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Der Komponist und Dirigent Hermann Levi (1839 bis 1900) war für Felix Mottl ein väterlicher Freund. Levi war von 1872 bis 1896 Generalmusikdirektor am Kgl. Hof- und Nationaltheater in München, den Posten übernahm ab 1904 Mottl. (Foto: SZPhoto)

24.06.2011

Das Schwerste war ihm ein Spiel und Deutlichkeit die höchste Schönheit

Vor 100 Jahren starb Felix Mottl. Durch seine Wagner-Aufzeichnungen hält sein Wirken bis heute an

"Er losch auf einmal aus so wie ein Licht ..." Zu später Nachmittagsstunde des 21. Juni 1911 gab Felix Mottl den Auftakt zu seiner hundertsten Aufführung von Tristan und Isolde. Noch einmal erlebte er Isoldes Bekenntnis, das seine Gefährtin Zdenka Faßbender in das gespannte Schweigen des Nationaltheaters sang „Er sah mir in die Augen", Minuten später verkrampfte sich sein Herz, er übergab noch den Taktstock Konzertmeister Ahner, dann brach er zusammen. Zehn Tage später starb er.

Die Klänge, die Felix Mottl (1856 bis 1911) „mit seinem schönen, sinnlichen Empfinden für die große breite Melodie und dem eminenten Gefühl für Rhythmus" aus den Noten zu gewinnen wusste: sie sind verhallt. Vielleicht vermögen hochbegabte Musiker seine Klavierinterpretationen Wagnerscher Opernszenen auf Welte-Mignon-Tonrollen von 1907 fortspinnen zum tönenden Kosmos. Wir anderen können uns nur durch Schilderungen seiner Zeitgenossen, die uns Persönlichkeit, Ausstrahlung, die Gewalt dieses Lebens nahe bringen, eine Vorstellung seines Musizierens machen. Eine vage, vor allem bei den umstrittenen Tempi. George Bernard Shaw empfand sie 1893 in London als schlechthin richtig, „denn seine Tempi und seine Energie sind die eines kräftigen Mannes auf ebenem Grund, nicht diejenigen eines gewöhnlichen Mannes, der bergab liefe." Ein Wiener Rezensent bedauerte das Fehlen einer Terminologie für Mottls Zeitmaße, „gegen welche Adagio und Largo anmutig leichte Bewegung bedeuten". Dass die betagte Cosima Wagner im Halbschlummer murmelte „Schneller, schneller, lieber Mottl" ist wohl eine Blüte des Wahnfried umwuchernden Legendengespinstes.

Nachfühlbar beschrieb Richard Strauss das Tann-häuser-Vorspiel 1891: Nur ein ganz vom poetischen Inhalt des Dramas erfüllter Dirigent könne schon „durch den Vortrag der Klarinettenmelodie, der Oboensoli dem Auge des Zuhörers schon die Gestalten hervorzaubern, deren Schicksal den hörenden Zuschauer dann von der Bühne herab zu innigster Teilnahme zwingen." Zwei Jahrzehnte später griff der Musikkritiker Alexander Berrsche in seinem Nachruf diesen Gedanken auf: „In seinen Interpretationen sang das Orchester wie mit menschlicher Stimme", erzählte auch von seinem „kühlen klaren Kopf, dass sein scharfer Verstand ihn auch in den Momenten höchsten Überschwangs nie vergessen ließ, dass Deutlichkeit die höchste Schönheit ist." Und er rührt an ein Geheimnis Mottls: „Es gab keine größeren Gegensätze: der ewig grübelnde und kämpfende Fanatiker Mahler und der stets heitere, gänzlich unproblematische Urmusiker Mottl. Unter jenem war das Einfachste eine Schlacht, für diesen das Schwerste ein Spiel."

Ob Mottl sein Werk-, sein Dirigierverständnis der nächsten Generation vermitteln konnte? „Ich dirigiere zu meiner größten Seligkeit", jubelte der 19-Jährige, als er in Teplitz mit dem Kurorchester die Carl Maria von Webers Freischütz-Ouverture aufführen durfte. Und er hatte doch das Dirigieren gar nicht gelernt. Er konnte es nur – und hat später seine Überzeugung nie verheimlicht, dass man diese Kunst weder lehren noch lernen könne. Keiner der Pult-Adepten, die er als Leiter der Münchner Akademie der Tonkunst betreute, konnte in seine Fußstapfen treten. Ob Furtwängler während seiner Korrepetitorjahre 1908/09 am Nationaltheater Mottls Gestaltungsideen aufgriff, weiterentwickelte? Wir wissen es nicht. Die Spuren von Mottls Musizierens sind verweht. Vergessen auch seine – zeitgebundenen – Bearbeitungen, seine wenigen Kompositionen, seine Instrumentierungen. Ausgenommen die Orche= sterfassung der Wesendonck-Lieder: Wagnerischer hätte sie auch der große Richard nicht entwerfen können. (Klaus Adam)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Juni-Ausgabe von Unser Bayern.

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