Unser Bayern

Wieder im Stall: Das Murnau-Werdenfelser kommt besonders gut mit den feuchten, moosigen Wiesen und dem steilen Almgelände Oberbayerns zurecht, freilich nur von Frühjahr bis Herbst. Die Wintermonate verbringt es auf dem Hof bzw. im Staatsgestüt Schwaiganger. (Foto: Archiv Freilichtmuseum Glentleiten/Nixdorf)

20.11.2015

Robuste Stallschönheit

Renaissance für eine alte Rasse: Die Murnau-Werdenfelser – einst und jetzt

Dieses edle Haupt! Lange Wimpern, schwarz umrandeten Lidränder, dazu Haare, die von gelblichen Tönen, rotbraun bis dunkelbraun variieren. Die Hornspitzen sind wie die Klauen schwarz. Das dunkle „Flotzmaul“ ist kontrastreich hell umrahmt. Zweifelsohne, es ist eine Schönheit unter den Rindviechern, dieses Murnau-Werdenfelser. Aber man gekommt es nur noch selten zu Gesicht: Es gibt kaum mehr als 500 Tiere dieser mittelgroßen, kompakt gebauten Rasse. Das sind so wenige, dass von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) e. V. als extrem gefährdet eingestuft worden sind.

Wie kann das sein, fragt man sich, wo es doch laut Statistiken in Bayern über drei Millionen Rinder geben soll. Doch von Vielfalt in bayerischen Rinderställen kann keine Rede sein. Denn es sind in der Regel nur drei verschiedene Rassen, denen die Tiere angehören. Mehr als Dreiviertel der Rinder sind Fleckviehrinder, auch als Simmentaler bezeichnet. Der Rest verteilt sich auf das besonders in den Alpenregionen anzutreffende Braunvieh und schließlich Schwarzbunte.

Viehschläge in bunter Vielfalt

Vor 150 Jahren herrschte in Bayern – was das Rindvieh betrifft – eine ganz andere Situation. Denn die 2,6 Millionen Rinder, die es damals in Bayern gab, verteilten sich auf viele sogenannte Schläge, und beinahe jeder Kreis hatte einen eigenen Rinderschlag. Nachzulesen beispielsweise in der Abhandlung des Weihenstephaner Tierzuchtprofessors Georg May über die Vieh-Stämme und -Schläge und der Zustand der Rindvieh-Zucht Bayerns aus dem Jahr 1853. Da gab es in Franken unter anderem das Voigtländer Vieh, die Bayreuther Schecken, das Rhön-Vieh oder das Ansbacher-Triesdorfer Vieh, in der Oberpfalz das Chamauer Vieh, in Schwaben das Ries-Vieh, in Niederbayern das Rotthaler Vieh etc., um nur einige der Viehschläge zu nennen.

Für Oberbayern führte May neben dem Holzvieh, dem Landvieh, dem Vorgebirgsvieh und dem Miesbacher Vieh das Altwerdenfelser Vieh auf, das in den „reizenden Gebirgsgegenden von Partenkirchen, Altwerdenfels, Garmisch, Farchent, Grainau, Mittenwald, Warnberg etc.“ anzutreffen sei. Der Viehschlag sei, so May, „ein vom Tyroler-Vieh nahe verwandter Schlag von ziemlicher Güte, der wegen seiner guten Bauart, Milchergiebigkeit, Zug- und Mastfähigkeit für die benachbarten Gegenden Bayerns aufgekauft“ werde.

Rätselhafte Ursprünge

In der Tat leitete sich die Murnau-Werdenfelser Rinderrasse, wie sie später genannt wurde, von Formen des Oberinntaler Grauviehs ab, die vom Tiroler Kloster Stams ins Oberbayerische eingeführt worden waren. Ganz geklärt sind die Ursprünge der Rinderrasse nicht, trotz verschiedener genetischen Analysen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben.

Fest steht, dass die Rasse besonders im Gebiet zwischen dem Kochelsee im Osten, dem Staffelsee im Westen, zwischen Garmisch im Süden und Murnau im Norden beheimatet war. „Die Gebirge sind äusserst rauh und wild, und am Fuße derselben bedeckt Sumpf und Fils den Boden“, beschrieb Joseph von Hazzi 1802 den Landstrich um die Gerichtsbezirke Murnau und Oberammergau bzw. Ettal. Und weiter: „Nur der vierte Theil kann zum kultivirten Boden gerechnet werden; das übrige ist Wasser, Filz, Moos und Waldung.“ Insofern hatten es die Rinder der Gegend mit feuchten und teilweise steilen Weideverhältnissen zu tun, mit denen sie aber dank der widerstandsfähigen Klauen und der ausgeprägten Trittsicherheit gut zurechtkamen. Zudem waren die Altwerdenfelser – wie May bemerkte – „sehr genügsam in der Fütterung“. Das mussten sie sein, denn die Mooswiesen des Voralpenlands lieferten nur dürftiges Futter.

Über Jahrhunderte war es üblich, die Rinder gemeinschaftlich von einem Hirten begleitet auf die Weide zu schicken. Mangels Alternativen nutzte man auch wenig ertragreiche Flächen wie Moore und Feuchtwiesen sowie Wälder für die Beweidung. Besonders die Winter waren hart. Dann bekamen die Kühe oft nicht mehr als „fünf Pfund Heu“, wie Johann Prändel, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Knecht im heutigen Oberau diente, niedergeschrieben hat, und nach einem langen Winter boten die Tiere keinen besonders schönen Anblick. Eine Kuh hatte in der Regel kaum mehr als 250 bis 300 Kilogramm Gewicht, so dass die Milchleistung der Tiere bei nur 800 bis 1000 Kilogramm pro Jahr gelegen haben muss. Das sind weniger als die Hälfte des Gewichts und weniger als 15 Prozent der Milchmenge, die eine bayerische Durchschnittskuh heutzutage liefert.

Für die kleinbäuerliche Landwirtschaft in der Region waren die Rinder dennoch ideal. Im Vordergrund stand die Milchnutzung – auch wenn sie bescheiden war. Die Fleischnutzung spielte keine große Rolle, wenngleich May über das Fleisch des Altwerdenfelser Viehschlages bemerkte, dass dieses „fein und schmackhaft“ sei. Geschlachtet wurden nämlich damals nur Alttiere, wenn ihr Nutzen nicht mehr gegeben war. Außerdem gab es Fleisch, wenn überhaupt, nur an Sonn- und Feiertagen.
Besonders wichtig war die Nutzung der Rinder als Arbeitstiere... (Petra Raschke)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der November-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 47 vom 20. November 2015)

Abbildung:
Als ausdauernde Arbeitstiere schätzten Bauern die mittelgroßen, starken Murnau-Werdenfelser. Das Problem: Kräftige Stierkälber wurden zu Ochsen gemacht und als Zugtiere gehalten, nur die schwachwüchsigen wurden Vatertiere. Bald mussten andere Rassen eingekreuzt werden. (Foto: Archiv Freilichtmuseum Glentleiten/Nixdorf)

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