Unser Bayern

Nicht nur bei Föhn ist die Nähe zwischen München und den Alpen sichtbar. (Foto: ddp)

17.09.2010

Die bayerischen Alpen im Würgegriff der Landeshauptstadt

Gegenwelt zur schmutzigen Industriestadt, Urlaubsidyll und Großstadtperiperie: München wächst in „seine“ Berge hinein

Die Sichtweise der Alpen ist seit 2000 Jahren in Europa dadurch geprägt, dass es Fremde sind, die die bekannten Alpenbilder entwerfen und nicht die Einheimischen. Das erste große Alpenbild, die alpen als „montes horribiles", als schrecklich-furchtbare Berge, stammt von römischen Schriftstellern und bleibt bis 1760/80 die dominante Perspektive. Dann setzt sich im Zeitalter der Industriellen Revolution das Bild der romantischen oder schrecklich-schönen Alpen durch, was von Wissenschaftlern und Künstlern entworfen und von Städtern populär gemacht wird. Und schließlich entsteht um das Jahr 1980 herum mit den Alpen als „Sportgerät" ein drittes Alpenbild, bei dem die Berge die Funktion erhalten, im Kontext von Aktivsportarten außergewöhnliche Körpererlebnisse zu produzieren.

Die bayerischen Alpen spielen während der langen ersten Phase keinerlei herausgehobene Rolle, dies ändert sich erst grundlegend ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Alpen werden überall in Europa neu gesehen: Als Gegenwelt zur hässlichen, schmutzigen, ungesunden Industriestadt gelten sie jetzt als ausgesprochen schöne, saubere und gesunde Welt ohne Probleme – oder anders ausgedrückt: als alpenländische Idylle. Da das Königreich Bayern im 19. Jahrhundert nur schwach von der Industrialisierung erfasst wird (dies gilt für Oberbayern in besonderem Maße) und da die bayerischen Könige meist eine industriekritische Weltsicht einnehmen, ist diese neue Alpensicht für sie ausgesprochen attraktiv und überzeugend, und deshalb versuchen sie sie mit allen Kräften zu fördern. Dazu gehört die systematische Erfassung des Brauchtums, der Tracht, der Architektur, der Volksmusik und der Dialekte im ländlichen Raum und ganz besonders in den bayerischen Alpen, um alle diese Elemente der Volkskultur in ihrer „echten" und „reinen" Form zu dokumentieren und sie so für die Zukunft zu bewahren.

Allerdings ist diese Erfassung keineswegs wertneutral: Sie wird von fremden Spezialisten – in der Stadt ausgebildeten Pfarrern, Lehrern, Beamten, Wissenschaftler – durchgeführt. Diese fixieren das lebendige Brauchtum, das sich früher permanent wandelte und veränderte, auf die einzig „richtige" Form. Dies ist der Beginn der Musealisierung des Brauchtums, das aus dem Alltag herausgenommen und am Sonntag als „Schaubrauchtum" für ein Publikum vorgeführt wird.

Auf diese Weise wird in ganz Bayern – und besonders stark in der Hauptstadt München als Königsresidenz – das romantische Bild der idyllischen Alpen sehr populär, das auf den beiden Säulen der „schönen Landschaft" und des „echten Brauchtums" beruht. Dieses romantische Alpenbild ist in der Metropole München so stark ausgeprägt wie kaum in einem anderen Territorium mit Alpenanteil, und es ist nur vergleichbar mit den Alpenbildern in weit von den Alpen entfernten Städten wie Berlin, Paris oder London.

Dadurch erhalten die bayerischen Alpen – obwohl sie nur sieben Prozent der Landesfläche ausmachen – einen übergroßen ideellen Stellenwert, der darin gipfelt, dass sie sogar zum Symbol ganz Bayerns werden können. Die damit verbundenen Verdrehungen und Verklärungen der Realität hat Walter von Cube sehr schön auf den Punkt gebracht: „Ganz Bayern voller Alpen, die Alpen voller Almen, die Almen voller Sennerinnen, und diese voller Unschuld."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelt sich dieses Alpenbild im Kontext des neu entstehenden Massentourismus, der in den bayerischen Alpen bereits sehr früh nach 1945 einsetzt. Das touristische Alpenbild profitiert zwar noch stark vom romantischen Alpenbild des 19. Jahrhunderts, aber die Akzente verschieben sich: Die Idylle der schönen Landschaft und des echten Brauchtums werden immer weniger als Gegenwelt zur industriellen Welt gesehen, sondern dienen immer stärker der Erholung und Entspannung im Urlaub, um anschließend wieder das städtische Arbeitsleben gestärkt aufnehmen zu können.

Da erstens die bayerischen Alpen nur einen schmalen Streifen am Alpenrand umfassen, da zweitens die deutsche Grenze noch eine wichtige mentale Barriere darstellt (viele Deutsche möchten im Urlaub nicht ins Ausland fahren), und da drittens die Agglomerationen München, Augsburg und Stuttgart nahe an den Alpen liegen, werden in der Phase des Massentourismus praktisch alle gut 100 Gemeinden der bayerischen Alpen touristisch erschlossen. Diese dezentrale touristische Erschließung ist nur noch mit Südtirol, Tirol und Salzburg zu vergleichen. Deshalb ist es kein Zufall, dass die Fremden – und darunter ganz besonders stark die Münchner – die bayerischen Alpen als eine einzige kompakte Urlaubs- und Ferienregion wahrnehmen.

Und erst heute – so spät ! – beginnen die Bewohner der bayerischen Alpen, diese fremde, städtisch geprägte Alpensicht selbst zu übernehmen, weil sie mit ihrer eigenen Realität als touristische Gastgeber übereinstimmt.

In der breiten Öffentlichkeit ist dieses Alpenbild – die Alpen als Urlaubsregion mit einer idyllischen Komponente – heute noch sehr präsent, auch wenn es nicht mehr der Wirklichkeit entspricht.

Seit den 1980er Jahren breitet sich die Großstadtregion München auch nach Süden immer weiter aus, und sie hat inzwischen die bayerischen Alpen im Bereich der Landkreise Rosenheim, Miesbach, Bad Tölz-Wolfratshausen und Weilheim-Schongau erreicht. Im Osten macht sich der Einfluss der Agglomeration Salzburg auf das Berchtesgadener Land bemerkbar, und nur das Allgäu im Westen ist von keiner vergleichbaren Entwicklung betroffen.

Dieser Prozess ist kein bayerischer Sonderfall, sondern ein alpenweites Phänomen – im Umkreis von Nizza, Genf und Wien ist er inzwischen noch stärker ausgeprägt als im Raum München, auch im Umkreis von Zürich, Mailand und Ljubljana weist er ähnliche Dimensionen auf. (Werner Bätzing)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der August/September-Ausgabe von Unser Bayern.

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