Unser Bayern

16.07.2010

Italianità

"Unser noch unerforschtes Bayern": Was wäre und hätte Bayern alles nicht, gäbe es kein Italien


Mitte Mai war ich in Wunsiedel. Ich ärgerte mich, dass ich nicht Handschuhe und Schal mitgenommen hatte und mein banger Blick ging Richtung blei-grauer Wolkensäcke, ob nicht gleich ein waagrecht dahinfliegender Graupelschauer daraus hervorbrechen werde – waagrecht vonwegen des nur leicht lauen Mailüfterls, das über die Höhen des Fichtelgebirges pfiff. Ich war mit Michael Lerchenberg, Intendant der Luisenburg-Festspiele, zu einem Interview verabredet. Er kam gerade von der Premiere des Familienstückes, Die kleine Hexe, nach einem Buch von Otfried Preußler, und berichtete, dass er am Vormittag noch schnell Wolldecken beim Technischen Hilfswerk geordert habe, um das Premierenpublikum, lauter Schulkinder, vor dem Erfrierungstod zu retten. Das Thema meines Interviews war übrigens: die Wonnen des Freilichttheaterspiels in Bayern.

Herr Lerchenberg schlug als Treffpunkt das italienische Eiscafé Dolomiti vor. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal in Wunsiedel waren, vorzugsweise Mitte Mai bei einer Außentemperatur von knapp über dem Gefrierpunkt. Falls Sie Lust haben sollten, diese Erfahrung einmal probeweise machen zu wollen, werden Sie anschließend verstehen, wie recht ich habe mit der Feststellung: Es gibt nur eine einzige Erlösung von Wunsiedel. Die heißt Dolomiti. Ja, wir können sogar das konkrete Beispiel verlassen, uns ins Grundsätzlichere bewegen und fragen: Was wäre Bayern ohne Italien? Nichts als ein graues, auf der direttissima Richtung Depression und Suizid führendes Wunsiedel.

Das ist die kurze und nur wenig ungerechte Antwort auf die alles entscheidende Frage: Was wäre und hätte Bayern alles nicht, gäbe es kein Italien? Wir können mit der Aufzählung anfangen, wo’s beliebt. Zum Beispiel gäbe es in München keine Feldherrnhalle, die ist nämlich eine Replik der Loggia dei Lanzi in Florenz. Oder: Wir würden das Wort „Nobelitaliener" überhaupt nicht kennen, weil ausgehend von unseren ewigen Postwirten und Dorfkrügen wären wir niemals zu Kreationen wie „Nobelgrünerbaum" oder „Nobelalterwirt" gekommen. Gäbe es nicht die freundlich korrigierenden Kellner in den Pizzerien, wüssten wir heute noch nicht, dass es nicht „Expresso" heißt, sondern „Espresso". Wir hätten auch keine gold-glitzernden Miniatur-Gondeln in unseren Gelsenkirchener Barock-Wohnzimmerschränken stehen, und in den Neubaugebieten Niederbayerns würde man vergeblich Ausschau nach Toskanahäuser halten. Welch ein Jammer!

Wir hätten keinen Volkshelden Mathias Kneißl, weil dessen Mutter, die Pascolini Res, war Abkömmling jener Italien-Zuzügler, die sich als Ziegeleiarbeiter Mitte des 19. Jahrhunderts im Dachauer Moos niederließen. Der Schatz unserer Redensarten hätte sich nicht um bedeutende Sätze vermehrt, ich nenne nur ein Beispiel: „Strunz ware schwach wie eine Flasche leer!" Wir hätten kein Schloss Hohenschwangau, das wurde nämlich nach Plänen des Münchner Hofmalers Domenico Quaglio wiederaufgebaut, sein Bruder Lorenzo Quaglio hat die oberbayerischen Bauern porträtiert. Wir hätten auch keinen Kasperl Larifari, weil der ohne Commedia dell’arte nicht denkbar ist, ja wir hätten überhaupt keinen Kunstverstand und kein Kapitschko von gar nix.

Dass die Italiener hingegen einen Kunst- und Kulturreichtum von niederschmetternder Wirkung haben, ist sogar wissenschaftlich bewiesen. 1979 entdeckte die italienische Psychologin Graziella Magherini das so genannte Stendhal-Syndrom, das seinen Namen vom französischen Schriftsteller gleichen Namens herleitet, der in seinen Reiseskizzen aus Italien beschrieben hat, wie ihn all die Kulturschönheiten von Florenz beinahe einer Ohnmacht nahe gebracht hätten. Seitdem gilt das Stendhal-Syndrom als eine psychosomatische Störung aufgrund kultureller Reizüberflutung. Sie halten das für einen Witz? Ist aber wahr und eine internationale Experten-Übereinkunft. Man hat mittlerweile auch schon ein „Jerusalem-Syndrom" festgestellt und ein „Paris-Syndrom". Nur von einem „Wunsiedel-Syndrom" wird man so schnell nichts hören. Und daran kann nicht einmal das Dolomiti etwas ändern. (Bernhard Setzwein)

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