Unser Bayern

Beim "Brechen" und "Hecheln" wird der Flachs nach dem rösten mechanisch aufgeschlossen. (Foto: Erika Groth-Schmachtenberger)

30.07.2010

Von blauen Montagen

Flachs und Hanf waren in Bayern einst wichtige Nutzpflanzen, deren Renaissance heute nur zögerlich verläuft


"Dreh dich, dreh dich Rädchen, spinne mir ein Fädchen, / viele, viele hundert Ellen lang! / Hurtig, hurtig muss man spinnen, Mütterchen braucht frisches Linnen; / Darum, Rädchen, ohne Ruh` dreh dich, dreh dich immerzu."

So geht ein altes Volkslied übers Spinnen. Um Martini (11. November) herum, als die Feldarbeit weitgehend beendet war, begann früher die Spinnstubenzeit. Bis ins 19. Jahrhundert war dieses gesellige Beisammensein ein wichtiger Bestandteil des dörflichen Lebens während des Winterhalbjahres. Die Frauen und Mädchen trafen sich nach Einbruch der Dunkelheit zum gemeinsamen Spinnen. Es wurde nicht nur gesponnen, sondern auch gesungen, musiziert – man erzählte sich auch viele Geschichten. Doch was wurde versponnen? Schafwolle natürlich – vor allem aber selbst angebauter Flachs.

Aus Kulturlein oder Flachs (Linum usitatissimum) lässt sich Leinentuch herstellen. Und das benötigte früher jeder wie das tägliche Brot: für Oberbekleidung, Wäsche und Tücher. Andere Materialien wie Baumwolle waren für die einfache Bevölkerung unerschwinglich. Über Jahrhunderte hinweg war Flachs die wichtigste Pflanzenfaser im europäischen Raum und wurde zur Deckung des Eigenbedarfs überall in den Dörfern angebaut. Ortsnamen wie Flachslanden in Mittelfranken lassen erahnen, welche Bedeutung der Flachsanbau dort einmal hatte. Die größten Flachsanbaugebiete Bayerns lagen in der Oberpfalz und im Allgäu. In ganz Deutschland betrug die Anbaufläche im Jahr 1875 gut 215 000 Hektar.

Flachs an sich ist ein sehr zartes Pflänzchen. Leonhart Fuchs, einer der Väter der Botanik, beschreibt in seinem Kreutterbuch von 1543 den Flachs zutreffend: „Flachs hat einen zarten Stengel, mit schmalen langen spitzigen blettlin bekleydet. Am gipffel desselbigen gewindt es schön lichtblau blumen." In der Tat: Die blauen Flachsfelder, die überall zu finden waren, müssen eine Pracht gewesen sein. Besonders das Allgäu galt als das „blaue Land". Jedoch nur für kurze Zeit, denn die Flachsblüte im Juni oder Juli hält nur wenige Tage an.

Für die Bauern war die Blütenfarbe weniger wichtig. Für sie zählte, dass ihr Flachs möglichst lang und fein wuchs. Dazu versuchten sie sich mit allerlei abergläubischem Brauchtum, wie zum Beispiel beim Fassnachtstanz recht hoch zu springen oder besonders lange Ruten ins Feld zu stecken. Tatsächlich wird der Flachs bei hohen Niederschlägen und guter Düngung besonders lang. Und wenn er durch fleißiges Jäten vor schnell wachsenden Unkräutern freigehalten wird.

Wenn die Samenkapseln des Flaches gelb werden und die unteren Blätter abfallen, ist er reif zum Ernten. Die Pflanzen werden dann büschelweise mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen. Raufen nennt man dies. Wenn der Flachs getrocknet ist, werden beim anschließenden Riffeln die Flachsfrüchte, die Leinsamen, entfernt. Daraus machte man früher Tierfutter, Leinöl zu Beleuchtungszwecken oder Mittel für die Hausmedizin. Schon im 4. Jahrhundert vor Christus kannte man zum Beispiel die abführende Wirkung des Leinsamenschleims, und später im Mittelalter empfahl Hildegard von Bingen, bei Verbrennungen, Leinumschläge aufzulegen.

