Unser Bayern

Da hat der Friedensengel viel zu tun, wenn er die Mächtigen an der Leine halten will, die am Pool lauern: Mitten im Strudel der Kampf auf dem Balkan. Die zeitgenössische Illustration stammt von dem irischen Karikaturisten David Wilson (1873 bis 1935), der für mehrere namhafte britische Zeitungen arbeitete. (Foto: Getty)

17.01.2014

Die Krise spitzt sich zu

Die Befehle lagen schon monatelang in der Schublade: Stimmungsbilder aus Bayern am Vorabend des Ersten Weltkriegs

Als die bayerischen Behörden am 1. August 1914 die „Erklärung des Zustandes der drohenden Kriegsgefahr" ausgaben, lag sie bereits seit neun Monaten in den Schubladen. Noch weniger druckfrisch waren jene Plakate, die am gleichen Tag im Namen des Königs die Verhängung des Kriegszustands verkündeten. Bereits über ein Jahr zuvor, am 3. April 1913, waren sie – streng geheim – an sämtliche Lokalbehörden verteilt worden. Beigelegt war ein ganzer Katalog von Sicherheitsauflagen sowie der Hinweis auf Artikel 1 des „Gesetzes über den Kriegszustand" vom 5. November 1912.

Es war nicht das erste Mal, dass Medien und Öffentlichkeit Bayerns von der Kriegsfurcht gepackt wurden. Seit 1905 war die Weltgemeinschaft von fünf Konflikten erschüttert worden, und jedes Mal gelang es den europäischen Großmächten, den Flächenbrand gerade noch abzuwenden.

Besonders gefährlich war die zweite Marokkokrise von 1911 verlaufen: seitdem bestand für viele politische Analysten kein Zweifel mehr, dass der Ausbruch eines großen Weltkrieges nur mehr eine Frage der Zeit sei. Der Topos von der „Unvermeidbarkeit des Weltkrieges" machte sich breit, während Zeitbeobachter und Parlamentarier verschiedenster politischer Couleur alle nur denkbaren Kriegsszenarien durchspielten.

Erneuten Anlass zur Beschwörung des nahenden Unheils bot der Ausbruch des ersten Balkankrieges im Herbst 1912, der als die schwerste internationale Krise vor 1914 in die Geschichtsbücher einging. „Kriegsgefahr auf dem Balkan", „Spielt nicht mit dem Feuer !", „Mobilmachung der bulgarischen und serbischen Armee" titelten die bayerischen Zeitungen nahezu tagtäglich seit der letzten Septemberwoche 1912. Bereits am 8. Oktober 1912 begannen die militärischen Auseinandersetzungen, und schon durchwirbelte die „Drohung des russischen Kriegsministers mit dem europäischen Krieg" den deutschen Blätterwald. „Was kostet ein Krieg?", fragte sich sogleich die katholisch-konservative Donauzeitung aus Passau und stellte fest, „heute würde ein Krieg viel gewaltigere Kosten verursachen" als beim deutschen Einigungskrieg von 1870/71. Auch die Gefallenenzahlen würden bislang unvorstellbare Dimensionen erreichen und viele Überlebende nurmehr als „sieche Krüppel" heimkehren.Donau-Zeitung ihre Leser wiederholt, und vielleicht kam diese Botschaft hier und da auch an. Jedenfalls nahmen etliche Abonnenten die Nachrichten vom Balkan eher gelassen auf, denn nur zu gut erinnerten sie sich an ähnliche Schlagzeilen aus den Jahren 1908/9 und 1911. Zudem lagen die Geschehnisse auf dem Balkan weit weg, besonders für die ländliche Bevölkerung.

„Möge der Himmel unser Vaterland vor den Schrecken eines Krieges bewahren", schrieben sich viele bayerischen Zeitungsschreiber von der Seele, während immer alarmierendere Nachrichten vom Balkan eintrafen. Vor allem das Gerede von den Kriegsvorbereitungen Russlands ebbte nicht ab, bis die Öffentlichkeit Mitte November von der „allgemeinen" Mobilmachung" Österreich-Ungarns erfuhr. So steigerte sich die Erregung der Gemüter, bis diese Anfang Dezember 1912 ihren Höhepunkt erreichte. Sicherlich hatte die Presse mit ihrer Melange aus Gerüchten, Fakten und Sensationslust die Unruhe noch angefacht.

