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Typisches Schadensbild, wie man es zuhauf bei Büchern sieht, de- ren Papier vom Säurefraß instabil geworden ist. Da genügt es dann nicht, das Werk nur zu entsäuern, jede einzelne Seite muss zudem angefasert werden. Foto: Dütsch

19.02.2010

Gerühmte Erfindung mit Selbstzerstörungskomponente

Mit der Massenproduktion des Papiers aus Holzschliff nahm der Säurefraß sein Unwesen auf

Es ist der Stoff, aus dem die Sorgen sind, die Rolf Griebel umtreiben: Säurehaltiges Papier. Es wird hässlich braun, brüchig, zerfällt – macht das Gedächtnis der Menschheit, also das gigantische Konvolut an schriftlichen Zeugnissen, wohl irreparabel löchrig. Betroffen sind auch zahlreiche Schätze zu Bayerns Kulturgeschichte. Rolf Griebel, Chef der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB), nennt Schäden in Millionen-Stückzahlen. Die erschrecken, vermögen aber nicht so unmittelbar zu rühren wie der extrem brüchige Münchner Guckkasten, das letzte bekannte Exemplar der einstigen Satirezeitschrift. „Rettung so gut wie aussichtslos“, schätzt Irmhild Schäfer, Chefin des Instituts für Buch- und Handschriftenrestaurierung (IBR) an der BSB die extreme Schadenslage des Druckwerkes ein. Und Christl Beinhofer, Chemikerin und stellvertretende Leiterin des IBR zuckt zurück: Nein, nicht einmal mit einer Pinzette wagt sie es, das fragile Deckblatt anzuheben, geschweige denn, im Guckkasten zu blättern. Dabei ist der hinfällige Patient viel jünger, als sein ramponierter Zustand vermuten lässt: Er stammt nicht etwa aus den Anfangsjahren des Druckerhandwerks – die Zweiwochenschrift erschien erst zwischen 1888 und 1900. „Ein Goethe hält länger“, bringt Christl Beinhofer das Dilemma auf den Punkt: Das Phänomen „saures Papier“ lässt sich nämlich eingrenzen auf Druckerzeugnisse zwischen den 1840er und 1980er Jahren. 1843 machte der Sachse Friedrich Gottlob Keller eine wichtige Erfindung: den Holzschliff. Bis dahin waren aufbereitete Hadern aus Leinen, Flachs oder Schafwolle Grundlage der Papierherstellung. Aber schon im 18. Jahrhundert konnte man nicht mehr genügend Lumpen zusammenkarren für das viele Papier, das benötigt wurde, um die Bildungs- und Lesegier sowie den amtlichen Dokumentationseifer zu befriedigen. Hadern waren ein begehrtes Handelsgut, das trotz Verbote ins Ausland, gerne vor allem nach England und Holland (wo man bereit war, vor allem für die feinen Lumpen mehr zu bezahlen) ausgeführt wurde – „während in Bayern, im Anhaltischen und anderwärts der Lumpenmangel öfters so groß ward, dass die Papiermühlen ruhen mussten“, heißt es dazu in der Oekonomisch-technologischen Encyklopädie (1801) von Johann Georg Krünitz. Der Holzschliff, auf einem Schleifstein zerkleinertes, entrindetes Holz, löste dieses Rohstoffproblem. Die industrielle Massenproduktion von Papier kam in Schwung – und das Buch wurde eine Massenware. Allerdings zur recht kurzlebigen, wie sich schon nach wenigen Jahrzehnten herausstellen sollte. Ins moderne Papier war nämlich eine Selbstzerstörungskomponente eingebaut. Zellulose ist organisch und damit dem Abbau preisgegeben. Dieser natürliche Prozess wird rasant beschleunigt, wenn Säure mit ins Spiel kommt, was zwangsläufig durch andere Bestandteile der Zelluloselieferanten geschieht, die oxidieren. Beim Holz ist es vor allem das Lignin, das zu 20 bis 30 Prozent in der Zellwand steckt. Neben der Oxidation sorgt die „saure Hydrolyse“ für den Abbau: Durch die vorhandene Säure wird Wasser in die Zelluloseketten eingebaut und verkürzt diese – was zu mangelnder Stabilität, also geringerer Festigkeit führt. Nun sind diese chemischen Vorgänge, die durch Licht, schwankende Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit begünstigt und beschleunigt werden, zwar auch gegeben, wenn zum Beispiel Leinenfasern als Papierrohstoff verwendet werden – aber deren frühere Bearbeitung durch „Faulen“ stoppte die Säureentwicklung: Die Lumpen wurden in großen Haufen erst einmal kräftig mit Kalk und Wasser gemischt. Das hatte einerseits hygienische Gründe, andererseits machte es die Hadern fasrig. Weil aber bei dieser Prozedur gut 20 Prozent der Masse verloren gingen, verzichtete man schon im 18. Jahrhundert angesichts der Rohstoffknappheit zunehmend aufs Faulen. Die Lumpen wurden dann nur mechanisch zerkleinert – die Papierqualität nahm schleichend ab. Bei Umstellung der Papierherstellung auf den Holzschliff kam aber nicht nur das Lignin als saure Komponente ins Papier: Auch bei der Leimung stellte man um vom Knochenleim auf die Harzleimung – das reicherte das Papier mit aggressiven Harzsäuren an. Und: Hatte man früher Kreide zum Weißen beigemischt, so setzte man in der modernen Papierindustrie auf Alaun – das schleuste Schwefelsäure ein. Spätestens in den 1970er Jahren war die „Bescherung“ der einstmals modernen Papierherstellung nicht mehr zu übersehen. Aber nicht nur, dass die Industrie die Papierrezepturen änderte (statt Harzsäuren werden heute synthetische Bindemittel verwendet) und ligninfreies Papier auf den Markt brachte, man suchte auch nach Möglichkeiten, den Verfallsprozess der Bücher und Dokumente aufzuhalten, die auf dem extrem säurehaltigen Papier gedruckt waren. Säure lässt sich mit viel Wasser ab- und auswaschen. Also verpasst man „sauren“ Büchern ein gründliches Bad. Eine verlockend simple Idee: Doch wieviele Bücher würden eine solch radikale Wasserkur „überleben“? Das originale Erscheinungsbild des Werkes wäre dahin: Was einmal aufgeweicht war, ist nach dem Trocknen immer auch ein wenig größer. Mit der Papierstabilität wäre es vorbei. Weg gewaschen würden auch Tinten oder Farben, und damit wertvolle handschriftliche Einträge und manche Illustration. Dann noch die Schäden an den Einbänden... Ob man dann noch vom „Original“ sprechen könnte? Letztlich wäre noch nicht einmal sicher, ob wirklich alle sauren Komponenten ausgespült wurden. Wenn man den „Teufelsstoff“ also nicht austreiben kann, dann muss man ihn zumindest hindern, weiter sein Unwesen zu treiben: Analog zur historischen Lumpenbehandlung mit Kalk setzen Experten auf eine Alkalie, die den Säurefraß aufhält, chemisch gesprochen: die Säuren neutralisiert. Nach vielen Experimenten kristallisierte sich Calciumcarbonat („Kohlensaurer Kalk“) als gängigster Puffer heraus. Es ist billiger und neigt weniger zum Vergilben als Magnesiumcarbonat, das man früher hauptsächlich verwendete. Auch bei der Frage, wie dieses Calciumcarbonat in die Druckwerke einzubringen ist, wurde viel ausprobiert.

(Karin Dütsch)

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