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Die Choristen haben in Opern mitunter ganz schön zu tun – wie hier in der Nürnberger Inszenierung von "I puritani" im Jahr 2009. (Foto: Jutta Missbach)

04.01.2013

Rumstehen reicht nicht

Der Traumberuf Chorist verlangt Leidensfähigkeit

Was haben Choristen doch für ein schönes Leben! Die paar Einsätze am Abend – und dafür den ganzen Tag frei. Und wenn man mal nicht ganz so gut bei Stimme ist, fällt das in der Masse auch nicht auf. So könnte man denken – die Realität der Chorsänger ist aber anders. Ständiges Warten bestimmt den Arbeitsalltag.

Pilger-, Gefangenen-, Zigeunerchor, Chor der Ägypter: Das singt ein gestandener Opernchorist doch wie im Schlaf. Abends Sünden abladen, dann weihevoll durchs Tal der Wartburg tapern oder sich aus den spanischen Staatsgefängnissen schleppen – ansonsten den Tag über frei. Dazu sechs Wochen Theaterferien im Sommer – herrlich! Chorsänger: Ist das ein Traumjob mit Halbtagsbelastung bei Vollbezahlung?
Wir haben nachgefragt: In der großen Bayerischen Staatsoper und im nicht ganz so großen städtischen Theater Regensburg. In München sprachen wir mit dem Bassisten Nikolaus Coquillat, der seit 15 Jahren an der Staatsoper singt und mit der Sopranistin Haruyo Maruyama (seit 26 Jahren in Deutschland) – beide sind im Chorvorstand. In Regensburg stand uns Thomas Brinkel Rede und Antwort; er ist seit 33 Jahren als Bass in diversen Opernchören und hat als Chorvorstand langjährige Erfahrung. Seine Meinung hat uns auch noch der inzwischen nach Stuttgart abgewanderte Chordirektor Christoph Heil gesagt.
Der wichtigsten Feststellung widersprechen sie alle nicht: Ja, Opernchorsänger ist ein Traumjob. Aber frei hat man nur im Rahmen der tarifvertraglich festgelegten 45- (Regensburg) oder 38,5-Stunden-Woche (München), und das trotz der 1,5 freien Tage pro Woche eigentlich kaum: denn die liegen irgendwann und immer anders – und es gibt Schminkpläne (bis zu einer Stunde vor Vorstellungsbeginn), musikalische Proben, szenische Proben, Proben für Wiederaufnahmen, für die Tagesvorstellung, für Premieren ... In den neuen Dienstverträgen stehen auch Komparsendienste, um Statisterie zu sparen. Dann schlagen auch noch lange Wartezeiten zwischen den Auftritten zu Buche – etwa in der Götterdämmerung, die offenbar ein Schreckgespenst der Choristen ist.
Der Alltag sieht bei Haruyo Maruyama so aus: „Gewöhnlich stehe ich um halb Acht auf, singe mich ein. Meistens ist ab 10 Uhr Probe bis 13 Uhr. Zum Mittagessen komme ich erst gegen Drei, halb Vier. Zwischendrin treibe ich Sport zur Ablenkung und um Energie zu tanken. Mindestens eine halbe Stunde vorm Aufgehen des Vorhangs bin ich im Haus. Bei Premieren muss man bis zum Ende der Vorstellung bleiben“ – Extremfall wieder die Götterdämmerung. Die wird, so Nikolaus Coquillat, dann eben zum „Riesenschinken von sechseinhalb Stunden“.

