Unser Bayern

Seriöses Allheilmittel war früher der Aderlass. Das Gemälde „Alte Medizin“ (hier ein Ausschnitt) stammt aus dem beginnenden 17. Jahrhundert. (Foto: DMMI)

24.03.2017

Netzdoktor anno dazumal

Ein Forschungsprojekt rekonstruiert aus Praxisjournalen den Arbeitsalltag von Ärzten früherer Jahrhunderte

Krank! Schlimmer noch: chronisch krank! Wenn man als Gesandter Brandenburgs im Immerwährenden Reichstag zu Regensburg saß, später sogar im Kurfürstenrat, über die Königswürde für Friedrich I. von Preußen verhandelte oder in Utrecht über das Ende des Spanischen Erbfolgekriegs: Da bekam das, was Graf Ernst von Metternich jahrelang plagte, vielleicht sogar internationale Dimensionen. Oben sitzt die Allonge-Perücke repräsentativ und korrekt auf dem gräflichen Haupt, aber unten, da plagt ihn der Blasenstein. Seit 1687 sitzt der Mann im Reichstag.

1720 fasst sein Regensburger Arzt, Johann Matthäus Fuchs, in gelehrtem Latein zusammen, was diese Diagnose für den Grafen seit einem Jahr bedeutete: Schmerzen von der Leisten- zur Lendenregion, Probleme beim Wasserlassen, Krämpfe und Stuhlzwang. (Graf Ernst von Metternich, 1656 bis 1727, stammte aus der Linie Chursdorf der weitverzweigten Metternichs. Der legendäre österreichische Außenminister Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich, 1773 bis 1859, war ein Spross der Linie Winneburg-Beilstein.)

Heute ist der Blasenstein ein eher peripheres urologisches Problem: Prophylaxe bekämpft schon dessen Entstehung, vielleicht auch veränderte Ernährung. Man kann ihn zertrümmern, das sorgt für einen schnellen Abgang.

Damals beschäftigte Metternich seinen Sekretär Erhard Spitz nicht nur mit politisch-dynastischer Korrespondenz, sondern auch mit ärztlichen Konsiliarschreiben - weit über Regensburg hinaus: 111 Originalbriefseiten des berühmten Gesandten und seiner Ärzte hat sein Briefpartner in Nürnberg seinen Praxisaufzeichnungen allein im Jahr 1720 beigeheftet. Sie zeigen, wie der Graf über seinen Wohnsitz hinaus Hilfsangebote für Blasenleidende suchte.

Die Verbindung nach Nürnberg ergab sich über seinen Sekretär, der mit ihm unter einem Dach lebte. Er war Sohn des Altdorfer Juraprofessors Felix Spitz und hatte eine Schwester, die mit dem Nürnberger Arzt Johann Christoph Götz verheiratet war. Metternich und Götz haben sich zwar nie gesehen, aber einen regen Briefwechsel geführt: ab Ende 1719 über zwei Jahre lang zum Thema Blasenstein.

Dieser Doktor Götz empfahl sich nicht nur als Schwager von Spitz, sondern - und das besonders für die neugierige Nachwelt - durch seine Praxisberichte über die tägliche ärztliche Arbeit und über das Gesundheitswesen in so einer gelehrsamen Reichsstadt wie Nürnberg. Observationes et curationes Nurimbergenses nannte er seine Aufzeichnungen, nahm sich auch die Freiheit, Wetterbeobachtungen, Arzneivorschläge und Notizen zu Obduktionen beizuheften.

Das ist eine erst jüngst wissenschaftlich ausgeschöpfte Quelle zum Gesundheitswesen des 18. Jahrhunderts. Damals mündeten diese ärztlichen Beobachtungen und Erkenntnisse auch in die von Götz herausgegebene Zeitschrift Der Aufrichtige Medicus. Mitgewirkt hat der Nürnberger Arzt auch am Commercium litterarium, der ersten medizin-journalistischen Wochenschrift Deutschlands.

Für den in Regensburg weilenden und sich quälenden Metternich war der Nürnberger Medicus eine respektable Quelle für Fachratschläge in Sachen Blasenstein - neben seinem „Medicus ordinarius“ Johann Matthäus Fuchs, Sohn des Regensburger Scharfrichters und gesellschaftlich von „Status-Controversien“ geplagt... (Uwe Mitsching)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der März/April-Ausgabe von UNSER BAYERN (BSZ Nr. 12 vom 24. März 2017)

Abbildung: Johann Christoph Götz führte über seine Begebenheiten aus dem Praxisalltag ausführlich Buch. (Foto: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg)

 

 

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