Auch Hanf (Cannabis sativa), eine weitere Faserpflanze, war seit dem Mittelalter regelmäßig auf unseren Feldern zu finden. Zwei bis vier Meter hoch kann diese einjährige Pflanze werden, von der es weibliche und männliche Exemplare gibt. Doch verbindet man mit der Hanfpflanze nicht sofort etwas Anrüchiges und Illegales? War nicht der Hanfanbau seit den 1980er Jahren bei uns verboten? Der Grund dafür: Das von den Blütenständen vor allem weiblicher Pflanzen ausgeschiedene Harz enthält gewöhnlich Tetrahydrocannabinole, aus denen man Haschisch und Marihuana gewinnen kann. Die berauschende Wirkung von Hanf war in China zum Beispiel schon 2700 v. Chr. zur Zeit des Kaisers Shen-Nung bekannt.

In der Vergangenheit hat der Anbau von Hanf als Faserpflanze in unseren Breiten eine Rolle gespielt – wenn auch viel weniger bedeutend als der Flachsanbau. Im Jahr 1878 waren in Deutschland 21 000 Hektar mit Hanf bepflanzt, im Vergleich zum Flachs nur ein Zehntel der Fläche. Schon in der Landgüterverordnung von Karl dem Großen (Capitulare de Villis) aus dem 9. Jahrhundert ist der Hanf verzeichnet und für den Anbau in den Königsgütern empfohlen. Seither lieferte der Hanf das Hauptmaterial für Seilerwaren. Ohne Hanfprodukte ist die Segelschifffahrt undenkbar. Hanffasern wurden auch für die Herstellung von Säcken und derben Stoffen verwendet. Es gab hanfene Wassereimer und Feuerwehrspritzenschläuche, und – wer weiß das schon – Gutenberg druckte seine erste Bibel auf Hanfpapier.

Um die Fasern zu gewinnen, müssen Hanf und Flachs nach der Ernte und dem Riffeln aufwändigen Arbeitsschritten unterzogen werden. „Neunmal durch des Menschen Hand geht der Flachs", so sagt eine Volksweisheit. Am Anfang steht das Rösten. Eine sehr geruchsintensive Angelegenheit, denn durch mikrobielle Gärung im Wasser oder im Tau sollen die Pflanzenfasern aufgeschlossen werden. Danach folgen nacheinander das Trocknen oder Dörren, das Brechen, das Schwingen und schließlich das Hecheln. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, dem sei kurz gesagt, dass es darum geht, die Fasern von allen anderen Pflanzenbestandteilen zu trennen. Beim Hanf läuft die Verarbeitung vom Prinzip her genauso wie beim Flachs, jedoch ist sie wegen des höheren Holzanteils noch arbeitsintensiver. Zudem müssen beim Hanf männliche und weibliche Pflanzen getrennt werden.

Nach der Verarbeitung sind Flachs und Hanf bereit fürs Färben und Spinnen. Gefärbt wurden die Fasern früher gewöhnlich mit Pflanzenfarbstoffen. Dabei waren bunte Farben und Verzierungen für die Kleidung den oberen Bevölkerungsschichten vorbehalten. Geregelt wurde dies bis ins 18. Jahrhundert mit unzähligen Kleiderordnungen. Noch 1750 wurde in Dachau vom Landgericht ein Bauernknecht zu einer Strafe von 5 Reichstalern verurteilt, weil er „in einem rothem brustfleckh mit einer Silberner borten" erschienen war. Für die Kleidung des einfachen Volkes waren Braun- und Grautöne üblich, gefärbt mit Nuss- und Zwiebelschalen oder Baumrinde, preiswert und überall in der Natur zu finden.

