Unser Bayern

22.07.2011

Strahlende Grabkammer

Bernhard Setzwein wüßte eine höchst sensible Nutzung des Granitgebirgsstocks im Osten des Freistaats


Liebe Leserinnen und Leser, es ist an der Zeit, zu bekennen, dass ich an dieser Stelle Monat für Monat schamlos übertreibe und die bayerischen Zustände auf skandalöse Weise karikiere und entstelle. Erst jüngst, im Mai, habe ich in meiner Glosse den Rat der Zukunftsweisen persifliert, der da gelautet hatte, in Zukunft würden nur noch die Leistungszentren unseres weiß-blauen Entwicklungslandes bei Fördermaßnahmen berücksichtigt werden, all die anderen da hinten in der Oberpfalz und in Niederbayern würden mit dem Ofenrohr in ihre reizende Mittelgebirgslandschaft schauen müssen. Defätistisch und böse, wie ich nun mal bin, schrieb ich: „Die vor allem grenznah gelegenen ländlichen Regionen werden leider nichts mehr abbekommen können. Das muss die Wüste doch einsehen, dass es keinen Sinn hat, sie zu gießen."

Entwarnung! War alles nur eine Übertreibung des Satirikers. Ich kann alle Randbayern beruhigen. Natürlich bekommt ihr auch noch was ab. Die fieberhaften Überlegegungen, was genau das sein könnte, scheinen – nach allem was durchsickert – nun an ein Ende zu kommen. Extra für Euch aufgehoben haben wir – ein Tusch! – das atomare Endlager für radioaktiven Müll! Jetzt freut Euch doch ein bisschen! Wenn Ihr schön brav seid, bekommt ihr das, vielleicht. Jedenfalls hat die Bundesregierung beschlossen, dass man 50 Jahre nach Inbetriebnahme des ersten deutschen Versuchsreaktors in Kahl am Main unter Umständen vielleicht doch, aber auch nicht zu überstürzt, nach einer Endlagerstätte für all den strahlenden Mist zu suchen anfangen könnte, der seitdem in den Reaktoren produziert wurde und wird. Das heißt, gesucht hat man ja schon längere Zeit, und zwar vor allem in den Salzstöcken von Gorleben. Aber jetzt will man noch mal ganz von vorne anfangen. Weil wir haben ja auch so herrlich viel Zeit. 15 000 Jahre strahlt das Glump. Nur wenn es einmal ausgestrahlt hätte, müsste man zugeben: Die Sache hat sich von alleine erledigt. Bis dahin aber haben wir Zeit, uns um das Problem zu kümmern.

Und zwar am besten in der Problembewältigungsmanier von Umweltminister Markus Söder. Man kommt ja nicht mehr heraus aus dem Staunen über die CSU-Mannen. Könnte man das Drehmoment von deren Meinungsänderung in Sachen Atompolitik direkt in elektrische Energie umwandeln, dieses Land bräuchte kein einziges zusätzliches Windrad mehr. Und auch die Frage des atomaren Endlagers: Immer war es beste christsoziale Doktrin, nach dem Nothelfer-Prinzip vorzugehen: Heiliger Sankt Florian, verschon Bayern, zünd‘ andre Bundesländer an (mit dem nicht so einfach zu löschenden atomaren Feuer). Aber auch hier eine brummkreisel-schnelle Wendung: Freilich könne man auch Bayern in die Überlegungen bei der Suche nach einem geeigneten Standort mit einbeziehen, hat der Söder gesagt. Er weiß nämlich, dass nur und ausschließlich ein negativer Entscheid dabei herauskommen könne. Jetzt wissen Sie auch, wie der Bayern „ergebnisoffen" buchstabiert.

Aber bevor Sie jetzt in Passau, Deggendorf und Waldkirchen die Lätschen hängen lassen – von wegen wir ham’s ja gleich g’sagt, wie bekommen wieder nix ab – rate ich dazu, die Flinte nicht zu früh ins Korn zu werfen. Ostbayern hat nicht nur seinen Granitgebirgsstock als schlagendes Argument ins Feld zu führen. Da ist noch ein weiterer, selten beachteter Grund. Schon vor Jahren hat man eine Geheimkommission – und das ist kein Witz! – damit beauftragt, ein sprachliches Zeichensystem zu entwickeln, mit dem man ein solches atomares Endlager beschriften könne. Damit unsere Ur-Ur-Ur-Urenkel in 15 000 Jahren auch noch lesen können, was da überhaupt drin liegt. Ergebnis der Kommission: Solche in weiter Zukunft noch verstehbare Schriftzeichen gebe es nicht und könne es auch gar nicht geben. Alle Schrift werde mit der Zeit unverständlich. Sie, die Kommission, schlage daher vor, eine Art streng geheimer Priesterkaste zu etablieren, deren Miglieder von Generation zu Generation das höchst sensible Wissen um den Grabkammerinhalt weitergeben. Wer anders als niederbayerische Einöd-Bauern mit ihrer Wortkargheit wären zu einem solchen Hüten und konspirativen Weiterflüstern der Geheimbotschaft in der Lage? Denken Sie mal drüber nach!

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