Unser Bayern

24.02.2012

Geteilter Gewinn

Der neu erworbene Kleine Klebeband ging zwar nach Berlin – von den Forschungen damit profitiert aber auch Augsburg


Es ist eine kleine Sensation: Nach zweijährigen Verhandlungen unter der Federführung der Kulturstiftung der Länder ist es Ende 2011 gelungen, für die Kunstsammlungen und Museen Augsburg und das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine Sammlung von 120 Handzeichnungen aus der Fürstlich Waldenburg-Wolfeggschen Sammlung zu erwerben. Die aus dem 15. bis frühen 17. Jahrhundert stammenden Zeichnungen (hauptsächlich altdeutsche Werke mit der Serie musterbuchartiger Zeichnungen aus der Werkstatt und dem Umkreis Hans Holbeins d. Ä.) sind im so genannten Kleinen Klebeband im 19. Jahrhundert zusammengefasst worden. Dieser hat nun, wie bei der Erstpräsentation stolz festgestellt wurde, „sein Heim in der Öffentlichkeit" gefunden. Seinen permanenten Aufbewahrungsort erhält er im Berliner Kupferstichkabinett. Das hat den Vorteil, dass der Bestand zusammen bleibt, dort hervorragend konservatorisch betreut und in geeigneten Räumen der gemeinsamen Forschung bereitgestellt werden kann. Aber wie schon beim Ländergrenzen überschreitenden Ankauf, so ist es auch bei den anstehenden Forschungsarbeiten ausgemachte Sache, dass Wissenschaftler aus Augsburg und Berlin eng zusammenarbeiten werden (am Ende der wissenschaftlichen Aufarbeitung soll es eine größere Ausstellung geben). Und so bedeutet dieser Ankauf für die Kunstsammlungen Augsburg zumindest einen enormen Zugewinn an Kenntnis der zeitgenössischen städtischen Kunstproduktion.

Die Bezeichnung „Kleiner" Klebeband ist durchaus irreführend. Sie trifft weder auf die Größe – die Blattmaße betragen immerhin 44,5 x 32 cm – noch auf ihre künstlerische Bedeutung zu. So enthält das Konvolut unter anderem das berühmte Silberstiftporträt einer Nonne aus der Familie Vetter um 1499 von Hans Holbein d. Ä. Mit ihm wird ein unmittelbarer Bezug zum „Epitaph der Schwestern Vetter" hergestellt, das der Künstler um diese Zeit für die Augsburger Katharinenkirche im Auftrag von Walpurga Vetter (möglicherweise sogar die Porträtierte) ausgeführt hat. Ein weiterer Zusammenhang zur ständigen Präsentation der Alten Meister in der Staatsgalerie Augsburg ergibt sich durch Holbeins Studienzeichnung der Hl. Thekla, eine zentrale Figur in des Meisters Basilikatafel San Paolo fuori le Mure.

Zu den Höhepunkten der erworbenen Sammlung gehört das Männerbildnis eines bislang unbekannten Künstlers mit dem Notnamen „Meister des Mornauer Bildnisses" um 1470/80, das als eine der frühesten deutschen Bildniszeichnung vor Dürer angesehen werden kann. Diese kolorierte Federzeichnung besticht durch ihre hohe Plastizität, die besonders im Faltenwurf der Ärmel wie auch in der jede Ader betonenden Ausführung der Hände zum Ausdruck kommt; über die Identität des Abgebildeten herrscht noch Unklarheit.

Dieses einzigartige, im Verzeichnis national wertvollen Kulturguts eingetragene Konvolut geht auf die Sammelleidenschaft des Erbtruchsess Maximilian Willibald von Waldburg-Wolfegg (1604-1667) zurück. Nach Zerstörung seines Schlosses durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg zog er als kurbayerischer Statthalter der Oberpfalz nach Amberg. Dort baute er in etwa 20 Jahren eine nahezu 120 000 Blatt zählende Sammlung druckgrafischer Blätter auf. Dazu kam eine umfangreiche Sammlung von über 4000 Handzeichnungen – die älteste erhaltene private Zeichnungssammlung in Deutschland überhaupt. Aus dieser stammen auch die Blätter des Kleinen Klebebandes". (Reiner Oelwein)

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