Aber es gab auch spezielle Färberpflanzen. Der Färberwaid (Isatis tinctoria) ist eine solche alte Kulturpflanze, die man zum Blaufärben der Stoffe verwendete. Besonders in Thüringen – in Erfurt und den umliegenden Dörfern und Städten – wurde Färberwaid bis ins 17. Jahrhundert im großen Stil angebaut und begründete den Reichtum der Region. Leonhart Fuchs schreibt dazu 1543 in seinem Kreutterbuch: „Das wild (weydt) wechst von sich selbs, doch nit allenthalben. Aber umb Tübingen findt mans in grosser Menge, daß allerrheyn (allen Rainen) und mauren der weingärten vol stond." Der Farbstoff wurde aus den abgeschnittenen Blättern gewonnen, die in speziellen Mühlen zermalmt wurden. Nach Wasserzugabe konnten die Waidbauern aus dem entstandenen Brei Ballen formen, die sie dann an Waidhändler verkauften. Ein recht einträgliches Geschäft. Die Waidballen wurden anschließend einem sehr langwierigen Prozess unterzogen: Gären, Versetzen mit Urin und anderen Chemikalien, um ein alkalisches Milieu zu erzeugen. Am Ende hatten die Färber eine farblose, übelriechende Brühe im Bottich. Erst wenn die zu färbenden Stoffe nach dem Eintauchen in die Brühe an der Luft aufgehängt wurden, kam durch den Sauerstoff die blaue Farbe zum Vorschein. Oft färbte man montags, die Redewendungen vom „Blauen Montag" oder „Blaumachen" sollen so entstanden sein. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts kam dann die Indigopflanze (Indigofera) aus Amerika, billiger, ergiebiger und in der Farbe beständiger, und verdrängte den Färberwaid.

Die Färberröte oder Krapp (Rubia tinctorum) lieferte in ihren Wurzeln den begehrten roten Farbstoff Alizarin. „Man muß im Besitze von warmgelegenem Lande in Thälern seyn, wo der Boden tief, fruchtbar und gegen Überschwemmung gesichert ist", so schreibt Jacob Ernst von Reider 1840 in seiner Verbesserten Kultur der vorzüglichen Färbepflanzen. In Schlesien lag das Hauptanbaugebiet für die Färberröte. „Wolle, Röthe und Weizen tragen in Schlesien am meisten", lautet eine Redewendung. Doch die Färberröte gab es auch anderswo in so manchem Bauerngarten. In der Gegend um Nürnberg wurde im 18. Jahrhundert gar so viel Färberröte angebaut, dass sie in Nürnberg in den Handel gebracht wurde. Je nach Zugabe von Beizen, Säuren und Metallsalzen konnten mit Krappwurzel nicht nur rote Farbtöne, sondern alle Farbtöne von Rosa bis Scharlach, Violett bis Schwarz, Hell- bis Dunkelgrau erzielt werden. Besonders schön ist das Türkischrot, mit dem der orientalische Fez gefärbt wird. Interessanterweise förderte im 19. Jahrhundert in Frankreich Napoleon III. den Anbau von Krapp in besonderer Weise, indem er bei seinen Soldaten rote Kopfbedeckungen und Hosen einführen ließ.

Eine weitere Pflanze, die wie der Färberwaid besonders häufig in Thüringen angebaut wurde, ist der Saflor, auch als Färberdistel (Carthamus tinctorius) bezeichnet. Aber auch in den Gärten und Feldern Bayerns und Frankens war der Saflor anzutreffen. Die Blütenblätter liefern ein leuchtendes Orangerot. Von Reider schreibt dazu 1840, dass der Bedarf an Saflor „bei weitem nicht so groß ist, als am Waid und am Krapp, allein die Ernten wenn man einzubringen das Glück hat, bezahlen sich unendlich gut. Wenigstens kann man mit jedem Preise zufrieden seyn, er fällt immer besser aus, als die üppigste Gerste möglicher Weise gewähren kann."

Wollte man gelb färben, hatte man den Färberwau (Reseda luteola) in den Gärten stehen. Wieder eine Pflanze, die seit der Antike bei uns zum Färben verwendet wurde. Der gelbe Farbstoff Luteolin wurde durch Kochen der Blütenäste in Wasser extrahiert. Aber auch die Färberkamille (Anthemis tinctoria), die Färberscharte (Serratula tinctoria) und der Färberginster (Genista tinctoria) wurden als gelbfärbende Pflanzen verwendet.

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verschwanden Flachs- und Hanffelder und auch die Färbepflanzen zunehmend aus der Landschaft. Schon 1840 beklagte von Reider in seiner Verbesserten praktischen Lehre des Flachs- und Hanfbaues, dass „man allgemein auf dem platten Lande gegen den Anbau von Flachs und Hanf einen Widerwillen finde", zum einen, weil man glaube, dass „beide den Boden zu sehr aussaugten" und vor allem liege aber „das vorzüglichste Hindernis" darin, „dass die Leute meistens zu faul sind, denn im Winter lässt der Bauer lieber seine Hände ruhen."

