Unser Bayern

Ein Grieche in Nationaltracht und ein Soldat der neuen königlich griechischen Armee, vermutlich ein gebürtiger Bayer, blicken im Hafen von Triest gemeinsam der Einschiffung entgegen. Ausschnitt aus einem Bild von Gustav Kraus: Der „Bildberichterstatter des Biedermeiers“ hat 1832/33 auch die Geschichte der bayerischen Soldaten für Griechenland in Lithografien festgehalten. (Foto: Jan Murken, Otto-König-von-Griechenland-Museum Ottobrunn)

22.05.2015

Soldaten für Hellas

Als der Wittelsbacherprinz Otto König von Griechenland wurde, musste Bayern auch ein Truppenkorps mitschicken

Im 7. Mai 1832 unterzeichneten die Großmächte Frankreich, England und Russland in London einen Vertrag, in dem der bayerische Prinz Otto, Sohn von König Ludwig I., als erster König des neuen Griechenlands bestimmt wurde. Otto war damals gerade erst 16 Jahre alt. Der Londoner Vertrag beinhaltete jedoch nicht nur die Nominierung Ottos, sondern darüber hinaus auch Pflichten, die der Vater übernahm: darunter die Anwerbung eines Truppenkorps in der Stärke von 3600 Mann zur Sicherung des Landes. Den Sommer und Herbst über gab es noch Verhandlungen. Die Zeit drängte. Am 8. August verkündete die griechische Nationalversammlung die Anerkennung Ottos. Am 15. Oktober leistete eine griechische Abordnung ihm in München den Huldigungseid. Ende des Jahres sollte Otto nach Griechenland aufbrechen.

An die Anwerbung der Truppen war in diesem kurzen Zeitraum nicht zu denken. Von Seiten Bayerns sah man sich deshalb am 22. Oktober genötigt, vorerst ein aus eigenen Truppen errichtetes Hilfskorps nach Griechenland zu entsenden. Dies wurde am 1. November in einem zwischen Bayern und Griechenland geschlossenen Freundschafts- und Allianz-Bund zu defensiven Zwecken festgehalten. Bereits zwei Tage später, am 3. November, marschierten die ersten Einheiten in Würzburg und in der Pfalz ab, um rechtzeitig in München zu sein. Dort ging das Hauptkontingent am 17. November ab. Am 6. Dezember desselben Jahres brach auch der junge König nach Griechenland auf.

Ludwig I. schickte also vorübergehend eigene Truppen auf den Peleponnes. Erst nach und nach sollten die Freiwilligen der königlich griechischen Armee rekrutiert und nach Hellas transportiert werden. Die ganze Angelegenheit wurde von einem riesigen Medieninteresse begleitet, wobei damals genau unterschieden wurde zwischen „königlich bayerischen" und „königlich griechischen" Soldaten, auch wenn es sich bei letzteren in der Regel ebenfalls um Bayern handelte. Allgemein wurden Angehörige beider Truppen als „Griechenländer" bezeichnet, was später zu einigen Verwirrungen führte. Zudem wurden die griechischen Uniformen nach bayerischem Vorbild angefertigt. Nur die Kopfbedeckungen unterschieden sich: Während die Bayern die typischen Raupenhelme trugen, bekamen die griechischen Tschakos. Und das Emblem „L" für Ludwig wurde durch ein „O" für Otto ersetzt.

Bevor sich die Soldaten auf den Weg machten, trafen sich die meisten in München. Dort herrschte Volksfeststimmung. Die aus anderen Garnisonen einmarschierenden Bataillone wurden am Stadtrand empfangen und mit Musik in die Stadt begleitet. König Ludwig und sein Sohn Otto begrüßten sie. Truppeninspektionen fanden statt. Viele Bürger hatten sich bei der Einquartierungskommission freiwillig gemeldet und gaben den Soldaten zu Ehren Feste. Allerdings wehte über allem auch ein Hauch von Wehmut.

Die königlich bayerischen Truppen gingen sämtlich im November 1832 ab. Die Route führte über Benediktbeuern, den Walchensee, Mittenwald, Seefeld bis Innsbruck. Dort stießen die Einheiten aus der Pfalz, aus Lindau, Dillingen und Augsburg auf die Route der aus München anmarschierten Einheiten. Auf ein und demselben Weg ging es dann weiter über den Brenner, durch das Pustertal, das Drautal, über den Wurzenpass, nach Laibach (heute Lublijana), durch Adelsberg (Postoijna), wo einige die berühmten Grotten besuchten, bis Triest. Im Gebirge lag bereits der erste Schnee. Generell wurden die Soldaten auf ihrem Marsch stets freudig von der Bevölkerung bewillkommt. Feindliche Übergriffe hatten sie auf dem Weg nicht zu erwarten. Ernst sollte es erst in Griechenland werden.

