Unser Bayern

Wieviel Dampfdruck hält ein Kessel aus? Hier die Versuchsanordnung zu einem Gerät, mit dem sich die Spannkraft des Heißdampfes bestimmen lässt. Forschungen und Entwicklungsarbeiten zu diesem Thema waren deshalb von großer Bedeutung, weil immer wieder Kessel zersprangen, wenn der Druck in ihnen zu hoch wurde. Dabei kam es zu vielen tödlichen Arbeitsunfällen. Die Forschungensarbeit stand im Prinzip im Zusammenhang mit einer frühen Form der Arbeitsschutzmaßnahmen. Später kümmerte sich der „Dampfkesselrevisionsverein“ darum; er wurde 1866 im damals noch bayerischen Mannheim gegründet, aus ihm ging der heutige TÜV hervor. Der hier gezeigte Kupferstich und der dazugehörige Beitrag wurden von der Akademie der Wissenschaften in Paris erarbeitet und in Übersetzung im Kunst- und Gewerbe-Blatt abgedruckt.

20.03.2015

Berater und Börse für Erfinder

1815 wurde der Polytechnische Verein in Bayern ins Leben gerufen, der sich zu einem halbamtlichen Gremium entwickelte


Revolutionen haben in Bayern durchaus Tradition. 1848 beispielsweise kam es in München zu den ersten Widerstandshandlungen deutschlandweit, auch die Revolution 1918/1919 fand dort statt. Verschlafen wurde jedoch die industrielle Revolution, die von England ihren Ausgang nahm. Deren Auswirkungen spürte man in Bayern des frühen 19. Jahrhunderts ganz massiv: nach den hohen Belastungen der Befreiungskriege und nach Aufhebung der Kontinentalsperre überschwemmten billige industriell gefertigte Waren aus England den bayerischen Markt. Eine ernste Wirtschaftskrise – doch der Staat, der das neue Bayern nach den territorialen Zuwächsen erst noch einheitlich formen musste, war nicht imstande, Gegenmaßnahmen zu treffen. Also ergriffen private Vereine Initiativen, um hier Abhilfe zu schaffen.

Einer der ersten derartigen Vereine war der 1809 gegründete Landwirtschaftliche Verein, der mit einer eigenen Zeitschrift, Vortragsreihen, Konferenzen, Wettbewerben und Preisen die Landwirtschaft voranbringen wollte. Wenige Jahre später, im Mai 1815, versuchte der Münchner Schreibwarenhändler Johann Georg Zeller, eine „Commissions-Niederlage" zu eröffnen, in der Künstler, Erfinder und Wissenschaftler ihre Produkte anbieten durften. Als diesem Unternehmen noch der Generalsekretär der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Friedrich von Schlichtegroll und Julius Konrad von Yelin, Kustos für Mathematik und Physik an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften beitraten, wurde die Idee geboren, dem gesamten Unterfangen flankierend eine Publikation beizugeben: den Wöchentlichen Anzeiger für Kunst- und Gewerbefleiß im Königreich Baiern. Darin sollten die Produkte vorgestellt werden, der aber auch Beiträge und Buchbesprechungen zu Erfindungen und wirtschaftlichen Trends veröffentlicht werden.

Das korrelierte ideal mit der Idee Zellers, die Commissions-Niederlage zu einer Art Warenhaus, ja sogar zu einem Versandhandel auszubauen. Als Laufe des Jahres 1815 dem Privat-Verein noch bedeutende Persönlichkeiten beitraten, beispielsweise der Baurat Gustav Vorherr, Georg von Reichenbach und Leo von Klenze, erhielt die Zeitschrift per königlichem Reskript eine Abnahmegarantie durch bayerische Behörden.

Die Gesellschaft begann sich zu organisieren, hielt regelmäßige Sitzungen ab, wozu auch Protokolle angefertigt wurden und beantragte die Zulassung eines „Polytechnischen Vereins in Bayern", was am 22. August 1816 durch ein königliches Reskript auch seine offizielle Bestätigung fand. Ziel war die „Beförderung des vaterländischen Kunst- und Gewerbefleißes ... denjenigen, die sich an den Verein wenden wollen, berathend an die Hand zu gehen; zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse, besonders aus der Naturlehre, Chemie und Mechanik beyzutragen..."

