Unser Bayern

Titelblatt einer Broschüre, die für die wirtschaftlichen Beziehungen der Achse München-Bagdad schwärmte. (Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv)

20.03.2015

Raute und Halbmond

Bayern und die Türkei im Ersten Weltkrieg: militärische Hilfe, kulturelle Annäherung – aber wenig Gewinn für die Wirtschaft

Wenige Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erreichte den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner eine kuriose Denkschrift. Unter dem Titel Bayern und die Türkei wurde ihm darin versichert, dass „wir Bayern … in der Türkei … sowohl bei den Türken wie Levantinern gern gesehen" seien. Die revolutionäre Staatsregierung sollte unbedingt die Beziehungen zum Osmanischen Reich, wie die Türkei offiziell noch hieß, weiterpflegen und durch die Errichtung einer Gesandtschaft in Konstantinopel (heute: Istanbul) festigen. Nicht zufällig war der Autor, ein gewisser Paul Wagner, bayerischer Offizier, der kurz vorher noch zugleich den Rang eines osmanischen Oberleutnants im türkischen Großen Hauptquartier bekleidet hatte. Tatsächlich war das Militär der maßgebliche Träger und Motor dieser bayerisch-türkischen Beziehungen gewesen, die der Münchener Orientalist Karl Süßheim in den 1920er Jahren als „Krönung" der bis dahin gepflegten Kontakte bezeichnet hat.

Schon vor Eintritt der Türkei in den Ersten Weltkrieg auf der Seite Deutschlands hatte es enge militärische Beziehungen zwischen beiden Staaten gegeben. Aus deutscher Perspektive handelte es sich dabei um ein Erbe Preußens, das seit den 1830er Jahren immer wieder Militärberater zur Reform des maroden türkischen Heerwesens entsandt hatte. Und auch als daraus nach der Reichsgründung formal eine deutsche Militärmission in Konstantinopel wurde, blieb diese jahrzehntelang eine Domäne der preußischen Armee.

Neben dieser bestand nach der föderalen Militärverfassung des Kaiserreichs weiterhin die bayerische Armee, die der Militärhoheit des Königs von Bayern und nur im Kriegsfall dem Oberbefehl des Kaisers unterstand. Trotz weitgehend gleicher militärischer Standards gehörte die Pflege eines eigenen Militärwesens zu den gehüteten Reservatrechten Bayerns.

Umso bereitwilliger nutzte das Münchener Kriegsministerium 1911/12 die Gelegenheit, erstmals zwei bayerischen Offizieren den Übertritt in osmanische Dienste zu ermöglichen. Seitdem forcierte die Staatsregierung gegen manchen Widerstand aus Berlin die bayerische Präsenz am Goldenen Horn. Denn so wie Preußen dort den internationalen Rang seines Militärwesens vor Russland oder Frankreich demonstrieren wollte, so wollte Bayern dasselbe vor Preußen tun. Gegenüber den eingespielten preußisch-türkischen Beziehungen und aufgrund der engen Verquickung Preußens mit dem Reich hatte Bayern dabei einen schweren Stand.

Wie aber kamen überhaupt bayerische Heeresangehörige in die Türkei? Maßgeblich dafür blieben bis 1918 die Personalforderungen aus Konstantinopel. Die eigentliche Hürde bildete die preußische Militärbürokratie, bei der die türkischen Bedarfsmeldungen zentral einliefen und wo bayerische Stellen um die Berücksichtigung eigener Kandidaten antichambrieren mussten. Zeigte Berlin dann Bereitschaft, Bayern einen Posten in der Türkei zu überlassen, suchte das bayerische Kriegsministerium einen geeigneten Kandidaten, der neben der Tropendiensttauglichkeit auch über gute Kenntnisse des Französischen, der Lingua franca des Orients, verfügen musste. Offiziere sollten kein heftiges Temperament aufweisen, Mannschaftsdienstgrade keine Geschlechtskrankheiten, aber dafür ein gutes Gebiss haben.. Die Mitglieder der deutschen Militärmission traten in die türkische Armee ein – mit einem gegenüber ihrem deutschen Dienstgrad um eine Stufe höheren Rang. Vor Kriegsbeginn 1914 dienten so zuletzt elf bayerische Militärs dem Sultan.