Kaum Zeit für Nebenjobs

Auch wenn man als Chorist der Bayerischen Staatsoper in der höchsten einschlägigen Besoldungsstufe ist: „Allein damit kann man eine Familie nicht ernähren“, klagt der Bassist NikolaCoquillat. Die hohen Lebenshaltungskosten lassen in München das Gehalt ganz anders aussehen als etwa in Dresden. Thomas Brinkel wird konkret: 2300 Euro Brutto plus Alterszulage (aber frühestens nach vier Jahren) verdient ein Chorist in Regensburg – „das wird schon eng, weil auch hier wegen der Uni die Mieten hoch sind.“
Die 96 Choristen der Staatsoper ebenso wie die 24 festangestellten in Regensburg können nur bedingt auf zusätzliche Nebenjobs ausweichen: Privatunterricht oder Unterricht an einer Musik(hoch)schule, solistische Aufgaben (auch an anderen Häusern) – aber bei dem gegenwärtigen Arbeitsdruck und der geforderten Terminflexibilität kriegt man das alles kaum unter. Schwierig wird das sowieso bei der Chorfrau mit Kindern: Da hilft an der Staatsoper eine interne Dienstliste, mit der man kollegial versucht, Kollegen mit familiärer Verpflichtung sozial zu helfen.
Denn aufgeben will den Job eigentlich keiner: „Chorist ist ein ganz spezieller Beruf. Ich liebe ihn seit meiner Jugend“, sagt Thomas Brinkel, der aus Eisenach stammt. Solist, nein, das wollte er nie werden. Und Chordirektor Heil bestätigt: „Der Opernchor ist eigentlich kein Sprungbrett für eine Solistenkarriere. Eher umgekehrt: viele Solisten entscheiden sich später für den Chor.“ Denn der bringt mit festem Vertrag berufliche Sicherheit und weniger nervliche Belastung. Nach einem Jahr Probezeit wird man in Regensburg fest angestellt, bleibt aber innerhalb von 15 Jahren (wie üblich am Theater) noch kündbar.

Schwächelnde Stimmen

Vielen Sängern ist wichtig: „Auch eine schwächer werdende Stimme ist kein Kündigungsgrund, die Erfahrung gleicht das aus“, so Brinkel. Was nicht heißen soll, dass ihm der statuarische „Opernhalbkreis“ in einer Inszenierung am liebsten wäre: „Ich will aktiv sein, heutige Stücke sind für mich eine Super-Herausforderung. Das Nur-Rumstehen bringt keine Motivation. Und Krach mit einem radikalen Regisseur hat es bei uns noch nie gegeben.“
Auf die Spielpläne oder die Wahl eines Regieteams haben die Chöre sowieso keinen Einfluss. Da war Haruyo Maruyama über die vielen Händel-Inszenierungen der Ära Jonas (fast alle ohne Chor) zwar sauer, vermisst sie aber trotzdem. Nikolaus Coquillats Hauptwunsch nach mehr russischem Repertoire wird diese Saison in München erfüllt: Boris Godunow – eine richtige Choroper. Russisch bringt einem ein Chorkollege bei. Die beiden Münchner Choristen freuen sich besonders auf den neuen Simon Boccanegra zum Verdi-Jahr. Thomas Brinkel steht in Regensburg mit Aida chorisch vor einer besonderen Herausforderung, freut sich aber noch mehr auf Purcells Fairy Queen: „Wir wollen nicht nur Schongang machen“, und wünscht sich besonders, dass die Wertschätzung der Chorarbeit beim Publikum und in den Kritiken höher wäre: „Bei 130 bis 140 Vorstellungen pro Saison wollen wir im Opernbetrieb deutlicher wahrgenommen werden.“
Wenn es um die Wahrnehmung geht, weiß Nikolaus Coquillat: „Wir haben da eine Tiefenstapelung: wer gern spielt, steht vorn.“ In den Vordergrund spielen in den Opernchören sich immer mehr Ausländer – stark ist der Zustrom besonders aus Korea. Solisten aus Fernost sind froh, wenn sie im Opernchor unterkommen.
Generell gilt: „Wenn einer gar nicht spielen kann, geht es als Chorsänger heute nicht mehr.“ 60:30 beziffert Nikolaus Coquillat die Gewichtung zwischen Stimme und Darstellung. (Uwe Mitsching)

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