Unser Bayern

Ab 1916 schützten Stahlhelm die Köpfe, die Wundbehandlung im Feld wurde verbessert – immer mehr Soldaten überlebten das Schlachtfeld. Gleichzeitig stieg die Zahl der Kriegsinvaliden. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es im Deutschen Reich eine halbe Million, nach dem Zweiten Weltkrieg eineinhalb Millionen. (Foto: BayHStA)

25.07.2014

Kriegskrüppel

Wer sich fürs Vaterland auf dem Schlachtfeld aufopferte, war in der Heimat als Versehrter arm dran

Der Blaue Kurfürst war ein absolutistischer Herrscher durch und durch. Und dazu gehörte, dass Max II. Emanuel Bayern bald zu klein war: Er mischte sich offensiv in die europäische Politik ein. Und wer es mit den Großmächten aufnehmen wollte, musste auch militärisch mithalten können. Die in seinem Kurfürstentum bis dahin geltenden Prinzipien des allgemeinen Landaufgebots zur Abwehr äußerer Feinde und die zeitlich befristete Anwerbung von Söldnern waren überholt. Er brauchte ein stehendes Heer: stets verfügbar, schlagkräftig, einheitlich ausgebildet, ausgerüstet und uniformiert. Am 12. Oktober 1682 war es soweit: Da traten auf dem freien Feld zwischen Schwabing und Freimann neu geworbene Truppen in Schlachtordnung an, so wie sie sich der Kurfürst vorgestellt hatte. Seit diesem Tag existierte eine bayerische Armee, bis die Wehrhoheit am 25. August 1919 auf die junge Republik überging.

Das erste Problem eines stehenden Heeres war zunächst dessen Unterbringung. Dafür waren in München und Ingolstadt 1682 erste Baracken aufgestellt worden. Erst nach Beendigung des Spanischen Erbfolgekrieges erhielt die gesamte Armee ab 1716 feste Unterkünfte. Allerdings waren hierfür nur wenige Neubauten in München, Ingolstadt, Donauwörth und Amberg errichtet worden. Für die restlichen Truppen mussten sogenannte Schloss- oder Stadt-Kasernen herhalten, also ältere und notdürftig umgebaute Gebäude. Daran änderte sich bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so gut wie nichts, denn erst ab diesem Zeitpunkt begannen die großen Kasernenbaumaßnahmen. Vor allem die sanitären Einrichtungen waren in einem desolaten Zustand, ebenso ließ das Platzangebot für die Soldaten stark zu wünschen übrig. Wie eng die Mannschaften in den Zimmern zusammen gequetscht waren, belegen einige Beispiele: In der Alten Kaserne in Amberg teilten sich 14 Mann eine Stube von etwa 47 Quadratmetern, im Kosthaus in Augsburg waren 1815 gar 44 Jäger auf 55 Quadratmetern untergebracht. Diese Raumausnutzung war nur möglich, weil bei den Mannschaften bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts eine zweimännige Bettenbelegung üblich war.

Die Zustände waren so desolat, dass auch der bayerische Kriegsminister Ludwig von Lüder 1854 zugeben musste: „Die Sträflinge in den Zucht- und Arbeitshäusern des Reiches seyen zweckmäßiger und gesünder untergebracht als aller höchstderselben Truppen." Erst mit dem Kasernenneubauprogramm verbesserten sich die Platzverhältnisse. Allerdings war es erst ab 1876 üblich, dass jeder Soldat auch einen eigenen Spind für seine persönliche Habe bekam.

Sicher waren viele Soldaten froh, dieser Enge auf der Stube entfliehen zu können, um sich ihren Hauptaufgaben zu widmen, die ihren Alltag bestimmten: dem Exerzieren und Wachestehen. Exerzieren bedeutete jedoch für den frühen bayerischen Berufssoldaten nicht, wie wir das heute verstehen, die formale Grundausbildung, sondern das drillmäßige Einüben aller Aufstellungs- und Bewegungsabläufe einschließlich der Handhabung der Waffe. Erst mit der Aufsplitterung der Waffengattungen und der damit einhergehendenimmer differenzierteren Ausbildung verstand man im Verlauf des 19. Jahrhunderts unter Exerzieren das Einüben der Marschformation. Allein die „Kriegs-Exercitien" Kurfürst Max Emanuels von1682, die erste Dienstvorschrift des neuen bayerischen Heeres, kannten 30 Handgriffe für die Bedienung der Muskete. Deren schlafwandlerische Beherrschung in allen Formationen war natürlich eine zentrale Voraussetzung für den effektiven Heereseinsatz.

Und dass die Handgriffe auch saßen, dafür sorgten die ausbildenden Offi ziere notfalls mit dem Schlagstock. Erst die Reformen Benjamin Thompsons Graf von Rumford, der 1793 die Beachtung der Menschenwürde des Rekruten und die Verantwortlichkeit des ausbildenden Offiziers einführte, sollten den Anfang vom Ende der Bestrafung der Rekruten mit Stöcken bringen. De facto mussten die Unteroffiziereallerdings erst 1826 ihre Schlagstöcke endgültig ablegen.

Der andere Schwerpunkt der Dienstvorschriften betraf den Wachdienst. Bewacht werden konnte so ziemlich alles, was irgendwie mit Sicherheit und öffentlicher Ordnung zusammenhing: die eigenen Unterkünfte, Stadttore, Brücken, öffentliche Gebäude usw.; aber auch Ronden, also Patrouillen, sowie Ehrenposten gehörten dazu.Waren im 17. Jahrhundert nur zwei Tage in der Woche wachfrei, so waren es seit Mitte des 18. Jahrhunderts bereits drei Tage. Im 19. Jahrhundert erhöhte sich die Zahl der wachfreien Tage, jedoch nicht aus humanitären, sondern aus Ersparnisgründen: Die Ist-Stärke der Truppen sollte dadurch verringert werden.

