Unser Bayern

24.02.2012

Vollender der Barockarchitektur

Joseph Effner und Balthasar Neumann wurden im selben Jahr geboren, begegneten sich aber nie persönlich

Das Jahr 1687 ist für die deutsche Architekturgeschichte von großer Bedeutung, denn vor 325 Jahren erblickten im Abstand von nur wenigen Tagen Balthasar Neumann und Joseph Effner das Licht der Welt – beide sollten zwei der ganz großen Baumeister des 18. Jahrhunderts werden, die Werke hinterließen, die schlichtweg Glanzpunkte der spätbarocken Kunst sind. Neumann wurde am 30. Januar in Eger getauft, Effner am 4. Februar in Dachau; die genauen Geburtsdaten kennen wir von beiden nicht.

Persönlich begegnet sind sich die beiden nie. Effner sah wohl auch keinen Bau Neumanns – dieser jedoch weilte 1730 in Nymphenburg und Schleißheim und war einen Blick auf das Werk seines „Kollegen". In einem Brief an „seinen"

 

Würzburger Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim äußerte er sich jedenfalls positiv und durchaus beeindruckt über die Anlagen und Bauten Effners.

Es gibt bemerkenswerte Gemeinsamkeit in den Biografien der beiden. Joseph Effner war das neunte Kind des Dachauer Hofgärtners Christian Effner. Zunächst war dies Pech für den jungen Joseph, weil traditionsgemäß nach dem Tod des Vaters 1705 der älteste Sohn zum Nachfolger ernannt wurde. Im Elternhaus konnte Joseph also nicht bleiben. Beherzt wandte sich der 18-Jährige deshalb an den bayerisc

 

hen Landesherrn, der ja einheimische Künstler förderte, und bat diesen um eine Gelegenheit zur Weiterbildung. Tatsächlich gewährte Kurfürst Max II. Emanuel die fast vermessen anmutende Bitte.

Auch mit dem jungen Balthasar schien es das Schicksal zunächst nicht allzu gut zu meinen. Er war der Sohn eines Tuchmachers – aber ebenfalls nicht der Erstgeborene. Mit 13 Jahren trat er in der Werkstatt seines Paten eine Lehre als Glocken- und Metallgießer an. Nach der

 Ausbildung blieb dem Gesellen nichts anderes übrig, als sich auf die damals durchaus übliche Wanderschaft zu begeben. 1711 landete er in Würzburg. Und auch er hatte Glück.

Nur kurzzeitig war er in einer Gießhütte tätig. Sein Wunsch nach Weiterbildung war so stark, dass er seine Heimatstadt Eger um ein Darlehen bat, weil er „Büchsenmacherei, Brunnenmacherei, Feuerwerkerei, Feldmesserei und Architektur" erlernen wollte. Tatsächlich wurde ihm dreimal ein Kredit gewährt. Neumann konnte seinen ursprünglich erlernten Handwerkerberuf an den Nagel hängen. Rasch setzte er seine theoretischen Erkenntnisse in die Praxis um. Er erfand 1713 das im Mainfränkischen Museum erhaltene „Instrumentum Architecturae", einen Proportionalzirkel, der der Berechnung von Säulenordnungen diente. Seit 1716 wird Neumann in den Quellen als „Ingenieur" bezeichnet.

1714 war er als Fähnrich in den Militärdienst eingetreten, dem er bis zu seinem Tod – zuletzt war er Oberst der fränkischen Kreisartillerie – treu blieb. 1717 nahm er am Türkenfeldzug Prinz Eugens teil. Dabei kam er auch nach Wien und konnte die kaiserlich-monumentalen Bauten Johann Bernhard Fischer von Erlachs und die dekorative Fassadenkunst Lukas von Hildebrandts bewundern. Mit diesen Vorgaben sollte er sich bald vergleichen dürfen. Von Wien reiste er zu Studienzwecken weiter nach Oberitalien.

Auch Joseph Effner war die Karriereleiter steil nach oben gestiegen. Sein Gönner Max Emanuel weilte nach der verlorenen Schlacht von Höchstätt seit 1704 im Exil. 1706 reiste Effner auf Wunsch des Kurfürsten zur Ausbildung nach Paris. Dort wurde er Schüler des berühmten und von Max Emanuel hochgeschätzten Architekten Germain Boffrand, unter dessen Aufsicht er 1713/14 sein erstes Projekt realisieren konnte: den Umbau von Max Emanuels Exilpalast in St. Cloud.

Zehn Jahre später sprach auch Balthasar Neumann bei Boffrand vor. 1723 unternahm er im Auftrag seines fürstbischöflichen Dienstherrn in Franken eine Studienreise zum Thema Schlossbaukunst nach Paris und diskutierte dort mit dem französischen Architekten über den Bau der Würzburger Residenz.

