Unser Bayern

Prinzregent Luitpold hoch zu Ross. (Foto: SZPhoto)

16.11.2012

Des Königsreichs Bayern Verweser

Vor 100 Jahren starb Prinzregent Luitpold, der Garant für die gute alte Zeit

Am östlichen Isarhochufer Münchens über der Prinzregententerrasse steht auf einer hohen Säule der Friedensengel, eine wie zum Flug ansetzende goldene Engelsfigur. Sie hält der Stadt den Ölzweig des Friedens entgegen – ein Symbol für die Phase ununterbrochenen Friedens seit dem Krieg von 1870/71. Bei der Grundsteinlegung des Denkmals währte die Friedenszeit schon 25 Jahre, bis 1914 sollte sie noch andauern. Die Epoche, für die der Friedensengel steht, entspricht in etwa der Regierungszeit des Prinzregenten Luitpold. Sie wird gerne als eine der „glücklichsten" in der bayerischen Geschichte angesehen. Schon bald setzte man die Prinzregentenzeit mit der „guten alten Zeit" gleich. Dabei war für Luitpold der Beginn seiner Regentschaft, die er im Pensionsalter von 65 Jahren antrat, alles andere als einfach.

Am 10. Juni 1886 übernahm er nach langem Zögern die Herrschaft für seinen als geistesgestört entmachteten Neffen Ludwig II. Wenige Tage nach Ludwigs rätselhaftem Tod wurde offiziell dessen Bruder Otto zum König proklamiert, der wegen seiner Geisteskrankheit aber ebenfalls regierungsunfähig war. Die Amtsgeschäfte leitete deshalb der Onkel der beiden, Luitpold. Weil ein nicht kleiner Teil des Volkes an der Legitimität seiner Regentschaft zweifelte und die Absetzung eines Königs von Gottes Gnaden prinzipiell ablehnte, beanspruchte Luitpold nie die Königskrone, sondern blieb zeitlebens des Königsreichs Bayern Verweser. Als Prinzregent amtierte er 26 Jahre – länger als jeder der fünf regierenden bayerischen Könige.

Am 12. März 1821 wurde Luitpold als dritter Sohn Ludwigs I. geboren. Er war der Lieblingssohn seines Vaters, von dem er die Neigung für die Kunst und die patriotische Gesinnung geerbt hatte. Um die Erziehung des jungen Prinzen kümmerten sich vor allem Offiziere – ihm war die militärische Laufbahn vorbestimmt. Mit 14 Jahren war er bereits Hauptmann der Artillerie, 1869 wurde er Generalinspekteur des bayerischen Heeres. Während des Krieges 1870/71 gegen Frankreich vertrat er Bayern im Großen Hauptquartier. Neben dem stets pflichtbewusst geleisteten Militärdienst unternahm er ausgedehnte Auslandsreisen. In Neapel lernte er seine spätere Frau Erzherzogin Auguste Ferdinande, Tochter des Großherzogs Leopold II. von Toskana kennen, die er 1844 in Florenz heiratete.

Politisch betätigte sich Prinz Luitpold nicht. Nach dem frühen Tod seiner Frau 1864 nahm er aber zusehends mehr repräsentative Aufgaben für seinen Neffen König Ludwig II. wahr. Dieser ließ sich bei Anlässen, die ihm unangenehm waren, gerne von seinem Onkel vertreten. Am 3. Dezember 1870 überreichte Luitpold dem preußischen König Wilhelm I. im Auftrag Ludwigs den sogenannten Kaiserbrief. In dem berühmten Schreiben wurde dem Hohenzollern die Kaiserwürde des neu gegründeten Deutschen Reiches angetragen.

Bis zu seinem 65. Lebensjahr war Luitpolds Leben nicht allzu spektakulär verlaufen. Machtgier war ihm zeitlebens fremd. Ins Blickfeld der Öffentlichkeit trat er erst mit der Übernahme der Regentschaft. Pflichtbewusst fügte er sich der schwierigen Aufgabe, die von der Entmündigung, der Absetzung und dem Tod Ludwigs II. überschattet war. Allein die Absetzung seines Neffen war eine schwere Hypothek für Luitpold, Ludwigs ominöser Tod war eine Katastrophe. Ferdinand von Miller, der Inspektor der Königlichen Erzgießerei, berichtet, der Prinzregent sei zu tiefst betroffen gewesen und habe ausgerufen: „Man wird sagen, ich sei der Mörder." Mehrere Tage wagte er sich wenn überhaupt nur im geschlossenen Wagen aus seinem Palais. Er wusste nur allzu gut, wie sehr der seltsam entrückte König in breiten Kreisen des Volkes verehrt wurde.

