Unser Bayern

Opernliebhaber und Mathematiker ohne Elfenbein-Attitüde: Karl-Heinz Hoffmann möchte die Akademie in ein Institutionen und Generationen übergreifendes Netzwerk einbinden. (Foto: Jan Kopp)

25.03.2011

Grenzgänger zwischen Klassen

Im Porträt: Karl-Heinz Hoffmann, der Präsident der Akademie der Wissenschaften

Da ist die Sache mit dem Kochtopf und dem Eisbrocken. Erhitzt man Wasser in einem Topf, verteilt sich die Wärme nach einem bestimmten Muster. Das kann man gut berechnen, weil die Topfwand dem Ganzen eine feste Grenze setzt. Gibt man dann aber einen Eisbrocken hinein, hat man es plötzlich mit einem „grenzenlosen" Problem zu tun: Das Eis schmilzt – währenddessen entstehen im Innern des Brockens selbst ganz unterschiedliche Temperaturen, manche Zonen sind kälter, manche wärmer, schmelzen schneller. Doch wie kann man berechnen, was da vor sich geht, wenn es keinen begrenzenden Rand gibt, weil der sich ja eben permanent auflöst?

Freie Randwertprobleme nennt das der Mathematiker – man liest das Thema immer wieder in der unzählige Seiten umfassenden Auflistung von Karl-Heinz Hoffmanns (71) wissenschaftlichem Tätigkeitsprofil. Das klingt nach Arkanwissen – aber der „Prof. Dr. rer. nat. Dr. h.c.mult." rechtfertigt: „Alle Wissenschaften werden immer komplexer, spezialisierter, und damit auch ihre Sprache. Das gilt ebenso für die Geisteswissenschaften. Viele meiner Kollegen bemühen sich aber um Anschaulichkeit, was sicher dazu beigetragen hat, das Image der Mathematik zu verbessern." Lächelnd räumt Hoffmann dann doch ein: „Einige Mathematiker, vor allem wenn sie unter sich sind, tun schon gerne so, als ob sie nicht verstanden werden wollen."

Hoffmann ist diese Elfenbeinturm-Attitüde herzlich fern: Flugs hat er für hochwissenschaftliche Problemstellungen anschauliche Beispiel parat – nicht nur für Laien: „Auch meine Studenten schätzen es, wenn ich nicht bei der abstrakten Theorie bleibe, sondern ihnen sage, wo die mathematischen Probleme ihre Anwendung finden." Freie Randwertprobleme stellen sich beispielsweise in der Kristallzüchtung, in der Siliziumproduktion für Chips, für die Burghausen eine Adresse von Weltbedeutung ist.

Als Mathematiker müsse man ständig über den eigenen Tellerrand hinausschauen: „Die Mathematik ist der Schlüssel zu allen Ingenieurwissenschaften, aber ebenso zur Biologie und zur Medizin." Hoffmanns Curriculum Vitae liest sich ganz in diesem Sinne: Neben seinem Spezialgebiet der Numerik beschäftigt er sich mit dem Strömungsverhalten in dreidimensionalen Räumen, mit der Simulation von Biosensoren, der Sensorik von Nanopartikeln und wie sich Nanopartikel in einem Medium bewegen, er hält auch mal Vorträge über „Sensor Design" und über die angewandte Mathematik in der Medizin.

Ein Zeichen, das unterstreichen soll, dass die Naturwissenschaften am Wissenschaftsstandort Bayern tonangebend sind und die Geisteswissenschaften ins stiefgeschwisterliche Abseits verwiesen sind, ist die Wahl des Mathematikers und Physikers Karl-Heinz Hoffmanns zum neuen Präsidenten der Akademie der Wissenschaften seit Anfang dieses Jahres keineswegs. Sie ist vielmehr in der Struktur der Akademie begründet: Es gibt die naturwissenschaftliche und die geisteswissenschaftliche „Klasse", was sich im traditionellen Wechsel an der Akademiespitze abzeichnet (alle drei Jahre). Hoffmanns Vorgänger Dietmar Willoweit war Jurist, und somit aus der geisteswissenschaftlichen Klasse.

