Unser Bayern

Der Mond im Gasometer Oberhausen. (Foto: Wolfgang Volz)

26.03.2010

Eine Region macht sich fein

Ein Großereignis mit internationaler Strahlkraft: Das Ruhrgebiet ist "Kulturhauptstadt Europas"

Vom Klischee des Ruhrgebiets als Bergarbeiterregion mit zahllosen Kohlezechen und Stahlfabriken, Wolken von Staub, Dreck und Ruß in der Luft, auf den Straßen und an Häusern muss man sich spätestens seit diesem Jahr verabschieden. Denn das ehemalige als Revier bezeichnete Gebiet ist Kulturhauptstadt Europas, RUHR.2010. Unter dem Motto „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ soll Europa erzählt werden, wie die einst größte „Kohlenzeche“ des Kontinents zum Symbol für den Wandel durch Kultur geworden ist, wie sich das Ruhrgebiet zur neuen Metropole Ruhr wandelt. Eingebunden in die Metropole Ruhr sind die 53 Städte dieser Region. Das Ruhrgebiet ist Europas drittgrößter Ballungsraum und hat sich in den vergangenen Jahren zu einer authentischen, kreativen und vitalen Region entwickelt. Im Rahmen der RUHR.2010 erfährt nun auch der Tourismus eine Renaissance. Als Ausgangspunkt für die Entdeckung der Metropole Ruhr könnte der Gast zum Beispiel Gelsenkirchen wählen. Berühmt durch den Fußballverein Schalke 04 besteht die frühere Bergarbeiterstadt aus 18 Ortsteilen. Von den rund 260 000 Einwohnern sind 40 000 Ausländer, die sich wiederum in über 130 Nationen aufteilen. In fast jedem der 18 Ortsteile gab es früher einen Schacht. Heute ist in Gelsenkirchen eine neue Industrie dabei, sich anzusiedeln: die Photovoltaikindustrie. Bekanntheit hat die Stadt auch durch die Bezeichnung Gelsenkirchener Barock erlangt. Damit bezeichnet man vorwiegend wuchtige, meist gebrauchte und hochglänzend edelholzfurnierte, ornamentreiche Schränke und Kommoden aus den 1930er und 1950er Jahren. Gelsenkirchen steht hier stellvertretend für das Arbeitermilieu der deutschen Kohle- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet, wo diese Möbel anfänglich überwiegend zu finden waren. Die Bezeichnung Barock spielt dabei auf die schwungvolle Üppigkeit und Vielfalt der Formen und Verzierungen an. Der Ausdruck wurde jedoch ein eher liebevoll-ironisches bis kritisch-despektierliches Synonym zu einer Design- und Einrichtungskultur, die man als altmodisch, spießig, geschmacklos und überladen charakterisiert. Mittlerweile wird der Begriff jedoch nicht mehr ausschließlich für Möbel verwendet, sondern durchaus allgemein gebraucht, um Dinge als unzeitgemäß, aus der Mode gekommen oder kitschig zu kennzeichnen. Sehenswert in Gelsenkirchen sind unter anderem die Veltins-Arena, die Heimat von Schalke 04, und die ZOOM Erlebniswelt. Dort sind großzügige und naturnahe Lebensräume für die Tiere verwirklicht. Die Gehege von einst sind längst authentischen Landschaften gewichen. Vorbild ist die natürliche Heimat der Tiere. So sind Flussläufe, Seenlandschaften und Bergwasserfall, weitläufige Feucht- und Grassavannen, Dschungel und Felsmassive entstanden. Seit März dieses Jahres gibt es neben den Erlebniswelten Alaska und Afrika nun auch eine Erlebniswelt Asien. Auf über 30 Hektar können die Besucher die Welt der Tiere ohne sichtbare Grenzen und Stallungen entdecken. Auf keinen Fall entgehen lassen sollte sich ein Besucher der Metropole Ruhr den Gasometer Oberhausen. Knapp 60 Jahre lang stand dieser 117,5 Meter hohe Gasometer (Durchmesser 67,6 Meter) im Dienst der Industrie. Er speicherte zunächst Gichtgas, ein Abfallprodukt der umliegenden Hochöfen, das in den Walzwerken verfeuert wurde. Später speicherte er in seinem 347 000 Kubikmeter fassenden „Bauch“ auch das energetisch höherwertige Koksgas der Kokerei Osterfeld. Als Scheibengasbehälter funktionierte der Oberhausener Gasometer nach dem Prinzip, das 1915 von der Firma MAN Gustavsburg entwickelt worden war: Das Gas wurde von unten in den Innenraum geblasen und an anderer Stelle wieder entnommen. Den 24-eckigen Grundriss bilden Doppel-T-Träger, zwischen denen 8,80 Meter lange, 0,81 Meter hohe und fünf Millimeter dicke Mantelbleche genietet wurden. Sie schlossen den Gasometer gasdicht ab und sorgen für seine Stabilität. Auf dem Gas schwamm die Gasdruckscheibe mit einem Gesamtgewicht von 1207 Tonnen. Je nach gelagerter Gasmenge glitt sie an den ölgeschmierten Wänden auf und ab. War der Gasometer komplett gefüllt, befand sich die Scheibe in 95 Metern Höhe. Die Undurchlässigkeit am Rand der Scheibe wurde durch ein Öl-Teer-Gemisch erreicht, das ständig an den Wänden des Gasometers entlang lief. Am Boden wurde es aufgefangen, von Schmutz und Kondenswasser gereinigt und außen wieder nach oben gepumpt. Die getrockneten Rückstände überziehen noch heute die Innenwände des Gasometers als schützende Schicht. Europas größter Scheibengasbehälter erinnert eindrucksvoll an die Schwerindustrie, die mehr als ein Jahrhundert lang das Ruhrgebiet geprägt hat. Gleichzeitig liefert der gigantische ehemalige Gasspeicher den spektakulären Rahmen für kulturelle Erlebnisse vielfältiger Art. Bis 30. Dezember 2010 ist im Gasometer Oberhausen derzeit die Ausstellung „Sternstunden – Wunder des Sonnensystems“ zu sehen. Absoluter Höhepunkt der Ausstellung ist der im 100 Meter hohen Luftraum schwebende Mond. Der mit 25 Metern Durchmesser „größte Mond auf Erden“, entworfen von Wolfgang Volz, bildet auf der Grundlage hochaufgelöster Satellitenbilder in einer gigantischen Skulptur den Erdtrabanten detailgetreu nach. Der Mond wird in seinen verschiedenen Phasen und Lichterscheinungen gezeigt. „Sternstunden“ ist im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 eine Ausstellung, in der sich kulturgeschichtliche, naturwissenschaftliche sowie künstlerische Sichtweisen durchdringen. Sehenswert und interessant für alle Alterstufen. Im Rahmen der RUHR.2010 wird es auch die Aktion SchachtZeichen geben. Die Schachtanlagen, die früher der Grund für Industrialisierung und wirtschaftlichen Wohlstand, für Raum- und Siedlungsentwicklung im Ruhrgebiet waren, sind heute wieder verschwunden – unter Tage, unter Straßen und Siedlungen, Gewerbegebieten und Parks. 350 gelbe Ballone sollen ruhrgebietsweit in 80 Meter Höhe die Stellen markieren, an denen früher Schächte in die Erde führten und große Bergwerksanlagen standen. Das 4000 Quadratkilometer große Kunstwerk nach einer Idee von Volker Bandelow wird zeigen, wie der Strukturwandel diese Orte radikal verändert hat. Am 18. Juli 2010 feiern mitten auf der A 40/B 1 die Bürger der Metropole Ruhr ein einmaliges Fest der Alltagskulturen. Für die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 entsteht auf einer Strecke von fast 60 Kilometern aus 20 000 Tischen eine Begegnungsstätte der Kulturen, Generationen und Nationen – die längste Tafel der Welt. Die Hauptverkehrsader der Region wird von Duisburg bis Dortmund für den Autoverkehr gesperrt und verwandelt sich in eine einzigartige Bühne. Auf der Fahrbahn von den Ausfahrten Dortmund, Märkische Straße bis Duisburg-Häfen wird der rund 60 Kilometer lange Tisch aufgebaut. In der Gegenrichtung von Duisburg nach Dortmund kann jeder mit allem, was Räder, aber keinen Motor hat, die Autobahn befahren.

(Friedrich H. Hettler)

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