Aus diesen Militärberatern wurden Kombattanten, als das Osmanische Reich in den Weltkrieg eintrat. Und ihre Zahl wuchs rasch an: Bis Kriegsende waren es rund 70 Offiziere und einige hundert Unteroffiziere und Mannschaften, die die Kampfkraft des „kranken Mannes am Bosporus" heben sollten. Aufgaben übernahmen sie im Generalstab wie im Truppendienst, als Artilleristen, Flieger, Kraftfahrer oder im Sanitätsdienst, im Eisenbahnbau und als Dolmetscher. Neben der Entsendung einzelner Heeresangehöriger machte die zunehmend bedrängte Lage des türkischen Bundesgenossen auch die Entsendung einiger kleinerer geschlossener Truppenverbände notwendig. Insgesamt entfielen rund zehn Prozent der bis 1918 auf 25 000 angewachsenen deutschen Militärs in der Türkei auf die bayerische Armee. Ihre Einsatzgebiete waren die Dardanellen, der Kaukasus und der gesamte Nahe Osten, vor allem die Gebiete des heutigen Syrien, Israel, Jordanien, Libanon und des Irak.

Mehr noch als die Zahlen vermuten lassen, darf der qualitative Gesamtanteil Bayerns an der deutschen Militärhilfe für die Türkei als bedeutend bezeichnet werden. Erstaunt sprach 1916 der zuständige Referent des preußischen Kriegsministeriums von „den Bayern, die die ganze Türkei in der Hand" hätten. Dieser Umstand ist vor allem auf die Personalpolitik des Münchener Kriegsministeriums zurückzuführen, das eine „würdige Vertretung der bayerischen Armee im Ausland" wünschte, selbst noch unter dem Eindruck des verlustreichen Massenkrieges an den europäischen Hauptfronten. So wurde, im Unterschied zur preußischen Armee, fast nur überdurchschnittlich gut beurteiltes Personal in die Türkei geschickt. Der Übertritt in türkische Dienste blieb übrigens freiwillig, und tatsächlich ist der Fall vorgekommen, dass einzelne Angehörige einer in die türkische Armee übernommenen bayerischen Einheit lieber vorzeitig die Heimreise angetreten haben.

Diesen gegenüber stand über die Kriegsjahre hinweg eine große Bewerberschar, deren Motive weit auseinander gingen. Neben Abenteuerlust, dem Reiz des Orients und nicht zuletzt der Möglichkeit, frühzeitig verantwortungsvolle Posten übernehmen zu können, mag bei manchem auch der Wunsch ausschlaggebend gewesen sein, dem technisierten Massensterben an der Westfront zu entkommen. Über Landeskenntnisse, die über die Lektüre von Karl Mays Romanen hinausging, verfügten dabei die Wenigsten... (Michael Unger)

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der März-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 12 vom 20. März 2015)

Bilder, von oben (Fotos: Bayerisches Hauptstaatsarchiv):

Nicht Lawrence von Arabien sitzt auf diesem Kamel, sondern der bayerische Rittmeister und türkische Major
Otto Welsch – während des Ersten Weltkriegs einer von hunderten bayerischen Soldaten in der osmanischen Armee. Gegen Kriegsende nahmen ihn aufständische Araber unter der Führung von Thomas Edward Lawrence in Syrien gefangen.

Vor allem an technischen Spezialtruppen hatte die osmanische Armee Bedarf. So kamen neben Funkern, Fernsprech- und Seilbahntrupps sowie Eisenbahnbaupersonal auch bayerische Kraftfahrer und Flieger zum Einsatz: Hier eine LKW-Kolonne im Taurusgebirge.

Bayerische Flieger wirkten 1917/18 vor allem im heutigen Syrien und Israel, von wo sie fast 2500 Luftbilder mit nach München brachten; die Glasplattennegative sind digitalisiert (www.gda.bayern.de > Digitalisierte Bestände > Bildsammlung Palästina) Darunter befindet sich auch diese Aufnahme von Jaffa mit der damals noch unbedeutenden jüdischen Siedlung Tel Aviv.

"Kreß Pascha", Jerusalem 1916. Der gebürtige Nürnberger Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein (1870 bis 1948) diente vier Jahre in der osmanischen Armee, wo er zu den profiliertesten deutschen Offizieren zählte. An der Palästinafront führte er 1915/16 zwei Expeditionen gegen den Suezkanal und sicherte anschließend als „Kommandant der Wüste", als Kommandierender zweier Armeekorps und zuletzt als Befehlshaber der 8. Armee das osmanische Palästina gegen den Vormarsch der Briten. Zuletzt leitete er 1918 die deutsche Delegation in Georgien, wo es zwischen deutschen und türkischen Interessen zu vermitteln galt.

 

 

 

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