Unser Bayern

31.05.2013

Umgang ohne "Bumm"

Kein Krachenlassen mehr bei Fronleichnamsprozessionen? Bernhard Setzwein zeigt Verständnis für die Gebirgsschützen


Der geschätzte Kollege Gerd Holzheimer, Ethnograf und Schriftsteller, hat ein Buch darüber geschrieben: Über die Lust des Bayern, es krachen zu lassen. Wobei dies, wie meist beim Bayern, durchaus wörtlich zu verstehen ist. Holzheimer schreibt: „Krachen lassen heißt im Bayerischen nicht unbedingt ,die Sau rauslassen‘, sondern ,krachen lassen‘ meint schon, dass es kracht und das laut." Er führt Beispiele an, vom Christkindl-Anschießen über den Ehrensalut bei Beerdigungen bis hin zu den ludwigthoma’schen Lausbubengeschichten, bei denen Knallfrösche ein unverzichtbares Requisit sind. Nach der Lektüre von Krachen lassen. Archaische Rituale in Bayern wird jedermann begreifen, dass die bayerische Existenz im Grunde in ein einziges Wort zusammenzufassen ist: Bumm!

„Bumm!" aber soll es nicht mehr machen. Zumindest nicht mehr bei einigen Fronleichnamsprozessionen. Namentlich in den Gemeinden Bad Endorf und Stephanskirchen hätten sich, liest man, engagierte Bedenkenträger dafür ausgesprochen, dass bei den „Umgängen" die Gebirgsschützen ohne ihre Karabiner mitmarschieren sollen. Nix mehr vonwegen „Schön is’ mit’m Umgang gehn / Umgang gehn / Umgang gehn", wie noch Weiß Ferdl sang. Da ist einem doch die ganze Freud’ verdorben. Weil nun mal die simple Gleichung gilt: Ohne Karabiner kein Bumm! Und außerdem stellt sich die viel weitreichendere Frage: Was soll ein Gebirgsschütze ohne Gewehr sein?

Keine furchteinflößende Erscheinung mehr! Das hat der Pfarrverbandsrat in Bad Endorf ausgemacht, dass sich womöglich Kinder an dem Erscheinungsbild der waffentragenden Stöpselhutträger erschrecken könnten. Da kann ich nur sagen: Vorsicht! Da geraten wir auf ein ganz heikles Terrain. Wenn wir jetzt tatsächlich herausfinden wollen würden, wer sich aktuell am besten dafür eignen könnte den „Schwarzen Mann" zu machen, mit dem man Kinder, zum Beispiel wenn sie nicht artig genug sind, am nachhaltigsten schrecken kann, dann weiß ich nicht, wer da an Nummer 1 stehen würde. Ob wirklich so ein eher drollig aussehender Trachtenseppl mit seinem Schießgewehr oder nicht doch eher Männer in langen wallenden Gewändern, von denen man gar nicht schöne Dinge gehört hat, die sie zum Beispiel im Kloster Ettal oder bei den Regensburger Domspatzen angerichtet haben. Und? Hat schon mal jemand angeregt, den Geistlichen nicht mehr bei der Fronleichnamsprozession mitgehen zu lassen? Aus Gründen von Schrecknisvermeidung?

Auch der Stadtpfarrer von Bad Reichenhall sollte meiner Meinung nach noch einmal innehalten und 2000 Jahre christ-katholische Geschichte vor seinem inneren Auge schnell Revue passieren lassen, ehe er eine Aussage trifft wie, „ich denke, dass Kirche und Liturgie eigentlich eine waffenfreie Zone sein sollten". Vielleicht fällt ihm doch das eine oder andere Bild ein, wo Geistliche Kriegswaffen gesegnet haben und dabei nicht unbedingt den Eindruck absoluten Gezwungenseins machten.

Vielleicht kann man von den Gebirgsschützen zumindest lernen, nicht meilenweit übers Ziel hinauszuschießen. Was man da zum Beispiel in Leserbriefen zu diesem mal wieder alle erregenden Skandal lesen konnte, stellt einem mitunter die Haare auf. Da schreibt jemand, eigentlich gehöre die ganze Fronleichnamsprozession abgeschafft. Denn habe schon einmal jemand darüber nachgedacht, warum die in Bayern „Prangertag" heiße? Da seien früher die Hexen an den Pranger gestellt worden, jawohl! Und da kann man sich vielleicht erst erschrecken, bei einer solchen Vorstellung! Prangertag heißt er übrigens deshalb, weil das von „prangen = sich schmücken" kommt. Schmeller schreibt: „Wird vorzüglich von den Mädchen gesagt, welche mit dem jungfräulichen Kranz und allerley Blumen und Bändern geziert, die Fronleichnamsprozession begleiten." Und so sind auch die Gebirgsschützen mit ihren Karabinern nur ein Element, das „prangen" soll. Wie schon die „Hartschiere" im Lied vom Weiß Ferdl, „stolz als wia! / Sporngeklirr / verwünschn an ganzn Umgang schier, / möchtn lieber a Bier". Da hört man’s ja, was sie wirklich wollen. Mit den Kriegszeug spielen sie nur.

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