Unser Bayern

Ungewöhnliches Ambiente für ein Rundfunkstudio: Die Schallkabine des Bamberger Senders in der Kirche des säkularisierten Dominikanerklosters St. Christophorus. (Foto: Archiv Erzbistum Bamberg)

21.12.2012

Gottes Wort auf Welle

Der Bamberger Sender: ein besonderes Kapitel der kirchlichen Rundfunkgeschichte in der Nachkriegszeit


Als in den Vereinigten Staaten Ende 1920 und in England Anfang 1922 erste Rundfunksender für die Allgemeinheit in Betrieb genommen wurden, begann man auch im Deutschen Reich mit den Planungen für einen regelmäßigen Sendebetrieb. Bis dahin waren die von dem Physiker Heinrich Hertz 1886 entdeckten elektromagnetischen Wellen nur für die drahtlose Telegraphie genutzt worden, für die im Reichspostministerium ab 1919 der Begriff „Rundfunk" Verwendung fand. Mitte der 1920er Jahre hatte sich der Rundfunk, der heute – im Unterschied zum Fernsehen – Hörfunk genannt wird, als publizistisches Medium in Deutschland etabliert. 1926 folgte die erste staatliche Rundfunkordnung. In München ging 1924 die von einigen Geschäftsleuten begründete „Deutsche Stunde in Bayern" auf Sendung. Sie war die Vorläuferin des Bayerischen Rundfunks.

Von Anfang an waren die katholische und die evangelische Kirche im weltlichen Rundfunk mit Morgenfeiern und wissenschaftlichen Vorträgen präsent, um so christliche Bildungsarbeit zu betreiben. Bereits im Januar 1924 besuchte Eugenio Pacelli, der päpstliche Nuntius für das Deutsche Reich und spätere Papst Pius XII., das Studio der „Radio–Stunde" in Berlin.

Freilich gab es in beiden Kirchen auch starke Bedenken, denn man wollte vermeiden, dass gottesdienstähnliche Übertragungen die Gläubigen davon abhielten, die Gottesdienste und Messfeiern in den Kirchen zu besuchen. Viele katholische Volksbildner waren der Meinung, dass eine christliche Bildung personalen Charakter haben müsse, also nur von Mensch zu Mensch weitergegeben werden könne und eben nicht über ein technisches Medium.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Rundfunkbetrieb in Deutschland für einige Jahre den Besatzungsmächten komplett unterstand, hatten die Kirchen offensichtlich weniger Berührungsängste. Vielmehr wuchs die Hoffnung auf einen religiösen Neubeginn, vielleicht auch auf eine Rechristianisierung der Gesellschaft, und es kam der Wunsch auf, sich als Kirchen politisch stärker einzubringen und am Neuaufbau der Gesellschaft entscheidend mitzuwirken. Denn von Anbeginn an wurden den Kirchen Sendezeiten innerhalb der Hörfunk-Programme eingeräumt, die auszufüllen diese auch bereit waren: mit Gottesdienstübertragungen und Andachtssendungen sowie aktuellen kirchlichen Nachrichten. Die ersten Nachkriegs-Übertragungen fanden am 18. November 1945 in Hamburg und am 6. Januar 1946 in Köln statt. In dieser Aufbruchstimmung, als sich die Rundfunkstrukturen noch nicht endgültig herausgebildet hatten, war es naheliegend, auch über kircheneigene Sender nachzudenken, zumal es mit dem katholischen Sender im niederländischen Hilversum bereits ein Vorbild gab. Für einen solchen kirchlichen Sender wäre Bamberg der geeignete Ort gewesen, genauer, ein wenige Kilometer entferntes Plateau mit dem Namen „Friesener Warte". Denn bereits im Dritten Reich hatten Messungen ergeben, dass ein Mittelwellensender von dort aus ganz Deutschland erreichen könnte – im Nachkriegsdeutschland also auch die sowjetische Besatzungszone.