Die Befürchtungen, „der Neue" könne sich vielleicht allzu einseitig für „seine Klasse" begeistern, verflüchtigen sich in Nullkommanichts, wenn man den Opernliebhaber Karl-Heinz Hoffmann über das jüngste spektakuläre Projekt der Akademie („ein ungehobener Schatz") schwärmen hört: „So etwas wie die erste kritische Ausgabe der Werke von Richard Strauss ist für eine Kulturnation geradezu ein Muss." Das Vorhaben ist mit 25 Jahren veranschlagt: „Es gibt keinen anderen Ort außerhalb der Akademie, wo solche Projekte überhaupt eine Chance hätten." Das gelte auch für solch „exotische" Projekte, wie die Erarbeitung von Wörterbüchern für Tibetisch und Altokzitanisch. Freilich unterstehen auch diese Langzeitprojekte permanenter Evaluation. Und natürlich werden immer wieder Langzeitprojekte abgeschlossen – meist publikumswirksam mit einem Symposium und dicken, mehrbändigen Publikationen. So beispielsweise die Editionen der Werke des Philosophen Johann Gottlieb Fichte und des Mathematikers, Astronomen und Theologen Johannes Kepler, die von Akademiekommissionen rund fünf bzw. sieben Jahrzehnte lang verfolgt wurden.

Ein „Dauerbrenner" besonderer Art und beeindruckendes Aushängeschild der Akademie der Wissenschaften ist das Leibniz-Rechenzentrum (LRZ): Von der Kommission für Informatik betreut, ist es wichtiges Datenkommunikationsnetz mit riesigen Speicherkapazitäten und Hochleistungsrechnern nicht nur für die Münchner, sondern für alle bayerischen Universitäten und Hochschulen – als Supercomputing-Zentrum ist es sogar für alle deutschen Hochschulen eine wichtige Adresse. Der Akademiepräsident ist stolz: „Es ist als Dienstleistungsunternehmen gut und erfolgreich." Gleiches gilt für das renommierte Walther-Meißner-Institut für Tieftemperaturforschung, das 1946 an der Akademie gegründet wurde.

Um diese beiden „Schwergewichte" der Akademie muss sich Karl-Heinz Hoffmann keine Sorgen machen. Anders ist das bei den Glaziologie und der Geodäsie: Beide sind Langzeitprojekte – und sollen 2015 enden. Nicht dass sie dann erfolgreich „abgeschlossen" wären: Es müssen andere Förderungen gefunden werden – die rote Karte hat der Wissenschaftsrat hochgehalten. Dieses Gremium, das die Bundesregierung zu Inhalten und Strukturen des Wissenschaftsstandorts Deutschland berät, hat empfohlen, die Naturwissenschaften aus dem Akademienprogramm herauszunehmen, so dass es für sie künftig keine Langzeitförderung mehr geben wird – die soll alleinig den Geisteswissenschaften zugute kommen.

Wird also die Akademie der Wissenschaften einmal alleine eine Akademie der Geisteswissenschaften sein? „Auf keinen Fall!", wischt Hoffmann solche Überlegungen vehement beiseite. Neben dem LRZ und dem Meißner-Institut blieben der naturwissenschaftlichen Klasse ja noch jene Kommissionen, die quasi zwischen den Bereichen stehen und von der Umstrukturierung im Akademienprogramm nicht betroffen sind: Die Hochdruckforschung, die Ökologie und die Gebirgsforschung.

Aber auch bei der Gletscherforschung und der Erdvermessung streicht Hoffmann nicht kampflos die Segel: „Wir dürfen beide auf keinen Fall aufgeben." Geplant ist, sie in einem Institut der Erwissenschaften zusammen zu fassen, zudem in enger Kooperation mit den Münchner Universitäten. Freilich stellt sich das Ganze nicht nur als Struktur- sondern auch als Finanzproblem dar: Mit jährlich 1,7 Millionen Euro sei wohl schon zu rechnen, überschlägt Hoffmann. Dazu brauche es auch Drittmittel.

Um die einzuwerben, ist es vielleicht eine glückliche Fügung, dass gerade Karl-Heinz Hoffmann aktuell amtierender Akademiepräsident ist. „Mathematiker sind in der Regel gut vernetzt", sagt er fast bescheiden. Er ist in namhaften Forschungsprojekten der Europäischen Gemeinschaft, des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft engagiert bzw. hat sie geleitet, ist Mitherausgeber einer ganzen Reihe von mathematischen Zeitschriften, hat beste Erfahrungen als „Wissenschaftspolitiker" in seiner Zeit als Vorsitzender des Wissenschaftsrates gesammelt (1994 bis 1996). Außerdem hat er in sein Netzwerk gute Kontakte zur Industrie eingewoben; er hat sich auch schon einmal mit einem Stand auf einer Industriemesse präsentiert.

Marburg, Freiburg, München, Berlin, Augsburg, Bonn lauten die Stationen deutscher Universitätsstädte, in denen er studiert bzw. gelehrt hat – „am längsten war ich in Augsburg", erinnert er sich und denkt dabei auch an seine Familie, die alle Umzüge mitgemacht hat: „Ich weiß noch, meine eine Tochter hat sich vor dem Wechsel von Berlin nach Augsburg beschwert: ,dort gibt es ja nicht einmal eine U-Bahn’." Für den Vater war das aber keineswegs ein Abstieg in die Provinz: Karl-Heinz Hoffmann hatte die einmalige Chance, eine ganze naturwissenschaftliche Fakultät selbst aufzubauen. Das war ihm auch eine Herausforderung als Wissenschaftsmanager: „Die Haushaltslage war auch Anfang der 80er Jahre im Freistaat angespannt."

Karl-Heinz Hoffmann hat das mit dem Über-den-Tellerrand-schauen nicht nur themenbezogen, sondern auch geografisch ausgiebig getan: Vorträge, Kolloquien und Forschungsaufenthalte haben ihn mehrfach nicht nur in fast alle europäischen Nachbarländer geführt, sondern auch in die UdSSR, nach Japan, Brasilien, Canada und die USA. Noch zu DDR-Zeiten war er Gast an der Ostberliner Humboldt-Universität und in Halle. 1978 war er einer der wenigen westlichen Wissenschaftler in China; seither reist er fast alle zwei Jahre dorthin – „einer meiner chinesischen Doktoranden aus Augsburg leitet inzwischen ein Akademieinstitut in seiner Heimat." Stolz ist Hoffmann auch auf seine regelmäßigen Kontakte zu Vietnam: 1990 kam er mit einer Kommission im Auftrag des Bundes-Forschungsministeriums erstmals dorthin: man wollte eruieren, wie sich die früher enge Kooperation zwischen der DDR und Vietnam fortführen lassen könnten. Sein Engagement wurde honoriert: Die Akademie der wissenschaften in Hanoi verlieh ihm den Ehrendoktortitel.

„Mathematiker sind prädestiniert, überall hin zu gehen, weil ihr Gegenstand überall der gleiche ist." Karl-Heinz Hoffmann empfindet sich als „Grenzgänger" – was er auf sein Amt als „Herr über zwei Klassen" an der Akademie überträgt: „Die Mathematik hat früher zur Philosophischen Fakultät gehört." In diesem Sinne schwärmt er von seiner Disziplin: „Mathematik ist Logik, Geist. Sie ist absolute Wahrheit. Es gibt in ihr nur ein falsch oder richtig, sie ist nie interpretierbar. Was vor 100 Jahren richtig war, ist auch heute noch richtig, was einmal als richtig bewiesen wurde, bleibt wahr." Der Akademiepräsident schränkt ein: „Die Erkenntnis selbst ist zwar unabhängig von Weltanschauungen, es hat aber Zeiten gegeben, in denen der Forschungsgegenstand nicht völlig frei gewesen ist." Als Hoffmann in Berlin lehrte, ging man beispielsweise in einem Sonderforschungsbereich der Frage nach, ob im „Dritten Reich" eine andere Mathematik gelehrt wurde als vorher oder nachher. „Auch wenn vielleicht andere Methoden betrieben wurden, hat sich natürlich gezeigt, dass die vermeintlich ‚jüdische Mathematik’ ein Quatsch war."

Heute gebe es kaum Einschränkungen für die Wissenschaften – jedenfalls ideologischer Art. Denn zum einen sei zu beobachten, dass die Anwendung stärker vorangetrieben werde als die Grundlagenforschung. Zum anderen stünden manche Disziplinen unter materiellem Druck: „Der ist in der Mathematik nicht so groß. Freilich arbeiten auch wir heute nicht mehr nur mit Bleistift und Papier. Aber im Vergleich etwa zur Physik hält sich der Aufwand an Großgeräten in Grenzen. Am Leibniz-Rechenzentrum beispielsweise sind die Mathematiker nicht die Großnutzer."