Am 18. Dezember 1832 trafen die ersten Truppen in Triest ein: Tausende von Einwohnern zogen ihnen entgegen und mit ihnen in die Stadt. Die Soldaten hatten den Marsch gut überstanden. Die Triester waren begeistert, auch die griechischen Matrosen. Am 1. Januar 1833 sollte die Abfahrt der Flotte in Pirano (Piran) stattfinden. Doch die Bora-Winde waren so stark, dass die Abfahrt verschoben werden musste. Die Wartezeit wurde den Bayern verkürzt durch „Vergnügungen aller Art". Erst am Abend des 5. Januars konnten die Schiffe auslaufen. Der Konvoi bestand aus 35 Schiffen. Auf See soll es recht lustig zugegangen sein und durchaus komfortabel, wenngleich etwas beengt. Andere Quellen sprechen auch von schlechtem Wetter und von Seekrankheit der maritim nicht sonderlich erfahrenen Bayern.

Der junge König Otto war nicht mit den Soldaten gereist. Er hatte eine gänzlich andere Route durch Italien gewählt. Erst vor der Insel Korfu stieß das Schiff, das ihn und seine Entourage in Brindisi an Bord genommen hatte, zur Flotte. Gemeinsam segelten sie schließlich das letzte Stück bis Nauplia. Nach Wochen auf stürmischer See erreichten alle gemeinsam die griechische Küste. Erst als die Truppen an Land gegangen waren, betrat Otto den Boden seines neuen Königreichs, umjubelt von einer großen Menschenmenge. Es muss erneut ein großes Volksfest gewesen sein, damals in Nauplia, der ersten Haupt- und Residenzstadt Griechenlands.

Größenordnungsmäßig waren die Truppen jeweils rund 30 Kilometer am Tag marschiert und machten meist in einem der größeren Orte Quartier (schon aus logistischen Gründen waren kleinere Orte nicht geeignet und wenn doch, wurden die Truppen auf mehrere benachbarte Orte verteilt). In der Regel folgte nach drei Marschtagen ein Rasttag, der vor allem von den Offizieren zu Besichtigungen genutzt wurde. Einige haben ihre Reiseeindrücke in Tagebüchern festgehalten. Sie lesen sich fast wie Urlaubserinnerungen. Begleitet wurden die Soldaten von ein paar Wägen mit einigen Kanonen und wenig anderem Material. Zu wenig, wie sich später herausstellen sollte. Vor allem die Nichtmitnahme von Feldspitälern war fatal. Hilfsärztlich ausgebildetes Personal fehlte gänzlich.

Die königlich bayerischen Truppen unter dem Kommando des Generalmajors Friedrich Freiherr von Hertling waren rund drei Monate unterwegs, bis sie endlich griechischen Boden betreten konnte. Allein der Marsch von München nach Triest hatte 35 Tage gedauert. Am 30. Januar 1833 waren alle in Nauplia. Die Münchner zu Hause erfuhren davon allerdings erst am 9. März per Extrablatt, also nach rund fünf Wochen.

Für die Soldaten der königlich griechischen Armee wählte man auf Wunsch Österreichs einen Weg über die Steiermark. Für die Routenänderung wurden „politische Gründe" angegeben, ohne sie näher zu benennen. Diese zweite Route, die 39 Tage dauerte, führte von München Richtung Osten, über Anzing, Haag, Ampfing, Braunau, Ried im Innkreis, Kremsmünster, Bruck an der Mur, Graz, Marburg (Maribor), Cilli (Celje) bis Laibach (Ljubljana) und dann wie bei den bayerischen Truppen weiter bis Triest. Die Strecke über die Steiermark war allerdings weiter und die Quartiere sollen dort auch schlechter gewesen sein, weswegen spätere Gruppen dann wieder über Tirol marschierten.

Den griechischen Truppen, die zum einen Teil aus Militärs, die aus dem bayerischen Verband entlassen worden waren und zum anderen – weitaus größeren – Teil aus bunt zusammen gewürfelten Freiwilligen zusammengesetzt waren, wurden in München ebenfalls üppige Abschiedsfeste gegeben. Ungeheuere Menschenmenge begleiteten ihre Paraden. Auch auf dem Weg wurden sie herzlich empfangen: Gustav Dillmann, dessen handschriftliches Tagebuch im Otto-König-von-Griechenland-Museum liegt, berichtete aus seinem ersten Quartier in Anzing: „Gleich eine Schüßel mit herrlichen Knödeln aufgetragen, Fleisch und Bodenrüben, Bier und Brod. Abend im Wirtshause gut unterhalten."

Die Truppen, die den jungen Wittelsbacher auf den Peleponnes begleiten sollten, vor allem die Freiwilligen, marschierten guten Mutes und bejubelt von einer riesigen Menschenmenge einem Land entgegen, von dem sie nur eine sehr vage, klassizistisch-verklärte Vorstellung hatten. Bei ihrer Anwerbung hatte man mit Versprechungen nicht gegeizt; einmal am Ziel sollten die Freiwilligen das goldene Hellas allerdings von seiner eher unromantischen Seite kennen lernen. Die Reise von Triest nach Nauplia allerdings verlief noch recht angenehm und da es nun bereits Frühling geworden war, „sahen die Freiwilligen sehr gut aus und hatten nur einige Kranke". Anders als bei Ankunft der bayerischen Truppen scheint es bei den griechischen nicht mehr ganz so feierlich und festesfreudig zugegangen zu sein, obwohl auch sie von König Otto inspiziert wurden. Doch vermutlich war die Begeisterung nun schon etwas verraucht... (Cornelia Oelwein

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Mai-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 21 vom 22. Mai 2015)

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