Unser Bayern

Das oberfränkische Hof bereitete Ludwig II. einen festlichen Willkommensgruß, unter anderem mit dem besonders geschmückten Rathaus. Unten der Ausschnitt einer Einladung zum Empfang des Königs am Bahnhof.  (Foto: Archiv)

27.05.2011

Wie sich die Wolken der Bosheit auf einmal lichteten

Nur ungern machte sich Ludwig II. auf eine lange Staatsreise durch Franken – doch die Menschen bejubelten ihn

Der Krieg 1866 gegen Preußen war verloren. Bayern kam mit einem blauen Auge davon. Neben 30 Millionen Gulden Reparationsleistungen mussten an Preußen „nur" drei fränkische Gebiete abgetreten werden. Außerdem forderte Preußen von Bayern ein geheimes Verteidigungs- und Angriffsbündnis, das bedeutete, dass ab sofort nicht mehr Österreich, sondern Preußen Bayerns Bündnispartner war.

Die fränkischen Gebiete, die 1806 dem bayerischen Territorium zugeschlagen wurden, waren von den Kampfhandlungen am ärgsten betroffen. Die Stimmung der Franken gegen die bayerische Zentrale in München hatte einen Tiefpunkt erreicht. Sie hatten das Gefühl, dass sich nach dem Krieg die Regierung in München zu wenig um sie kümmerte. Um seine Verbundenheit mit der von Hunger und Not heimgesuchten Provinz zu zeigen, sollte König Ludwig II. nun eine Visitationsreise durch Franken unternehmen. Dies war dringend erforderlich, da bereits das Gerücht die Runde machte, Franken würde an einen Abfall von Bayern denken. Ludwig, der mittlerweile ernsthaft seinen Rücktritt erwog, weigerte sich zunächst, die von seinen Ministern vorgeschlagene offizielle Dienstreise nach Franken anzutreten. Erst als Richard Wagner ihm energisch zuriet und sogar mit dem Bruch der Freundschaft drohte, gab der König nach. Die Reise sollte „in strengstem Inkognito" erfolgen. Schließlich barg sie für den König das Risiko, kläglich zu scheitern.

Am Vormittag des 10. November 1866 traf der König am Münchner Bahnhof ein, um in Begleitung von 119 Herren seine Reise in Richtung Franken anzutreten. 20 Tage waren dafür vorgesehen mit Aufenthalten in Bayreuth, Hof, Bamberg, Schweinfurt, Kissingen über Hammelburg, Gemünden und Lohr nach Aschaffenburg und in Würzburg mit Ausflügen in die vom Krieg heimgesuchten Ortschaften. Den Abschluss sollte Nürnberg bilden, wo ein Aufenthalt von vier bis fünf Tagen geplant war. Statt der vorgesehen 20 Tage wurden schließlich 30 Tage daraus.

In einem Brief an Richard Wagner erklärt sich der König: „Ich will mit einem Male den Dunstkreis der Gehässigkeit, die Wolken der Bosheit und falschen Kunde, welche die Leute geschäftig oft um meine Person zu verbreiten suchten, auseinanderjagen, will, dass mein Volk erfährt, wie ich bin, dass es seinen Fürsten endlich kennenzulernen beginnt." Doch statt mit Argwohn oder gar Gehässigkeit wurde Ludwig II. in Franken begeistert empfangen. Es wurde eine triumphale Reise für ihn. Auch wenn das einfache Volk dem König nicht immer ganz so nahe kam, so fühlte es sich dem Landesvater doch eng verbunden. Es durfte den König auf den Bahnhöfen, an den Straßen, auf den Balkonen der königlichen Unterkünfte und in den Theatersälen aus gehörigem Abstand bejubeln.

Ein wirklich enger Kontakt entstand freilich nur gelegentlich, so etwa, als er durch Hof einen Spaziergang unternahm. Auch bei den Hoftafeln, Bällen und Audienzen war Ludwig fast ausschließlich von geladenen Gästen, städtischen Würdenträgern und Honoratioren umgeben. Bei den Besuchen der Krankenhäuser kam er aber verwundeten Soldaten näher. Bisweilen durften auch einzelne Bürger ein paar Worte mit ihm wechseln, so etwa der Konditormeister Schipp aus Bamberg, der Ludwig ein Modell von Hohenschwangau zeigen konnte. In jenen Städten, in denen er nur sehr kurz oder gar nicht Halt machte, ließ er enttäuschte Menschen zurück, auch wenn er ihnen zusicherte, zu einem späteren Zeitpunkt dort einen Aufenthalt nachholen zu wollen – was jedoch nie geschah.

Die Strapazen der einmonatigen Frankenreise forderten den König bis an die Grenze seiner Belastbarkeit. Jeder Tag war zum Bersten mit zahlreichen Terminen und Zeremoniellen gefüllt, darunter Audienzen, Besichtigungen repräsentativer Einrichtungen, dazu Hoftafeln, Bankette, Bälle, Theaterbesuche, zahllose Ordensverleihungen, strapaziöse Fahrten durch die jeweiligen Städte und immer wieder wohlwollende Reaktionen seiner Person auf den endlosen Jubel des Volkes, auch das Anhören von dargebrachten Reden, von Willkomm-Gedichten und musikalischen Ständchen. In den wenigen freien Stunden musste er noch alle laufenden Staatsgeschäfte erledigen. Fast jede Nacht saß er mit seinem Sekretär, Staatsrat Max von Neumayr, über den immer neu einlaufenden Akten aus München.

Besonders begrüßten die Franken die finanziellen Unterstützungen. Den Armenkassen der von ihm besuchten Städte ließ Ludwig Beträge zwischen 200 und 3000 Gulden überweisen. Allen Verwundeten, die er in den Lazaretten besuchte, überreichte er je einen Dukaten mit seinem Bild; die Mannschaften, die sich an den Paraden beteiligten, erhielten ein bis drei Taglöhnungen als Zulage; auch die Arbeiter der Fabriken, in denen er vorbei schaute, wurden mit Geldgeschenken überrascht. Zu großherzigen Spenden von 10 000 Gulden etwa zur Linderung der in Unterfranken herrschenden Not und zu gleich hohen Gaben für den Invaliden-Unterstützungs-Verein kamen die zahlreichen Auszeichnungen mit Orden an die Bürgermeister sowie Pretiosen und Schmuckgaben, darunter auch goldene Uhren an Künstler, Sänger und Dirigenten sowie Wohltätigkeitsakte, die auch auswärtigen Deputationen zuteil wurden.

Wegen des nasskalten Wetters hatte Ludwig fast durchgehend unter einer Erkältung zu leiden, sah blass und mitgenommen aus. