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Dronco-Vorstandschef Hermann Bröker (l.) zeigt der Auszubildenden Jennifer Lau und dem Landrat Karl Döhler die Fertigung in seinem Betrieb in Wunsiedel. Foto: LRA Wunsiedel

08.01.2010

Innovative Produkte aus dem Fichtelgebirge

Im Landkreis Wunsiedel bekämpft man den Verlust von 30.000 Arbeitsplätzen in der Textil- und Porzellanindustrie mit der Schaffung neuer Jobs in kreativen Unternehmen

Bayerisch Sibirien, hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung – das sind die Klischees, mit denen Hochfranken kämpfen muss. Doch die nordöstlichste Ecke Bayerns hat in den vergangenen Jahren eine Reihe innovativer Unternehmen hervorgebracht, über die kaum einer spricht.
„Wir leiden unter drei Problemen: Jahrzehntelang konnten wir uns wegen des Eisernen Vorhangs nur Richtung Süden und Westen entwickeln. Die Globalisierung brachte einen starken Rückgang für unsere heimische Textil- und Porzellanindustrie, was 30.000 Arbeitsplätze in ganz Hochfranken kostete. Und seit der Grenzöffnung kämpfen wir mit einem enormen Förder-, Lohn- und Steuergefälle hin zur Tschechischen Republik.“ So beschreibt Karl Döhler (CSU), Landrat des Landkreises Wunsiedel, die Schwierigkeiten im Fichtelgebirge. Dass aber inmitten der Problemlagen sich neue innovative Unternehmen entwickelt haben und diese sich auf dem Weltmarkt behaupten, nimmt kaum jemand wahr.
Im Fichtelgebirge tut sich etwas. Das merkt man schon, wenn man von der Autobahn kommend auf der Bundesstraße 303 über Bad Berneck nach Wunsiedel fährt. Dominierten vor ein paar Jahren noch Spurrinnen den Zustand der Fahrbahn, erinnert heute nur noch ein kurzes Teilstück an die einstige Oberflächenstruktur.
Genauso wie bei der Fahrbahnsanierung will man jetzt im Landratsamt die Struktursanierung voranbringen. Die Schockstarre angesichts der drei großen Problemlagen scheint überwunden zu sein. Döhler setzt auf die Freisetzung eigener Potenziale. „Wir sind stabil, kreativ und innovativ“, proklamiert er. Seit dem Jahr 2006 konnten wieder mehr als 3500 Arbeitsplätze aufgebaut werden. Das reicht bei Weitem nicht aus, um den Verlust der 30.000 Jobs wettzumachen, doch es sei ein Anfang.
Unternehmen wie der Pumpen- und Filterspezialist Netzsch aus Selb beispielsweise hätten es sogar geschafft, eine Führungskraft aus der Metropole Düsseldorf ins landschaftlich reizvolle Fichtelgebirge zu locken. Doch das ist bisher noch die Ausnahme. Denn meist bremsen die Ehefrauen die Bereitschaft der Männer, in den Landkreis Wunsiedel umzusiedeln. Zu wenig Divertimento wird allenthalben beklagt. „Wir können nicht das Angebot einer Großstadt bieten, dafür aber Lebensqualität“, sagt Döhler.
„Da kann man nichts machen“, sagt Hermann Bröker, Vorstandschef des Schleifscheibenherstellers Dronco AG aus Wunsiedel. Die leerstehenden Geschäfte in den Hauptstraßen des Ortes wirkten ja auch alles andere als einladend. Wunsiedel sei nun einmal keine Einkaufsstadt mehr. „Der Zug ist für immer abgefahren“, sagt Bröker. Doch das Städtchen biete andere Qualitäten. So schätzt der gebürtige Westfale, der jetzt seit über zehn Jahren im Landkreis wohnt, die Ruhe. „In der heutigen Zeit kann ich via Internet rund um den Globus vernetzt sein, ohne vor Ort sein zu müssen“, meint der Unternehmenslenker. Für ihn ist es inzwischen ziemlich nervig, in München oder Nürnberg an einer roten Ampel warten zu müssen, wenn er dort Termine hat. „Das bin ich gar nicht mehr gewohnt, seit ich hier im Fichtelgebirge lebe.“
Sein Unternehmen beweist, dass Ruhe und Beschaulichkeit nicht gleichbedeutend sind mit Rückständigkeit und mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Dronco schaffte es dank eines japanischen Experten, die internen Prozesse so zu optimieren, dass das Unternehmen seine Produkte weltweit erfolgreich absetzen kann. Trotz Hochlohnland Deutschland, das selbst im Fichtelgebirge zu Buche schlägt, kann sich Dronco im Massenmarkt der Schleifscheiben behaupten. „Man muss eben bereit sein, alles auf den Kopf zu stellen und sich antizyklisch zu verhalten“, erklärt Bröker.

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