1715 konnte der bayerische Kurfürst nach München zurückkehren. In seinem Tross war auch Effner, der am 1. April zum Hofbaumeister ernannt wurde. In den folgenden Jahren sollte der Gärtnerssohn aus Dachau mit der Planung und Ausführung der kurfürstlichen Schlösser und Gärten betraut werden. Keine 30 Jahre alt, leitete Effner als Chefplaner des kurfürstlichen Lustbauwesens eine große höfische Werkstatt, der renommierte Künstler aus dem In- und Ausland – Maler, Freskanten, Stukkatoren, Gartenarchitekten, Bildhauer und Kunstschlosser – angehörten. 1718 unternahm er – im selben Jahr wie sein Kollege Neumann – eine Studienreise nach Italien mit Aufenthalten in Venedig, Rom und Neapel. Damit kannte er die wichtigsten Standpunkte der europäischen Architektur.

Nicht minder erfolgreich war Neumann in Mainfranken. 1719, er war 32 Jahre alt, entdeckte ihn der Landesherr, Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn. Er beauftragte ihn, die Schönbornsche Grabkapelle am Würzburger Dom zu planen und zu bauen. Und zugleich übertrug er ihm das wohl „gewaltigste Bauunternehmen der Zeit" (B. Schütz, 1986), die Würzburger Residenz.

Dies „grenzt an ein Wunder", weil Neumann bis dahin keinen einzigen Bau selber geplant oder gar verwirklicht hatte. Der Fürstbischof „scheint die Begabung Neumanns sofort gespürt zu haben und hielt von da an unbeirrbar an ihm fest." Vielleicht hatten ihn auch Neumanns Zeichnungen – sein detailgetreuer Stadtplan von Würzburg ist in einer späteren Kopie erhalten –, seine Kenntnisse vom Wasserbau oder seine sachkundigen Baugutachten überzeugt. Zweifelsohne war Neumann besonders talentiert; doch hinzu kam die überaus günstige Fügung, dass einige geistliche Fürstentümer in Deutschland von Repräsentanten des Hauses Schönborn regiert wurden. Sie alle waren vom „Bauwurmb" besessen – und Neumann wurde ihr Hausarchitekt. Er war Mitglied der bischöflichen Baukommission; 1729 ernannte ihn der neue Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn zum Baudirektor des gesamten militärischen, kirchlichen und zivilen Bauwesens der beiden Hochstifte Würzburg und Bamberg.

Auch Max Emanuel war ein besessener Bauherr – trotz leerer Staatskasse. Und er war überzeugt vom Können seines Hofarchitekten Joseph Effner. 1720 ernannte er ihn zum Hofkammerrat. Nach dem Tod Enrico Zuccallis wurde Effner 1724 Oberhofbaumeister. Damit unterstand ihm nun das gesamte Hofbauwesen im Kurfürstentum.

In nur wenigen Schaffensjahren leistete Effner Enormes. Mit einer Kutsche eilte er von Baustelle zu Baustelle; oft übernachtete er vor Ort. Sofort nach der Rückkehr aus Frankreich ließ Max Emanuel Effner den bis heute erhaltenen Gartentrakt des Dachauer Renaissanceschlosses modernisieren. Schon bei diesem Frühwerk sind bei der Fassadengestaltung und beim repräsentativen Treppenhaus die französischen Vorbilder unverkennbar. Mit Effner hielt die französische Hofkunst, der spätbarocke Stil Régence, in Bayern Einzug. Für ein halbes Jahrhundert sollte diese Stilrichtung die herrschaftliche Bauweise prägen.

Unter Effners Leitung wurde Schloss Nymphenburg zu einer weitläufigen Schlossanlage umgebaut. Das heutige Erscheinungsbild geht fast vollständig auf ihn zurück. In Anlehnung an das französische „Pavillonsystem" (B. Langer, 2012) erweiterte er den Bau um zwei große rechteckige Höfe für Stallungen, Kavalierswohnungen etc.; durch die Neugestaltung der Fassade des Mittelbaus und der opulenten kurfürstlichen Wohnräume lässt sich „die von Frankreich inspirierte Dekorationskunst noch heute erleben." Zu dem Gesamtkunstwerk gehörten auch die barocke Gartenanlage, der Mittelkanal mit den beiden Alleen, die große Kaskade, das Fontänenbecken, die beiden ganz im Stil der französischen Mode erbauten Gartenschlösschen, die elegante, achteckige Pagodenburg und die locker komponierte Badenburg sowie die pittoreske Magdalenenklause, eine künstliche Ruine. (Eva Meier)

 

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Februar-Ausgabe von Unser Bayern.

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