Unser Bayern

Zum Augentrost sagt der Volksmund auch "Milchdieb"

22.01.2010

Von Bubenläus, Milchdieben und was es mit dem Hemadlackl auf sich hat

Ein Leben für Pflanzen: Zum 125. Geburtstag des Volksbotanikers Heinrich Marzell

Das mittelfränkische Gunzenhausen ist ein beliebtes und attraktives Städtchen im Naturpark Altmühltal. Bedingt durch die Lage an der Altmühlfurt kann die Stadt auf eine lange Geschichte zurückblicken. Schon die Römer siedelten hier. Doch nicht nur diese. Alten Volkssagen zufolge sollen in der Gunzenhausener Gegend allerlei furchterregende Gestalten ihr Unwesen getrieben haben. Es wird berichtet von „wilden“ Heeren, die besonders in der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig durch den Nachthimmel zogen, von Männern, die feuerspeiend im Altmühlgrund anzutreffen waren, oder von Reitern ohne Kopf, denen man da und dort begegnen konnte. Wahr oder nicht wahr – dass man diese Geschichten und andere heute noch nachlesen kann, ist großteils einem Mann zu verdanken, der über Jahrzehnte in Gunzenhausen lebte und arbeitete: Heinrich Marzell, Autor von unzähligen Veröffentlichungen auf den Gebieten der Volkskunde, Botanik und Volksmedizin. Er, den viele für „den Volksbotaniker“ Bayerns halten, wäre heuer 125 Jahre alt. Geboren wurde Heinrich Marzell am 23. Januar 1885 in München. Sein Vater unterrichtete Naturkunde an der Städtischen Handelsschule, durch ihn wurde Heinrich wohl frühzeitig an die Pflanzenwelt herangeführt. Doch den Ausschlag, sich als Schüler besonders mit Pflanzen zu beschäftigen, soll – wie Marzell später berichtete – eine antike Klassenlektüre gegeben haben: In Xenophons Bericht aus der Anábasis aus dem Jahr 401 v. Chr., den er im humanistischen Wilhelms-Gymnasium zu lesen hatte, ist von giftigem pontischen Honig die Rede. Giftig deshalb, weil der Honig Pollen und Nektar von giftigen Azaleen enthält, die am Schwarzen Meer beheimatet sind. Dem Bericht zufolge verloren alle griechischen Krieger, die vom Honig aßen, die Besinnung und wurden krank. Nach der Lektüre dieses Textes hat Marzell mit dem Sammeln von Pflanzen und Pflanzennamen angefangen. Dass sein Vater über eine umfangreiche Bibliothek verfügte, war natürlich für den Jungforscher von großem Vorteil. Die intensive Beschäftigung mit der Botanik führte dazu, dass Heinrich Marzell bereits als 15-Jähriger der ehrwürdigen Bayerischen Botanischen Gesellschaft eine Pflanzenliste aus der Umgebung von München überreichte. Geradezu zwangsläufig begann Marzell nach dem Abitur, an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Botanik und Chemie zu studieren. Er wollte wie sein Vater Lehrer werden. Marzell war vielseitig interessiert und hörte nicht nur naturwissenschaftliche Vorlesungen. Zum Beispiel besuchte er auch die Vorlesungen des Germanisten und Volkskundlers Friedrich von der Leyen. Um das Studium zu finanzieren, arbeitete Heinrich Marzell für Gustav Hegi und dessen dreizehnbändige Illustrierte Flora von Mitteleuropa, er war dabei mit den deutschen Pflanzennamen befasst. Nicht weiter verwunderlich für einen Studenten, der sich schon als Schüler damit beschäftigt hat.

(Petra Raschke)

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