Unser Bayern

Das Bemühen, die Transformatorenhäuschen an die regionaltypische Bauweise anzupassen, zeigt sich bei dieser Station im unterfränkischen Wiesenbronn (1912). (Foto: BLFD)

28.06.2013

Spannende Häuser

Transformatorentürme gehörten lange Zeit zum Landschaftsbild. Jetzt verschwinden sie klammheimlich

Gut ein Jahrhundert lang gehörten sie zum gewohnten Landschaftsbild. Nun verschwinden sie klammheimlich, sind nur noch vereinzelt zu entdecken. Und dann erinnert man sich: Ach ja, früher gab’s Transformatorenstationen oder kurz Trafohäuschen!

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begann das elektrische Zeitalter. In Bayern war Oskar von Miller der Pionier: Er organisierte 1882 die „Internationale Elektricitäts-Ausstellung" im Münchner Glaspalast, die erste ihrer Art in Deutschland und ein riesiger Erfolg. Mittels Telegrafenleitung konnte er den in Miesbach erzeugten Strom über eine Entfernung von 57 Kilometern bis nach München leiten und einen künstlich installierten Wasserfall im Ausstellungsgebäude vor den Augen der staunenden Besucher in Gang setzen. Er bewies damit, dass es möglich ist, Strom von einem Kraftwerk aus an jeden beliebigen Ort zu schicken. Das war der Beginn der Elektrifizierung Bayerns. Ein Kraftwerk nach dem anderen entstand – 1911 gab es neben einer Vielzahl kleinster privater Kraftwerke in Bayern bereits 24 elektrische Überlandwerke. Nach dem Ersten Weltkrieg kam der Boom: Man errichtete Kraftwerke im großen Stil. Man denke etwa an das Walchenseekraftwerk, das 1924 ans Netz ging. Heute sind in Bayern rund 4250 Wasserkraftanlagen verschiedenster Größen in Betrieb.

Von den großen Kraftwerken muss der Strom in die Städte, Fabriken und Haushalte geleitet werden. Zunächst mittels Hochspannungsleitungen über das Land. Um den Strom jedoch im Verteilernetz vor Ort verwenden zu können, muss er in eine niedere Spannung herabgesetzt werden. Und dazu benötigt man Transformatoren. 1881 war zum ersten Mal ein Transformator-ähnlicher Apparat in England ausgestellt worden, „Sekundär-Generator" genannt. Dann ging es Schlag auf Schlag. Immer neue Erfindungen wurden gemacht. 1888 veröffentliche der Münchner Elektroingenieur Friedrich Uppenborn bereits ein Buch über die Geschichte des Transformators.Bayerischer Heimatschutz. Auf jeden Fall sollten die Transformatoren eingeschalt werden. Und wo immer es angängig erschien, sollten „Transformatorentürme" verwendet werden, die regional unterschiedlich gestaltet sein konnten. Fachwerkbau sollte nur in jenen Landesteilen gewählt werden, wo dieser heimisch ist. Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Juni-Ausgabe von Unser Bayern!

Zunächst handelte es sich nur um Metallgerüste, auf denen ein mäßig großer Apparat die Senkung der Stromspannung bewerkstelligte. Doch zur Verhütung von Unglücksfällen und zum Schutz gegen Witterungseinflüsse wurden sie umhüllt – und dies zunächst meist wenig schön in Wellblechhäuschen oder in ein mehr oder weniger kunstvoll zusammengebasteltes Fachwerkgehäuse. Aus praktischen Gründen wurde meist die Form eines Turms gewählt: An diese konnten die Freileitungen direkt am Giebel mittels Isolatoren befestigt werden und der Strom (Mittelspannung) im Gebäudeinneren direkt den Transformatoren zugeführt und die Niederspannung dann wieder an die Abnehmer im Umkreis von einigen hundert Metern entweder über Erdkabel oder über Freileitungen verteilt werden.