Doch nicht nur die hohe Arbeitsintensität führte zum Rückgang des heimischen Faserpflanzenanbaus. Die Gründe lagen in erster Linie in der Einfuhr der billigen Importbaumwolle und der Zunahme der maschinellen Spinnerei und Weberei. Im Jahr 1913 betrug die Flachsanbaufläche in Deutschland nur noch 12 000 Hektar. Beim Hanf machte die Einfuhr von Billighanf aus dem Ausland sowie von alternativen Faserpflanzen wie Jute und Sisal dem heimischen Anbau den Garaus. Bei den Färbepflanzen war es schließlich die Entwicklung von synthetischen Farbstoffen, die dazu führte, dass Färbepflanzen heute fast nur noch in botanischen Gärten und Freilandmuseen anzutreffen sind.

Mit dem Anbaurückgang von Flachs und Hanf gerieten auch die althergebrachten Traditionen der Verarbeitung dieser Faserpflanzen mehr und mehr in Vergessenheit. Sie wären ganz verschwunden, gäbe es nicht die Freilandmuseen und anderen Museen, in denen Spinnräder, Flachsraufen, Brechelhütten, Hechelbretter etc. noch zu sehen sind. Wie zum Beispiel auf der Glentleiten, im Ameranger Bauernhofmuseum in Oberbayern oder im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim. Dort finden auch von Zeit zu Zeit Vorführungen statt, die das Brauchtum lebendig werden lassen. Wer Glück hat, kann beispielsweise mal beim Spinnen zusehen und sich dann vorstellen, wie es wohl damals in den Spinnstuben zugegangen ist.

Neuerdings erfährt der Anbau von Flachs und Hanf und auch von Färberpflanzen eine Renaissance. Das Thema „nachwachsende Rohstoffe" im Blick, gibt es Anstrengungen, die Kultur dieser alten Nutzpflanzen wieder neu zu beleben. Erwähnt sei hier stellvertretend die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V., die als Initiative des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Projekte im Bereich nachwachsender Rohstoffe koordiniert.

Als der Amerikaner Jack Herer in den 1990er Jahren ein Buch mit dem Titel Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf veröffentlichte und propagierte, dass man mit dem Anbau von Hanf viele ökologische Probleme der Erde lösen könne, rückte besonders der Hanf wieder ins Rampenlicht. Hanffasern eignen sich vor allem für die Herstellung von Dämmstoffen für Gebäude, aber auch für unzählige andere industrielle Nutzungen. Seit 1996 ist auch der Hanfanbau bei uns nicht mehr grundsätzlich verboten. Durch gezielte Züchtungen stehen heute spezielle Nutzhanfsorten zur Verfügung, die die rauscherzeugenden Tetrahydrocannabinole nur noch in geringen Konzentrationen enthalten.

Im Sommer 2006 starteten drei Studenten der Fachhochschule Weihenstephan ein Hanfprojekt. Seither gibt es im Münchner Umland als sommerliche Freizeitattraktion ein Hanflabyrinth, das im Herbst der Verwertung zugeführt wird. Hier kann man mit eigenem Auge sehen, zu welcher Größe auch in unseren Breiten eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt heranwachsen kann.

Dennoch: Die Wiederbelebung der alten Kulturpflanzen verläuft nur zögerlich. Im Zeitraum von 1990 bis 2004 lag beispielsweise der Anbau von Faserflachs und -hanf in Deutschland lediglich zwischen 1000 und 6000 Hektar. Auch diese Zahlen sind rückläufig. Ein Schattendasein, vergleicht man dies mit dem florierenden Anbau von Faserpflanzen in Frankreich, wo im Jahr 2007 zum Beispiel mehr als 75 000 Hektar mit Flachs und mehr als 8000 Hektar mit Hanf bestellt waren. Zu einer Wiedergeburt der „blauen Länder" bei uns scheint noch ein längerer Weg zu sein. (Petra Raschke)

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