Die Initiatoren eines katholischen Senders im Raum Bamberg waren der damalige Bamberger Erzbischof Joseph Otto Kolb, sein Sekretär Pfarrer Paul Kupfer, Prälat Georg Meixner – als CSU-Abgeordneter und jahrelanger Fraktions-Vorsitzender der politische Arm des Bischofs im Bayerischen Landtag – sowie dessen Sekretär, der Journalist Philipp Schmitt. Im August 1946 hat Erzbischof Kolb bei der amerikanischen Militärbehörde ein erstes Zulassungsgesuch für einen katholischen „Bamberger Sender" eingereicht – das allerdings abschlägig beschieden wurde, weil angeblich weder die Technik noch das Armeepersonal für die Kontrolle des Vorhabens zur Verfügung standen. Der zweiten Bewerbung des Bischofs um eine Rundfunklizenz vom Mai 1947, der eine Denkschrift beigefügt war, worin er auf den möglichen Beitrag der Kirche zur Demokratisierung des Landes hinwies, erging es nicht anders.

Den Initiatoren war bald klar, dass die Amerikaner keine der Konfessionen bevorzugen wollten und weder der katholischen noch der evangelischen Kirche allein eine der raren Mittelwellen zugestehen würden. Deshalb sahen sich beide Kirchen in Bayern veranlasst, am 3. März 1948 bei der amerikanischen Militärregierung einen gemeinsamen Lizenzantrag für den „Christlichen Sender Bamberg" zu stellen. Man arbeitete Sendepläne aus, um eine gerechte Aufteilung der Sendezeiten unter den beiden Konfessionen zu gewährleisten. Das bayerische Kultusministerium bescheinigte dem so entworfenen christlichen Sender, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts zu sein. Und selbst der Mainzer Katholikentag 1948 befürwortete die Einrichtung des „Bamberger Senders". Sogar die Finanzierungsfrage konnte 1948 im Bayerischen Landtag vorläufig dahingehend geklärt werden, dass alle zukünftig in Bayern lizenzierten Sender an den Rundfunkgebühren für den wieder entstehenden Bayerischen Rundfunk partizipieren könnten, der in jenen Nachkriegsjahren als „Radio München" ausschließlich der amerikanischen Militärverwaltung unterstellt war.

Trotzdem wurde aus dem kirchlichen Vorhaben nichts. Denn die gleichfalls 1948 nach Kopenhagen einberufene Europäische Rundfunkkonferenz teilte im „Kopenhagener Wellenplan" Deutschland, das nicht an der Konferenz beteiligt war, nur ein Minimum an Mittel- und Langwellen zu, auf die allein die Besatzungsmächte Zugriff hatten. Außerdem hatte sich bei den Engländern und Amerikanern die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Rundfunk in ihren Besatzungszonen staatlich unabhängig und nicht kommerziell ausgerichtet sein sollte. Sie bevorzugten das öffentlich-rechtliche Modell und die Gebührenfinanzierung. Keine parteiischen Organisationen sollten über die Massenmedien Hörfunk und später Fernsehen bestimmen können.

Unter dieser Vorgabe und nach dem Beispiel der BBC (British Broadcasting Corporation) hatte der Journalist Hugh Carleton Greene in der britischen Besatzungszone den Rundfunk unter der Bezeichnung NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk) reorganisiert. Er nahm den Sender bereits Anfang Januar 1948 als erste der deutschen öffentlich–rechtlichen Rundfunkanstalten in Betrieb. Um der Wellenknappheit zu entgehen, wurde zudem die Ultrakurzwelle (UKW) technisch weiterentwickelt und erstmalig im Februar 1949 vom Bayerischen Rundfunk eingesetzt, der einen Monat vorher von der amerikanischen Besatzungsbehörde in die Eigenständigkeit entlassen worden war. Im August 1950 erfolgte die Gründung der ARD (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich–rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland).

Mit diesen rundfunkrechtlichen Entscheidungen und der besatzungspolitisch gewollten Trennung von Staat respektive Kirche und Medien war den Lizenzierungswünschen der Kirchen faktisch eine endgültige Absage erteilt worden. In den einzelnen Landesrundfunkanstalten werden seither den verschiedenen Religionsgemeinschaften entsprechende Sendeplätze angeboten, die sie unter redaktioneller Betreuung für ihre Themen nutzen können.

