Zur zuckrigen Gedenkstunde geriet die Plauderei unter Leitung von Florian Schuller, Direktor der Katholischen Akademie, trotzdem nicht. Denn trotz des nahenden Geburtstages sah sich nicht jeder veranlasst, die Vergangenheit zu verklären. Gewiss, so Hans Maier, sei Strauß, einst jahrgangsbester Abiturient in Bayern, „einer der begabtesten, intelligentesten Menschen“ gewesen, die er kannte. Doch leider auch ein Wüterich. „Was die Leute in Krisenzeiten erwarten von einem Politiker, nämlich Selbstbeherrschung, Ruhe und Stetigkeit“, referierte Maier kühl, „das hatte Strauß nicht.“
Theo Waigel drückte sich etwas verhaltener aus. Ja, Strauß konnte poltern, so Waigel. Doch habe er durchaus auch Fehler zugeben können.

Nur einer übertrieb es etwas mit der Lobhudelei


Einzig Horst Möller, Ex-Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und Autor der neuesten Strauß-Biografie, nahm es ein bisschen sehr genau mit der Maxime de mortuis nihil nisi bene. Das Straußbild sei dominiert von Klischees, bedauerte Möller. Und kam zu der erstaunlichen Bewertung, Strauß seien dessen politische Affären „nicht wirklich anzulasten“.
Stoiber übrigens wirkt schon länger umgepolt. Bei der FJS-Geburtstagsfeier im September hält er in der Münchner Allerheiligenhofkirche die Festrede. (Waltraud Taschner)

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