Die Mittel, die der Verein hierfür einsetzen konnte, bestanden aus der Vereinszeitschrift und dem genannten Commissions-Magazin für die Erzeugnisse des vaterländischen Kunst- und Gewerb-Fleißes". Von der Staatsregierung erhielt der Verein dazu eine eher kleine Unterstützung: 500 Gulden (fl) im Jahr 1817/18, ab 1849/50 waren es 500 fl aus der königlichen Kasse und 2500 fl aus dem Staatsfonds. Darüber hinaus waren Preisverleihungen für „neue Versuche, Entdeckungen, Erfindungen und Verbesserungen in den Künsten und bürgerlichen Gewerben im Königreiche" vorgesehen.

Zumindest die angedachten Ausstellungen entwickelten sich jedoch nicht zu dem, was ursprünglich angedacht war: sie konnten sich nicht als Dauereinrichtung etablieren, auch wenn der PTV 1817 die erste Handelsausstellung auf deutschem Boden initiierte und auch später vor allem bei der Präsentation der Produkte für die Gestaltung von einigen deutschen und Weltausstellungen prägend wurde. Da sich die Beteiligung der Aussteller überwiegend auf den Großraum München beschränkte, kamen die Gewerbeausstellungen kaum über das Niveau einer regionalen Produktschau hinaus.

Konsequenterweise zog sich der PTV 1823 von diesen Veranstaltungen zurück und übernahm erst 1827 wieder einen derartigen, diesmal allerdings gelungenen, Versuch einer Gewerbeausstellung, als die bayerische Staatsregierung die Finanzierung übernahm. Der Erfolg gab diesem Konzept recht, so dass zukünftig das Königreich Bayern die Organisation dieser Gewerbeausstellungen übernahm.

Betrachtet man die Mitgliederstruktur des Vereins in seiner Frühzeit, in der er zu wesentlichen Teilen aus Akademikern, Staatsbediensteten und Geistlichen von denen wiederum ein Fünftel dem Adel zuzurechnen ist (Kronprinz Maximilian, der spätere König Max II. war seit 1840 Mitglied, neben anderen Wittelsbachern zum Beispiel auch der Fürst von Thurn und Taxis), verwundert seine Funktion als Beratungsorgan der bayerischen Regierung nicht: Der Verein etablierte sich als eine Art halbamtlicher Gutachterausschuss bei der Erteilung von Gewerbekonzessionen bis zur vollständigen Gewerbefreiheit von 1868. Im Innenministerium und im Ministerium für Handel, Industrie und Gewerbe übte der PTV eine wichtige Beratertätigkeit aus, lieferte Gutachten über Kinderarbeit im Schulalter und über die Brandgefahr von Teerpappdächern, oder führte Testversuche mit Dampfkesseln bei der Firma Maffei durch.

Besonders erwähnenswert: Der PTV setzte sich im Zuge seiner Bemühungen um billiges Brennmaterial für die Verwendung von Braunkohle ein und deckte selbst nach jahrelangen Schürfarbeiten mächtige Flöze auf, mit deren Abbaurechten er die Mutungsrechte inne hatte. Beeindruckend in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die Vereinsmitglieder einen Hauptberuf ausübten und diese Vereinstätigkeiten in ihrer Freizeit und rein ehrenamtlich übernahmen.

Daneben verbreitete der Verein das technische Wissen in zahlreichen Vorträgen bei seinen allmonatlichen Versammlungen, die sich mit Galvanographie, Zimmerbeleuchtungen, gesundem Trinkwasser, Anilinfarben oder Rechenmaschinen beschäftigten...  (Christoph Bachmann)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der März-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 12 vom 20. März 2015)

Abbildung:

Mulitfunktionalität zeichnet diese Maschine aus, die der Professor für Mechanik an der Polytechnischen Schule München, Joseph Liebermann, entwickelt und der Maschinenschlosser Ignaz Wiedermann gebaut hat: Der Kupferstich erschien in 1830 in Band 16 des Kunst- und Gerwerbe-Blattes.

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