Doch bald regte sich Widerstand. Nicht gegen die Transformatorenhäuschen an sich. Diese waren zur Stromversorgung unumgänglich. Doch schöner, der Landschaft oder dem Straßenbild besser angepasst sollten sie sein! Solange allerdings die Elektrotechniker keine Architekten zu Rate zogen, war kaum Hoffnung auf Besserung gegeben. Auch die Wahl des Standortes war vielfach verbesserungswürdig, denn die „Vollzugsorgane" nahmen nur selten Rücksicht auf das Orts- oder Straßenbild. Wie bei der Wahl der Standorte für Strommasten und Beleuchtungskörper sollte auch dem Platz für das Trafohäuschen Aufmerksamkeit geschenkt werden. Gemeinden, Stromversorger und Elektroindustrie sollten sich mit den Heimatschutzverbänden zusammentun um Abhilfe zu schaffen.

Dass für das Setzen von Masten und Trägern elektrischer Leitungen Rücksicht auf das Stadt-, Orts- oder Landschaftsbild genommen werden muss, verfügte bereits eine Ministerialentschließung vom 8. Juni 1910. Der bayerische Verein für Volkskunst und Volkskunde, der heutige Bayerische Landesverein für Heimatpflege, nahm sich der Sache an. Die allgemeine Elektrizitätsversorgung Bayerns eröffnete dem Heimatschutz ein ganz neues Arbeitsgebiet. Nicht nur in Fragen der möglichst ästhetischen Einfügung der Stromleitungen ins Landschaftsbild und gegen das „unschöne Eisengewirre, besonders aber der herabhängenden Auffang- und Schutzstangen" machte sich der Verein kurz vor dem Ersten Weltkrieg stark, sondern auch bezüglich des Aussehens der Transformatoren. „Sehr unangenehm können sich im Landschafts- oder Ortsbild die Masttransformatoren geltend machen. Diese ziemlich umfangreichen Objekte wirken sehr aufdringlich", klagte der städtische Oberingenieur August Blößner aus München 1914 in der Vereinszeitschrift

Auf Initiative des Innenministeriums war 1913 ein „Sonderausschuss für Heimatschutz bei Starkstromanlagen" gegründet worden. Den Vorsitz hatte August Blößner. Führende Architekten der Jahrhundertwende nahmen sich des Themas an. August Thiersch, der die Leitung der Arbeitsgruppe für die Entwürfe der Transformatorentürme und anderer Bauten für die Elektroversorgung übernommen hatte, Theodor Dombart, Regierungsbaumeister Alfred Müller und der Königliche Regierungsrat Wünscher (für Franken) fertigten Entwürfe für die Bauberatungsstelle des Vereins für Volkskunst und Volkskunde und veröffentlichte sie – neben abschreckenden Antibeispielen – in der Vereinszeitschrift. Architekt Max Littmann legte ebenfalls Ideen für Trafotürme vor. Und auch von staatlicher Seite wurden in einer Entschließung vom 31. Mai 1912 entsprechende Richtlinien festgelegt: „Die Transformatorenhäuschen sollten in Form, Farbe und Baustoff unauffällig, schlicht und sachlich sein; reine Eisenkonstruktionen sollten vermieden werden." In einer weiteren Entschließung vom 17. September 1913 wurde verfügt: „Das Überlandwerk wird jeweils unmittelbar nach dem Abschluss des Vertrages darauf hingewiesen, dass es Typenpläne für die Masten mit ihrem Zubehör, die Ständer, die Transformatorenhäuschen, die Masttransformatoren usw. in der erforderlichen Zahl aufstellen und dem Heimatschutzausschuss zur allgemeinen Begutachtung übersenden möge. Dieser prüft, ob die Pläne an sich, d. h. zunächst ohne Rücksicht auf den besonderen Aufstellungsort, den Anforderungen einer guten Form entsprechen. Die Bezirksämter werden sich hierfür, vorbehaltlich der Aufstellung an besonders wichtigen Punkten, namentlich in alten Orten mit dieser Begutachtung begnügen können."

Wichtig war Architekten und Heimatschützern, dass sich sowohl die gewählten Dachformen als auch das Material der jeweils in der Gegend vorherrschenden heimischen Bauweise anpassten. Auf Architekturformen wie romantisierende Burgzinnen und anderen Schnickschnack sollte verzichtet werden. Entscheidend war auch die möglichst unauffällige Platzierung, etwa ihre Einbindung in bestehende Heckenpflanzungen am Straßenrand oder in Umfassungsmauern. Allerdings dienten die Entwürfe nur als mögliche Anregungen. Eins zu eins umgesetzte Beispiele lassen sich kaum finden... (Cornelia Oelwein)

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