Unser Bayern

Kaiser und König im Großen Hauptquartier (1917): General Paul von Hindenburg, Wilhelm II., Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, Ludwig III., der Erster Generalquartiermeister Erich Ludendorff und Großadmiral Henning von Holtzendorff. (Foto: SZPhoto)

23.01.2015

Stich ins Wespennest

König Ludwig III. und die Diskussion über Kriegsziele: Nicht nur Preußen, auch Bayern meldete Gebietsansprüche an

Am 5. August 1916 empfing König Ludwig III. eine Delegation der besonderen Art. Angeführt von dem renommierten Hygieniker Max von Gruber, versammelte sich die Crème de la Crème der Landeshauptstadt, darunter Graf Kaspar von Preysing, Fürst Quadt und Franz von Buhl sowie führende Vertreter der bürgerlichen Parteien. Eine längere Denkschrift wurde verlesen, die zum größten Teil aus der Feder Grubers stammte: Darin wurden der unbeschränkte U-Boot-Krieg und umfassende Annexionen verlangt. „Wie die Dinge sich entwickelt haben, liegt die Entscheidung über das Schicksal Deutschlands in der Hand Eurer Majestät, in der Hand des Hauses Wittelsbach. Als treue Bayern bitten wir Eure Majestät, den großen, niemals wiederkehrenden Augenblick" zu nutzen, „den alten Ruhm des Hauses Wittelsbach mit neuem Glanze zu umgeben".

Das hieß im Klartext: Bayern sollte sich an die Spitze der Annexionspartei im Reich stellen und dem Lavieren des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg ein Ende bereiten.

Von Gruber und die führenden Annexionisten in Bayern wussten sehr genau, an welche Adresse sie sich zu wenden hatten. Als Oberhaupt des zweitgrößten Bundesstaates hatte Ludwig III. bereits zwei Wochen nach Kriegsausbruch die Initiative ergriffen und sich für eine erhebliche Vergrößerung Bayerns ausgesprochen. Den Anlass bot der Besuch des preußischen Gesandten beim König am 15. August 1914. Ein freundlicher Gedankenaustausch folgte – doch als der Preuße ein hohes Lob auf die bayerischen Truppen anstimmte, dachte der Bayer sofort an die Kriege von 1866 und 1870/71.

Die preußische Kugel im Bein hatte der Veteran von 1866 zwar längst verschmerzt, nicht jedoch die damaligen bayerischen Gebietsverluste. Noch weniger verkraften konnte Ludwig, dass Bayern nach 1870/71 leer ausgegangen war. „So wie im Jahre 1870 darf es aber nicht wieder gehen. Ich habe nichts dagegen, dass Preußen sich vergrößert, aber Bayern muss auch etwas bekommen". Der preußische Gesandte fragte sogleich nach, woher die neue Gebiete denn kommen sollten und bekam die Antwort: Das Reichsland Elsass-Lothringen soll aufgeteilt werden, „Belgien verschwinden und die Rheinmündung deutsch werden".

Annexionistischer Übermut war damals kein bayerische Phänomen, sondern über die Militärs und die militanten Nationalisten hinaus verbreitet. Auch Ludwigs Standesgenossen, die Fürsten der deutschen Bundesstaaten, formulierten zum Teil weitreichende Kriegsziele. Und doch war Ludwig der erste, der soweit vorpreschte. Als habe er den bayerischen Sieg in der Schlacht von Lothringen Ende August vorausgeahnt, dachte er laut über eine bayerische Kontrolle der Rheinmündungen und der belgischen Kohlegruben nach.

Ministerpräsident von Hertling, vom König erst gar nicht eingeweiht, passten diese Äußerungen gar nicht ins Konzept. So lange Preußen noch keine Annexionsabsichten äußerte, sollte sich auch Bayern zurückhalten. Gut zehn Tage, nachdem der Kaiser, die Parteien und die Bundesstaaten den Burgfrieden geschlossen hatten, fürchtete der Ministerpräsident nichts mehr als preußische Ängste vor einem neuen bayerischen Partikularismus.

„Sie können denken, wie peinlich mir die Sache war" schrieb von Hertling sogleich an den preußischen Gesandten in München. „Der König spricht noch immer so, wie in der Zeit, da ihn keine Verantwortung drückte". Der Ministerpräsident bemühte sich, die Wogen zu glätten und unterstrich, „dass eine einseitige Vergrößerung Preußens notwendigerweise eine Verschiebung im Verhältnis der Bundesstaaten herbeiführt". Um keine Beeinträchtigung des bundesstaatlichen Gefüges herbeizuführen, müssen „auch andere Staaten, darunter wir, gleichfalls etwas zugeteilt bekommen".

So standen die politischen Rollen erst einmal fest: Der König ergriff die Initiative und der Ministerpräsident eilte hinterher. Als sich Ludwig am 26. August ins Große Hauptquartier nach Koblenz begab, war es wieder einmal soweit. Das Ziel der Demarche: Die bayerischen Kriegsziele sollten dem Kaiser und dem Reichskanzler höchstpersönlich nahegebracht werden. Von Hertling folgte seinem König sogleich auf den Fersen und reiste mit nach Koblenz. Ständig versuchte er auf Ludwig einzureden, mahnte ihn zur Besonnenheit – nicht ohne Erfolg: Noch in letzter Minute konnte Ludwig von der Forderung nach dem „ganzen Elsass" abgebracht werden.