Diese Entwicklung korreliert sehr gut mit der allgemeinen Verfassung der bayerischen Armee im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert: Sie mauserte sich in dieser Zeit von einer wenig durchschlagkräftigen Truppe zur Elitearmee, um anschließend wieder im Mittelmaß zu versinken. Ausgangspunkt für die Heeresreform im frühen 19. Jahrhundert waren die Erfahrungen aus den napoleonischen Koalitionskriegen; damals wurden die Schwächen der aus geworbenen Soldaten und einheimischen Landfahnen bestehenden Armee offensichtlich. Das ganze System war veraltet, die Ausbildung, Ausrüstung, Bezahlung, Versorgung und Behandlung der Soldaten waren schlecht – und damit auch die Moral der Truppe.

Ebenfalls negative Auswirkungen auf die Kampfkraft hatte, dass sich die Soldaten häufig aus sozial schwachen Schichten rekrutierten: Der Dienst in der Armee war für viele einfach eine Gelegenheitsarbeit. Andere hingegen suchten Schutz vor gerichtlicher Verfolgung oder waren per Gerichts­entscheid zum Dienst in der Armee verurteilt worden.

Bei der Reform des kurbayerischen Heeres orientierte man sich ab 1804 am französischen Vorbild. Einer der zentralen Punkte war die Einführung einer allgemeinen achtjährigen Wehrpflicht im Jahr 1805. Allerdings sah das Kantonsreglement, das Bayern für das Aushebungsverfahren in elf Kantone einteilte, zahlreiche Ausnahmenund Befreiungen vor. Das Heer setzte sich letztlich wieder vor allem aus Bauern, Handwerkern und Bürgern mit kleineren Einkommen zusammen. Dieses Manko beseitigte erst das Konskriptionsgesetz von 1812, das die Befreiungsgründe zurücknahm und die Dienstzeit auf sechs Jahre verkürzte.

Nach dem aktiven Dienst galt nunmehr eine Dienstpflicht in der Nationalgarde zur allgemeinen Landesverteidigung. Auf diesem Weg erreichte das bayerische Heer 1815 eine Truppenhöchststärke von 65 000 Mann. Die Soldaten bekamen eine fähige Führung durch den Chef des Generalstabs, Generalmajor Johann Nepomuk Graf Triva, sowie die bedeutenden Generäle Bernhard von Deroy und Carl Philipp von Wrede.

Die militärischen Erfolge blieben nicht aus. Beispielsweise trug die bayerische Armee bei Wagram den entscheidenden Angriff vor und war in den Befreiungskriegen bei Hanau, Brienne, Bar-sur-Aube und Arcis-sur-Aube maßgeblich an der Unterwerfung Napoleons beteiligt.

Die Schlagkraft der königlich bayerischen Armee war jedoch nur von kurzer Dauer. Obwohl seit 1823 auch die körperliche Ertüchtigung des Soldaten durch Schwimmen, Rudern, Springen, Kletternund Laufen, ferner Bajonettfechten und Zielschießen zum Ausbildungskanon gehörte, verfiel das zwischenzeitlich Erreichte wieder: Einerseits, weil es am Geld fehlte. Andererseits mangelte es Herrschern und Ministern am nötigen militärischen Verständnis und am Weitblick für die Erfordernisse einer modernen Kriegsführung.

Hinzu kam, dass die übliche Beurlaubungspraxis dazu führte, dass 1860 von den listenmäßig geführten 72 000 Soldaten tatsächlich nur 32 000 präsent waren. Die Beurlaubungspraxis vom sechsjährigen Dienst bewirkte, dass der Wehrpflichtige nur im ersten Jahr eine 45-tägige Ausbildung erhielt, die restliche Zeit seines Wehrdienstes, jedoch nie länger als 120 Tage im Jahr, irgendwie anwesend sein musste. Dies konnte allerdings auch ein Einsteher übernehmen: Das war jemand, der sich dafür bezahlen ließ, wenn er den Wehrdienst für den eigentlich Wehrpflichtigen übernahm. Einen solchen Ersatz konnten sich meist nur Angehörige reicherer Gesellschaftsschichten leisten.

Die mangelnde Beschäftigung der Wehrpflichtigen führte zu Langeweile und Frust. Daran änderten auch die aus Kostengründen ohnehin nur selten abgehaltenen Ausbildungslager und Manöver nichts – Prinz Carl bezeichnete sie frank und frei als „reine Schaustücke". Aufallend ist, dass damals die Selbstmord- und Selbstverstümmelungsraten unverhältnismäßig zunahmen. Das Problem der Langeweile im Soldatenleben war schon länger ein Thema: Bereits 1789 wollte Benjamin Thompson mit dem Befehl zur Errichtung von Militärgärten den Soldaten eine sinnvolle Dienstbeschäftigung verordnen, auf einen Streich sollten damit auch Freizeit- und Erholungsstätten geschaffen werden. So entstand auch der Englische Garten in München... (Christoph Bachmann)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Juli/August-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 30 vom 25. Juli) oder in dem Buch zur Serie "Aktenkundig":  Alte Zeiten, raue Sitten. Underdogs aus Bayerns Geschichte, herausgegeben von Christoph Bachmann und Karin Dütsch, 248 Seiten , 24,90 Euro)  > www.bayerische-staatszeitung.de/shop

 

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