Politik

Der Traum vom Landleben scheitert oft am fehlenden Arbeitsplatz. (Foto: DAPD)

03.06.2011

Zwischen Landlust und Landflucht

Obwohl die meisten Menschen gerne auf dem Land leben würden, ziehen sie aus praktischen Gründen in die Stadt

Dreiundsechzigjährige zieht weg: Ich kann mir München nicht mehr leisten“. Mit dieser Schlagzeile konfrontierte die Münchner Abendzeitung zu Beginn der Woche ihre Leser. Dass jemand München den Rücken kehrt, ist eine echte Meldung in diesen Tagen, wo Bevölkerungsprognosen das ungebremste Wachstum der Ballungsräume im Freistaat vorhersagen, während einige periphere Räume vor allem im Norden und Osten des Freistaats wegen der massenhaften Abwanderung ihrer Einwohner auszubluten drohen.
Aber warum ist das so, wo das Wohnen auf dem Land doch angeblich der Wunschtraum vieler Deutscher ist, vor allem von Familien? Warum gibt es trotz Landlust eine Landflucht? Laut einer Bevölkerungsumfrage des Bonner Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) aus dem vergangenen Jahr will eigentlich die große Mehrheit der im ländlichen Raum lebenden Bevölkerung auch dort bleiben. Über 80 Prozent der Befragten geben das an. Je dörflicher die Strukturen, desto größer die Heimatverbundenheit. Die unbeliebtesten Wohnorte sind demnach die Großstadt und ihr Umland. Sogar nur ein Drittel der Großstädter selbst hält das Wohnen dort für ideal.


Zu wenig Frauen in der Oberpfalz


Was die Menschen trotzdem in die Konglomerate treibt, ist die Arbeit. Auch das geht aus der BBSR-Studie hervor. Für die Metropolen ist der Zuzug zweischneidig. Zum einen bleiben sie vital, der Arbeitsmarkt saugt die Zuzügler regelrecht auf. Zum anderen aber potenzieren sich die Wohnungsprobleme. Der Mietmarkt boomt, entsprechend ziehen die Preise an, was für eine 63-jährige alleinstehende Frau kurz vor der Rente schon einmal dazu führen kann, dass sie nach der Eigenbedarfskündigung ihres Vermieters keinen anderen bezahlbaren Wohnraum findet und „auswandern“ muss.
Auch die Ausgaben für den nötigen Ausbau der Infrastruktur steigen wegen des Zuzugs von außen immer weiter. Der zweite Münchner S-Bahn-Tunnel zum Beispiel kostet nach gegenwärtigen Planungen genauso viel, wie in zehn Jahren für Ausbau der Staatsstraßen in ganz Bayern zur Verfügung steht. Und während in ländlichen Regionen die Bürgermeister krampfhaft versuchen, leerstehende Schulgebäude einer neuen Nutzung zuzuführen, kommen die Kommunen im Großraum München mit dem Schulneubau kaum hinterher.
Für viele ländliche Räume stellt sich die Existenzfrage. Zwar ist die Geburtenrate dort je Frau um statistisch 0,1 Kind höher als in den Ballungszentren, doch wird dieser Effekt dadurch entwertet, dass es auf den Dörfern immer weniger Frauen im für die Familiengründung relevanten Alter zwischen 18 und 45 Jahren gibt. Lothar Koppers, Geschäftsführer des Instituts für angewandte Geoinformatik und Raumanalysen in Waldsassen, hat dazu aufschlussreiche Zahlen. In der vom Bevölkerungsschwund stark betroffenen nördlichen Oberpfalz liegt die Abiturientenquote bei rund 30 Prozent, es gibt aber nur fünf Prozent hoch qualifizierte Arbeitsplätze. Weil junge Frauen heute in der Regel höhere Abschlüsse haben und besser ausgebildet sind als junge Männer, ziehen sie zu den für sie passenden Jobs.
In vielen Orten der Nordoberpfalz liegt der Männeranteil in der relevanten Altersklasse deshalb um bis zu 15 Prozentpunkte über dem der Frauen – eine Entwicklung, wie sie in den ostdeutschen Bundesländern schon länger zu beobachten ist. Die Politik versucht nun gegenzusteuern. Auslöser dafür waren nicht nur die irritierenden Thesen des Zukunftsrates, deren Umsetzung das Stadt-Land-Gefälle wohl noch verschärft hätte, und der darauf folgende Aufschrei aus der strukturschwachen Peripherie. Es war noch mehr die Einsicht, dass eine offensive Regionalförderung dem Freistaat immense Folgekosten sparen hilft. Nämlich zum einen für das Aufrechterhalten einer Basisinfrastruktur für die verbleibenden Landbewohner und zum anderen für die immer schwieriger werdende Bewältigung des Zustroms in den Großstädten.
Vor diesem Hintergrund sei es „mehr als angemessen“, die Regionalförderung im Freistaat zu verstärken, erklären Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) unisono. Auch in den Landtagsfraktionen ist man sich darüber im Grundsatz einig, gestritten wird über Umfang und Details. Als A und O gilt die Erschließung aller Räume mit leistungsfähigen Internet-Verbindungen. Ohne die lassen sich mit noch so viel Wirtschaftsförderung kaum neue und schon gar keine qualitativ hochwertigen Jobs schaffen oder neue Hochschulabteilungen und Forschungseinrichtungen als Keimzellen für eine zumindest stabilisierende Entwicklung gründen.
Kinderbetreuung, wohnortnahe Schulen, Ärzteversorgung und ein attraktiver Nahverkehr sind weitere Parameter, um Menschen in ihrer Heimat zu halten. Nötig ist auch Regionalmarketing und eine Imagekampagne, die die Lebensqualität im ländlichen Raum hervorhebt und vor allem die im Vergleich zu den Ballungsräumen niedrigen Lebenshaltungskosten. Im östlichen Oberfranken bekommt man für einen Euro etwa 1,2 Mal so viel wie in München. Am wichtigsten ist aber die Arbeit.
Wie wichtig, zeigt der Blick in den oberfränkischen Landkreis Wunsiedel. Der hat in den vergangenen 20 Jahren als Folge des fast völligen Zusammenbruchs der Porzellan- und Textilindustrie im Saldo über 8000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren, die Bevölkerungszahl sank gleichzeitig um rund 13 000. Dort sind jetzt kreative Ideen gefragt, zum Beispiel die des Bayreuther Raumordnungsprofessors Jörg Maier, der vorschlägt, den Landkreis zur „sozialen Wohlfühlregion für ältere Menschen“ umzubauen.
Dass das keine Utopie sein muss, zeigt der Kurort Bad Alexandersbad. Als einziger Gemeinde im Landkreis Wunsiedel sagt ihm das Statistische Landesamt bis 2021 einen Bevölkerungszuwachs voraus, befördert von den über 60-Jährigen. Der Ort am Fuß des Fichtelgebirges baut seit Jahren seine Kompetenz als Seniorenresidenz aus, offenbar mit Erfolg. Vielleicht eine Alternative auch für Münchner Rentner, denen die Stadt zu teuer, zu laut oder einfach zu voll geworden ist.  (Jürgen Umlauft)

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