Als der König mit Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg zusammentraf, wusste jener längst Bescheid. Bestens informiert durch seinen Münchner Gesandten, lauschte er aufmerksam den Wünschen des Monarchen. Der Reichskanzler schien nicht verstimmt zu sein, so der nachträgliche Eindruck Hertlings: „Es war tatsächlich nützlich, dass unsere Ansprüche schon jetzt angemeldet worden sind", notierte er zwei Tage später. Doch auch Ludwig III. äußerte sich „sehr befriedigt" über die Aussprache. So gab es hinsichtlich der bayerischen Kriegsziele zumindest einen Minimalkonsens: Wenigstens ein Teil des „Reichslandes" Elsass-Lothringen sollte nach dem Sieg an das Königreich fallen.

Warum hatte sich der König soweit vorgedrängt? Vielleicht war es nicht nur die Erfahrung von 1870/71, sondern auch der Gesamtzustand der bayerischen Monarchie. Nach dem Prestigeeinbruch der Krone unter dem vermeintlichen Märchenkönig Ludwig I. folgte die lange Regentschaft des Prinzen Luitpold für den geistig umnachteten Thronfolger Otto I., die sogenannte Prinzregentenzeit. Wegen seiner Leutseligkeit und Milde in der Öffentlichkeit zunehmend beliebt, war Luitpold doch nur „Prinzregent" und rangmäßig den anderen Bundesfürsten untergeordnet. Luitpold besaß weder die Souveränität eines Königs, noch den Titel „Majestät", noch den Anspruch auf monarchische Insignien. Als der Prinzregent am 12. Dezember 1912 verstarb, folgt ihm sein Sohn Ludwig. Am fünften November 1913 erklärte er die Regentschaft für beendet und verkündete die Thronbesteigung. Eine Verfassungsänderung von Staatsrat und Landtag hatte den Weg hierzu geebnet.

Eigentlich war Ludwig die Königswürde nicht in die Wiege gelegt worden. Als „Mann von großer Geistesgaben und praktischer Veranlagung" schmeichelten ihm die einen, während andere über den „watschelnden, behäbigen Gang" spotteten. Böse Zungen mauschelten über den „stets zu weiten Kragen" und zeigten mit dem Finger auf die „viel zu langen Hosen" mit den „alten Schnürrstiefeln". Dem Idealbild eines strammen Offiziers scheint Ludwig jedenfalls nicht entsprochen zu haben. Dafür galt er als guter Hausvater, der Tugenden wie Gottesfurcht und Fleiß schätzte und nicht nur bei der Kleidung auf Sparsamkeit achtete. „Millibauer" nannten ihn viele deswegen, weil er sein Gut in Leutstetten zu einem landwirtschaftlichen Musterbetrieb ausgebaut hatte und auch sonst viel von Viehzucht verstand. Marie Therese, seiner Gattin, haftete ebenfalls eine gewisse Bodenständigkeit an. Von den Medien als „Muster einer deutschen Ehefrau und Hausfrau" gepriesen, zeigte die Habsburgerprinzessin wenig Interesse für Politik. Viel mehr lag ihr das Wohl der Familie am Herzen, und vielleicht auch deswegen fiel es ihr anfangs so schwer, sich mit der neuen Rolle der Königin anzufreunden.

Als am Morgen des 5. November 1913 auf dem Dach des Wittelsbacherpalais die Königsflagge gehisst wurde, herrschte im Inneren eine gedrückte Atmosphäre. „Wir gratulierten auch nicht Papa und Mama, sondern küssten ihnen auf die Hand, weil die Sache zu ernst und der Grund ein trauriger ist", notierte Tochter Wiltrud in ihr Tagebuch. „Es war ein Schritt der Notwendigkeit – dem Lande und Volke zuliebe getan, nicht aber aus eigenem Verlangen, denn die Eltern sind ganz gewiss auf so etwas nicht aus." Unmittelbar vor der Vereidung auf die Verfassung bekannte Ludwig ganz offen, dass ihm vor allem „ die Sorge für das Wohl der Monarchie und des Vaterlandes" bewogen habe, diesen Schritt zu tun.

Vielleicht wurde ihm die Entscheidung durch den Verzicht auf eine Königskrönung erleichtert. Einen Monarchen im Hermelin samt Purpur mit der Krone auf dem Haupt hatte es in Bayern ohnehin nie gegeben. Dafür vermittelte eine Menge prachtvoller Herrscherporträts, Bilder und Medaillen zumindest die Illusion einer echten Monarchie. Seit dem frühen 19. Jahrhundert begnügte man sich mit dem nüchternen Ritual einer öffentlichen Proklamation der Königswürde ohne ausuferndes Begleitzeremoniell. Als Ludwig am 8. November 1913 seinen Verfassungseid leistete, stand er unter einem großen Thronhimmel vor einem goldbesteckten Kissen mit Krone, Zepter, Reichsapfel und Reichsschwert. Immerhin durfte er den Titel eines „Königs von Gottes Gnaden" tragen. Ansonsten war die Art und Weise der politischen Zeremonie „die einzig mögliche, da wir in einem konstitutionellen Staate leben", so Prinz Leopold, der Bruder des neuen Königs... (Martin Hille)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Januar-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 4 vom 23. Januar 2015)

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