Unser Bayern

Das Watt bietet jeden Tag neue Entdeckungen - oft auch solche, die um seine Zukunft Bange machen. (Foto: Fremdenverkehrsamt)

29.01.2010

Möwen, Marsch und Meer

Dithmarschen bietet Nordseeurlaub mit rauem Charme: bei Wattwanderungen und dem größten Kohl-Festival der Welt

In den Archetypen unserer Imagination gibt es zwei Bilder vom Meer: still, südlich und warm harmonisierend im Sonnenlicht – oder rau, nördlich und kalt kämpfend, unter einem grauschwarzen, wolkigen Himmel. Wohl niemand hat Letzteres poetischer beschrieben als Herbert Grönemeyer in seinem Lied Land unter: „Der Wind steht schief. Die Luft aus Eis. Die Möwen kreischen stur. Elemente duellieren sich.“ Wer diese Art von Nordsee erleben möchte, gern fernab der maritimen Bussigesellschaft von Sylt, der muss nach Dithmarschen reisen, im äußersten Südwesten von Schleswig-Holstein. Heute ist Dithmarschen ein Landkreis, doch als politisches Gebilde existiert es schon fast seit 1000 Jahren, einst selbstbestimmt als Land freier Bauern, keinem Fürsten Untertan, und eine Gegend, komplett umschlossen von natürlichen Grenzen: Im Süden die Elbe, im Osten der Nord-Ostsee-Kanal, im Norden die Eider und im Westen schließlich die Nordsee. Menschen leben hier, die ohne das Meer undenkbar wären. Dierk Reimers hat wasserblaue Augen, schlohweißes Haar und ein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht. Seit 30 Jahren führt er Fremde durch das Watt vor der Küste seiner Heimat. Reimers kennt jeden Priel, jene oft mäandrierenden Wasserläufe im Watt mit ihren tückischen Tiefen. Und den Augenblick, wenn er den Reisenden das Zeichen zum Umkehren geben muss, um nicht von den unaufhaltsam zurückdrängenden Wassermassen überrascht zu werden, diesen Moment hat er im Blut. Wattführer sind mehr als Touristenguides, sie sind auch Naturschützer und Heimatforscher. Denn das Watt ist eine Umweltfibel, ein lebender Seismograph. Ökologische Veränderungen lassen sich hier früher ablesen als beim festen Land, die Farbe des Sandes, die Häufigkeit der Wattwürmer, alles gibt Aufschluss. Im Dienst der Natur stehen auch die Männer und Frauen in Friedrichskoog, wo eine Seehundstation Besucher anlockt und beiden, Tieren wie Menschen, einen Moment des Verschnaufens gönnt in der bedrohten Natur, zum wechselseitigen Gewinn, wie zumindest die begeisterten Kinder im Augenblick der Fütterung bezeugen. Kulturfreunde sollten sich in der Stadt Wesselburen umschauen. Die Kirche St. Bartholomäus ist eine architektonische Besonderheit, obwohl aus Backstein errichtet und erzprotestantisch genutzt, besitzt sie ein an Oberbayern erinnerndes Zwiebeltürmchen, das einzige dieser Art nördlich der Elbe. Das Hebbel-Museum wiederum, gewidmet dem Schriftsteller Friedrich Hebbel (1813 bis 1863), Verfasser der Niebelungen, befindet sich im Wohn- und Amtshaus des ehemaligen Kirchspielvogts – so was wie ein Bürgermeister –, in dem Hebbel in seiner unglücklichen Wesselburener Jugend arbeitete. Ein Teil der historischen Inneneinrichtung ist erhalten. Im Gebäude finden sich eine Sammlung zu Hebbel und insbesondere eine umfangreiche Forschungsbibliothek über den Dichter. Hinter den sanftgrün gewellten Deichen, auf denen sommers wie winters die Schafe grasen und den Boden feststampfen, als Schutz gegen die immer wieder und oft auch brutal hereinbrechenden Sturmfluten, schafsgenerationenlang, da beginnt das eigentliche Leben in der Marsch – wofür einer geboren sein muss, besonders in den langen Herbst- und Wintermonaten. Nebel wabert dann über dem glatten Land und scheinbar endlos fällt der Regen, von morgens bis abends, hüllt alles ein in ein milchiges Grau. Tag und Nacht verschwimmen ineinander, bilden nur noch unterschiedliche Formen von Dämmerung, Strukturen, räumlich wie zeitlich, gehen verloren. Doch selbst diese Zeit hat ihren Reiz, beim Erklettern des Deichs und dem Blick ins Watt hinein, im Augenblick des Wechsels von Ebbe zur Flut fühlt sich die Welt an wie ein kühler Kokon, abgeschieden, lautlos, trotz des pfeifenden Windes mit einer Stille, die schmerzen kann. Irgendwann, nach schier jahresgleichen Wochen, kapituliert die ewige Wolkendecke dann gegen die Sonnenstrahlen, erlaubt ihnen den Durchbruch und ein kurzer, aber umso schönerer Sommer hält Einzug in Dithmarschen. Dann tuckern vom Büsumer Hafen aus die Krabbenkutter wieder hinaus aufs Meer. Nach ihrer Rückkehr von den Hafenvögeln nicht minder gierig umlagert denn von den hungrigen Reisenden. Puhlend sitzen sie später auf der Mole, den köstlichen frischen Fang genießend und das monotone Rauschen der Wellen bildet die Tischmusik. Im Spätsommer bricht dann die Zeit des grünen Goldes an: die Kohlernte. Das größte zusammenhängende Anbaugebiet der Welt erstreckt sich in der kleinen Küstenregion und ein Volksfest ist jedes Mal der Anschnitt, der erste geerntete Kohlkopf der Saison. Ehrensache, dass der Ministerpräsident persönlich oder wenigstens der Landwirtschaftsminister dazu das Messer führt. Anschließend beweisen die Köche und Hausfrauen, dass es der Kohlrezepte in dieser Welt niemals ein Ende geben kann. Das ohne Zweifel beste Dithmarscher Essen – und zwar nicht nur während der Erntetage – ist Grünkohl, serviert mit einem verboten saftigen Stück Kassler und der für Süddeutsche gewöhungsbedürftig nordisch-herben Biersorte, die von der Region ihren Namen erhielt.

(André Paul)

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