Dennoch gab man zu dieser Zeit im Erzbistum Bamberg die eigenen Rundfunkpläne noch nicht ganz auf, ja man überlegte wohl, ob man vielleicht für einen katholischen UKW-Sender eine Genehmigung erhalten könnte. Schließlich hatte, mutmaßlich in den Jahren 1946/47, die amerikanische Militärregierung sogar in Erwägung gezogen, den Kirchen eine fabrikneue Sendeanlage zu schenken, die man in einem norddeutschen Bergwerk entdeckt hatte. Allerdings kam diese Anlage nie in Bamberg an; die Engländer oder die Amerikaner hatten aufgrund der genannten rundfunkpolitischen Erwägungen vermutlich anders über deren Verbleib entschieden.

Deshalb nahm das Erzbistum die Sache selbst in die Hand und errichtete wahrscheinlich im Jahr 1949 auf der Empore der 1803 säkularisierten Bamberger Dominikanerkirche ein modernes Rundfunkstudio, in dem ein auch akustisch abgetrennter Sprecherraum, ein Regieraum und die dazugehörige Aufnahmetechnik zur Verfügung standen. Die ehemalige Kirche sowie Teile des an sie angrenzenden ehemaligen Dominikanerklosters hatte das Erzbischöfliche Ordinariat 1947 für 25 Jahre vom Freistaat Bayern angemietet, um sie als Kulturraum letztlich ganz den Bamberger Symphonikern zu überlassen.

Bezüglich der optimistischen Rundfunkpläne jedoch überwogen am Ende die Zweifel. Denn innerhalb der katholischen Kirche befürchtete man, mit einem eigenständigen Sender in ein geistiges Ghetto zu geraten, die finanziellen Aufwendungen nicht bewältigen zu können und es sich am Ende gar mit dem Bayerischen Rundfunk zu verderben. Daher wurde das kirchliche Studio ab 1951 lediglich für die Schulung von Rundfunkpredigern verwendet – und das in gedeihlicher Zusammenarbeit mit der öffentlich-rechtlichen Anstalt. Auf dem Passauer Katholikentag 1950 wurde klar gefordert, dass nicht so sehr ein „christlicher Sender" anzustreben sei, sondern dass unter Vermeidung personeller und finanzieller Aufsplitterung möglichst viele christliche Publizisten an den großen Sendern mitwirken sollten.

Als im Jahr 1963 die Kirchenempore erneuert werden musste, um zusätzliche Sitzplätze für Konzertbesucher zu schaffen, wurde das Rundfunkstudio abgebaut. Teile der technischen Ausrüstung kamen ins Bamberger Priesterseminar, wo sie noch eine Zeit lang zur Predigerausbildung in Gebrauch blieben. Die spätmittelalterliche Dominikanerkirche wird heute von der Otto–Friedrich–Universität als Aula für kulturelle Veranstaltungen genutzt. (Stefan Fröhling)

Abbildungen (von oben):

Die Schallkabine von innen.

Wie geht es zu im Rundfunk? Welche Chancen bietet er bei der Verbreitung von Gottes Wort? Interessierte Geistliche in der Schallkabine des Senders. Die beiden Gäste links sind die Bamberger Geistlichen Michael Arneth und Ernst Schmitt, letzterer hat viele Beiträge im Bayerischen Rundfunk verfass

Die Fotografien stammen aus dem Nachlass von Pfarrer Paul Kupfer, der sich im Archiv des Erzbistums Bamberg befindet (Signaturen: AEB, Rep. 80 Slg 6 Nr. 1768, 1769, 1770 cd)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 33 (2017)

Soll die elektronische Gesundheitskarte abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. August 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:


Wieland Dietrich,
Vorsitzender der Freien Ärzteschaft e.V.

(JA)


Melanie Huml (CSU), bayerische Gesundheitsministerin

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.