Politik

Testet einen E-Mini: Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil. (Foto: e-Gap)

19.07.2013

Zwischen Hype und Ernüchterung

Die E-Mobilität nimmt in Bayern nur langsam Fahrt auf – Wirtschaftsminister Zeil setzt verstärkt auf Modellregionen

Meine Ehe hat mit dem E-Mini definitiv gewonnen“, sagt Christian Neureuther und lacht. „Früher hab ich beim Autofahren nie verstanden, was meine Frau von mir wollte. Jetzt weiß ich es.“ Denn fast lautlos fährt das ehemalige Skiläuferpaar Christian Neureuther und Rosi Mittermeier seit einiger Zeit durch ihr Heimatstädtchen am Fuße der Zugspitze. Garmisch-Partenkirchen ist eine von drei Modellkommunen im Freistaat, in denen E-Mobile verstärkt eingesetzt werden. Wie auch im Bayerischen Wald und in Bad Neustadt a. d. Saale wird dabei nach Konzepten gesucht, wie die Elektromobilität in die Fläche gebracht werden kann.
So unterhaltsam das geladene Promi-Paar die Vorzüge der E-Mobilität auch preist, Hauptperson an diesem Tag in Garmisch, genau ein Jahr nach dem Start der Modellregion e-Gap ist ein anderer: Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). Denn im Gepäck hat er Förderbescheide in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro für neue Projekte. Unter anderen können Touristen nun am Bahnhof in einen von vier Smarts mit Elektromotor umsteigen – ein Angebot des Carsharing-Projektes Flinkster der Bahn. Nach etwa 100 Kilometern müssen die Autos wieder für sieben bis acht Stunden ans Stromnetz am Bahnhof. Aufgeladen wird über Nacht.
Bereits 2008 hat Bayern seine Zukunftsoffensive Elektromobilität gestartet und seither rund 130 Millionen Euro investiert. Doch bisher ist die Ausbeute mager. Gerade einmal 1407 Strom-Autos waren bis zum 1. Januar 2013 in Bayern zugelassen. Deutschlandweit waren es laut Kraftfahrt-Bundesamt 7114. Das Problem: Noch immer sind E-Modelle bis zu 10 000 Euro teurer als Vergleichsmodelle mit reinem Verbrennungsmotor. Und das bei einer geringeren Reichweite. Außerdem ist das Angebot an Fahrzeugen und an Ladestationen mau.

Ein E-Auto für 10 Garmisch-Partenkirchener Familien


BMW und Audi starten 2014 mit ersten kommerziellen Modellen. Beide Konzerne sind auch an Projekten in der Modellkommune Garmisch-Partenkirchen beteiligt. BMW unter anderem mit seinen Minis, die man sich vor Ort ausleihen kann. Einen A1 e-tron bekommen ab September zehn Garmischer Familien für ein knappes Jahr gestellt, dessen Batterie über heimische Photovoltaikanlagen aufgeladen wird. „Wir Autohersteller bewegen uns auf Neuland. Genauso wie die Kunden“, sagt Brian Rampp, Leiter der Abteilung Politik und Verbände der Audi AG. Gerade hat er von Zeil einen Förderbescheid in Höhe von knapp 900 000 Euro überreicht bekommen. Rampp betont: „Ohne die Kunden bekommen wir die Autos aber nicht auf die Straße.“ 
Rampp erhofft sich nun einen Erkenntnisgewinn durch den Praxistest. Der A1 e-tron fährt rein elektrisch 50 Kilometer weit. Dann springt der Wankelmotor an. Der Range Extender lädt die Batterie nach und verlängert die Reichweite um 200 Kilometer. Eine komplette Aufladung der Batterie dauert an einer Schnellladestation 1,5 Stunden. Drei Stunden sind es, hängt man das Auto an eine normale Haushaltssteckdose. Für den Hersteller wird es  spannend, wie die Garmisch-Partenkirchener Haushalte mit dem Fahrzeug zurechtkommen.
„Es ein Riesenunterschied, ob man über E-Mobilität spricht oder ob man sie erlebt“, sagt der Garmisch-Partenkirchener Bürgermeister Josef Schmid von der Wählervereinigung Christlich Soziales Bündnis (CSB). Gesprochen wird in der Tat über das Thema bereits lange. Geht es nach der Bundesregierung, sollen 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen fahren. Doch je näher der Stichtag rückt, umso utopischer erscheint diese Zielmarke.
Von einer „Revolution“ sprach Bayerns Wirtschaftsminister Zeil noch im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Elektromobilität. An diesem Tag klingt er bescheidener: „Der Hype um die Elektromobiliät ist einer gewissen Ernüchterung gewichen“, sagt er. „Und wir sollten uns eingestehen, dass es noch Hindernisse zu überwinden gibt – in allen Bereichen.“ Eine Prognose, wie viele E-Fahrzeuge tatsächlich 2020 in Deutschland auf der Straße sein werden, macht Zeil nicht. „Denn wer weiß, was für Technologiesprünge wir bis dahin noch machen.“ Es sei meistens schiefgegangen, wenn die Politik glaubte, sie wüsste das genau, sagt Zeil. „Aber keiner kann sagen, wie in zehn oder 20 Jahren die Antriebstechnik aussehen wird.“
Statt Zahlenspiele zu betreiben, sollte man sich deshalb besser darauf konzentrieren, wie man die Kompetenzen schärfen könnte, sagt Zeil im Gespräch mit der Staatszeitung. Und dazu will er die Modellprojekte vorantreiben, die er nicht als „Elektroautobeschaffungs-Projekte“ sieht, „sondern als Projekte für den Erkenntnisgewinn“. Ganz bewusst habe man dazu ländlich geprägte Gebiete ausgewählt, betont Zeil. Ziel sei es, Elektromobilität nicht nur in den Ballungsräumen voranzubringen, sondern auch in der Fläche. Dort aber sind die Anforderungen an ein Fahrzeug andere als in einer Großstadt.
Aber auch die Region will Zeil durch die Innovationen stärken. „Denn am Ende bleibt das ja alles und wird nach Projektende nicht abgebaut. Die Kommune profitiert nachhaltig“, sagt er. Dementsprechend begeistert ist man auch in Garmisch-Partenkirchen. „Wir sind stolz darauf, Modellkommune zu sein“, sagt etwa Christoph Ebert, Leiter des Kompetenzzentrums Sport, Gesundheit und Technologie, das für die Koordination des Projektes verantwortlich ist. Und er gibt sich äußerst optimistisch: „Ich glaube, dass es nicht mehr lange dauert, bis wir in ganz Bayern ein flächendeckendes Netz einer effizienten Infrastruktur für E-Mobilität haben“, sagt er und fügt freudig hinzu: „Aber bei uns geht es jetzt ein bisschen schneller.“ (Angelika Kahl)

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