Doch rasch kam es zu einem grundlegenden Stimmungsumschwung. Vor allem in bürgerlichen Kreisen wurde der volksnahe Luitpold bald als positiver Gegenpol zu dem zurückgezogen lebenden Ludwig II. wahrgenommen. Der Prinzregent zeigte sich gerne seinem Volk. Ausgedehnte Reisen führten ihn durch ganz Bayern. Kein Empfang, keine Denkmalenthüllung, keine Ehrung, keine Fahnenweihe waren ihm zu viel. Regelmäßig besuchte er das Oktoberfest. Leutselig wie er war, feierte er bereitwillig zusammen mit der Bevölkerung. Er ließ es sich nicht nehmen, alljährlich bei der Fronleichnamsprozession in München mit einer Kerze in der Hand zu Fuß wie alle anderen einherzuschreiten. Er war ein begeisterter Schwimmer und hatte nichts dagegen, sich in der Badehose zu zeigen. Für das Volk war er, der einen bescheidenen Lebensstil pflegte, glaubwürdig. Bei offiziellen Anlässen musste er selbstverständlich im entsprechenden Ornat auftreten. Am wohlsten fühlte er sich aber mit kurzer Lederhose, Janker und Hut samt Gamsbart, in seiner schlichten, abgetragenen Jägerkluft, die seiner Sparsamkeit entsprach. Großzügigkeit zeigte er nur, wenn es um Kunst ging. Er besaß persönlich 400 Gemälde, besuchte regelmäßig Künstler in ihren Ateliers und versuchte auch, den Landtag vom Ankauf zeitgenössischer Kunstwerke zu überzeugen. Was ihm gewidmete Denkmäler anging, bat er jedoch darum, man möge ihn zu Lebzeiten damit verschonen, sonst könne er an dieser Stelle nicht mehr vorbeigehen.

Als Prinzregent konnte er nicht über die Zivilliste in Höhe von 4,2 Millionen Mark verfügen; nur der König konnte sie beanspruchen. Luitpold standen lediglich eine Aufwandsentschädigung von insgesamt 440 000 Mark und seine persönliche Apanage von 170 000 Mark zu. Mit dem Rest der Zivilliste wurden ohne die Staatskasse zu belasten die Schulden aus der Zeit Ludwigs II. getilgt.

Luitpold war bis ins hohe Alter ein leidenschaftlicher Jäger – das brachte ihn vor allem der bäuerlichen Bevölkerung nahe. Seine Jagdausflüge führten ihn in verschiedene Regionen Bayerns, ins Allgäu, ins Berchtesgadener Land, aber auch in den Spessart. In München jagte er gerne enten im beim Aumeister im Englischen Garten. Selbstverständlich ging er als hervorragender Schütze auf Pirsch und ließ sich die Tiere nicht vor den Hochsitz treiben. Mit den Jägern, die ihn begleiteten, verkehrte er unkompliziert. Die zahlreichen Zigarren, die er an sie verschenkte, waren hoch begehrt und wurden wie Reliquien aufberwahrt. Zahlreiche Anekdoten von seinen Jagdausflügen sind überliefert. Ein Jäger soll zum Beispiel einen anderen gefragt haben, welcher der Herren denn nun der Prinzregent sei. „Der mit der schiachn Joppn", lautete die Antwort.

Für Luitpolds Popularität sorgte auch sein hohes Alter, das mit Milde, Weisheit, Würde und Autorität gleichgesetzt wurde. Die lange Regentschaft des alten Herrn mit dem stattlichen weißen Bart bedeutete für die Menschen Stabilität und Kontinuität in einer Zeit, in der sich Gesellschaft, Politik und Wirtschaft so sehr wandelten... (Eva Meier)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag im November-Heft von Unser Bayern.

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