Trotzdem lässt der Wissenschaftler die gerne geführte Klage, dass Deutschland der Forschung schlechtere Bedingungen böte als anderswo, dass die Unis vor lauter Lehre nicht mehr zum Forschen kommen, nicht gelten: „Wenn man forschen will, kann man das auch", sagt er rigoros, schränkt dann aber ein „jedenfalls dort, wo man nicht auf Apparate angewiesen ist." Seiner Meinung nach mangelt es Deutschland in der Mathematik ebenso wie in den klassischen Naturwissenschaften nicht an qualifiziertem Nachwuchs – das Problem sei allenfalls, dass es nicht genügend Stellen für ihn gebe. Obendrein hätten es die Ingenieurdisziplinen mit Hindernissen einer speziellen Laufbahnkarriere zu tun: Man erwarte den Weg von der Uni in die Industrie und wieder zurück – doch selten sei das mit reizvollen Verdienstmöglichkeiten verbunden.

Im Rückblick auf seinen eigenen beruflichen Werdegang sagt Karl-Heinz Hoffmann schlicht: „Ich habe auch viel Glück gehabt." Er profitierte von der Phase, als die Hochschulen aufgebaut wurden und es viele Stellen gab: „Schon wenige Wochen nachdem ich meine Habilitation in der Tasche hatte, bin ich Professor geworden."

Die Lehre hat Hoffmann immer viel bedeutet – auch über seine Emeritierung vor drei Jahren hinaus: Er hat noch immer Vorlesungen an der TU München gehalten – unentgeltlich. „Zum Sommersemester muss ich das jetzt aber einstellen", bedauert er. Die Verpflichtungen als Akademiepräsident nehmen ihn in Beschlag, „ich kann den Studenten nicht so viele Vertretungen zumuten."

Seinen „Draht" zum akademischen Nachwuchs will er keineswegs kappen. Er möchte das Prinzip des Generationen und Institutionen übergreifenden Netzwerkes forcieren: „Jung und Alt sollen sich in der Akademie häufiger begegnen." Die Zusammenarbeit mit den Universitäten soll intensiviert werden, „aber nicht in Konkurrenz zu den Hochschulen. Unser Part könnte beispiels- und idealerweise die Koordination von großen gemeinsamen Projekten sein", überlegt Hoffmann und hat dabei konkret die Geo- und Erdwissenschaften vor Augen. Ausbauen möchte er auch das noch relativ junge „Förderkolleg": Die Akademie unterstützt seit 2010 drei Jahre lang (eventuell noch einmal drei Jahre Verlängerung) hochqualifizierte Forscher, die nicht älter sind als 34 Jahre, mit 1000 Euro monatlich und bietet dem Nachwuchs eine „Bühne", auf der sie ihre Arbeiten vorstellen und mit den Akademiemitgliedern diskutieren können. Momentan kommen 13 Kollegiaten in den Genuss dieser Förderung, 2012 kommen noch einmal sechs hinzu.

Die Relation zwischen Männern und Frauen im Förderkolleg beobachtet Karl-Heinz Hoffmann zuversichtlich: die Frauen sind mit 7 Mitgliedern leicht überrepräsentiert. Dieser hohe Frauenanteil werde sich bald auch in der Zusammensetzung der Akademie-Mitglieder abbilden, ist sich der Präsident sicher. Es sei eine Generationenfrage: „Akademiemitglieder sind selten unter 40 Jahre alt. Und aus der Generation 40 Plus kommt noch nicht der Frauenschub bei uns an." Vom Rumtüfteln an einer Frauen-Quote hält er nichts – die Wissenschaftlerinnen selbst wollten lieber durch ihre Leistungen überzeugen.

Bei allen Knobeleien zur Zukunft der Akademie kribbelt den Wissenschaftsmanager Hoffmann aber auch noch der Forscherdrang. Die Struktur unseres Zahlensystems fasziniert ihn noch immer. Etwa: „es gibt unendliche viele Primzahlen, und nur eine Kombination von Primzahldrillingen, nämlich 3 – 5 – 7. Wieviele Primzahlzwillinge gibt es?"  (Karin Dütsch)

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