Andererseits bemühten sich viele Zeitungsleute, die Gefahr nicht weiter zu dramatisieren. Trotz der vitalen Interessen Österreichs und Deutschlands auf dem Balkan, sei „dieser doch keinen Weltkrieg wert", beruhigte die Passauer

Umso mehr ans Herz ging vielen das Schicksal des bayerischen Königshauses, das in jenem Herbst 1912 gleich zwei Sterbefälle zu beklagen hatte. Alles begann mit dem Tod der Herzogin Marie-Gabriele von Bayern, der Frau des Prinzen Rupprecht am 24. Oktober 1912. „Das betrübende Ableben Ihrer königlichen Hoheit Frau Prinzessin Rupprecht von Bayern hat auch in der treu gesinnten oberpfälzischen Bevölkerung tiefe Trauer und warme Anteilnahme geweckt", berichtete kurz darauf der oberpfälzische Regierungspräsident. Als am 12. Dezember 1912 auch noch Prinzregent Luitpold verstarb, saß die Trauer so tief, dass der Krieg auf dem Balkan tagelang aus den Schlagzeilen verschwand. Bayern nahm Abschied von einer Persönlichkeit, die schon zu Lebzeiten ein Denkmal war. Innerhalb von Stunden entwickelten sich die vielen Büsten und Reiterstandbilder Luitpolds zu wahren Pilgerstätten, und auch die zahllosen Gedenkmedaillien, Gemälde und Lithografien in den Amtstuben und Bürgerhäusern wurden auf einmal wie Reliquien verehrt. Tief saß das Gefühl, mehr als nur eine beliebte Herrscherpersönlichkeit verloren zu haben, das Gefühl, für immer Abschied zu nehmen von einer Ära, die angesichts des Dunkels am Horizont auf einmal in einem viel helleren Licht erschien.

Der Prinzregent war noch nicht verstorben, als die ersten staatlichen Vorkehrungen für den Ernstfall erfolgten. „Drohende Kriegsgefahr – streng geheim", titelte ein Rundschreiben der acht bayerischen Regierungspräsidenten an sämtliche Bezirksämter vom 5. November 1912. Jeweils beigelegt war ein Plakat, das die Verhängung des Kriegszustandes verkündete. Die rechtliche Grundlage schuf ein Landtagsgesetz, das ebenfalls an jenem 5. November verabschiedet worden war: das bayerische Gesetz über den Kriegszustand.

In der Folge rissen die Vorkehrungen für den Ernstfall nicht mehr ab, angefangen von Verordnungen zum Grenzschutz und bestimmten Sperrmaßnahmen bis hin zur Erfassung jener Bürger, die für die geplante Wachverstärkung in Frage kamen. Ein scharfes Auge richtete der Staat ferner auf die strategischen Schnittstellen des Verkehrs- und Kommunikationsnetzes. Um möglichen Anschlägen zuvorzukommen, wurden umfangreiche Maßnahmen zum Objektschutz eingeleitet sowie Szenarien möglicher Sabotageakte durchgespielt.

Im März und April 1913, als sich die Spannungen auf dem Balkan erneut verschärften, erreichten die hektischen Aktivitäten der Behörden ihren vorläufigen Höhepunkt. Auch diesmal verlautete nichts davon in den Medien – und doch reichten allein die alarmierenden Nachrichten von den Kriegsschauplätzen aus, um Unruhe zu stiften. Schon nach der Ernte des Jahres 1912 hatten sich die Proviantämter reichlich mit Getreide eingedeckt und die Preise für Weizen, Roggen und Hafer beträchtlich in die Höhe getrieben. Etliche Müller und Bäcker witterten bereits das große Geschäft. Vor allem die Wirtschaftswelt reagierte empfindlich auf die wachsende Kriegsgefahr – die vielen kleinen Geldanleger nicht ausgenommen. „Die andauernde Krise zeitigt eine in der neueren Zeit noch nie beobachtete Nervosität des geldbesitzenden Publikums", hob die Handelskammer Passau in ihrem Jahresbericht 1912 hervor und fügte hinzu: „Bankeinlagen wurden zurückgezogen, das bare Geld dem Verkehr vorenthalten und in blankem Metall aufbewahrt, teilweise sogar vergraben wie zu Urgroßvaters Zeiten". In der Folge sei „das Geldgeschäft fast zum Stillstand" gekommen, so der Bericht weiter, eine Einschätzung, der sich Anfang April 1913 das niederbayerische Bezirksamt Landau anschloss. Dort schob man den Buhmann besonders den Medien zu, denn vor allem „die übertriebenen Alarmnachrichten in der Lokalpresse" seien die eigentliche Ursache für den anhaltenden Ansturm auf die Sparkasseneinlagen... (Martin Hille)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Januar-Ausgabe von Unser Bayern (Bayerische Staatszeitung Nr. 3 vom 17. Januar) !

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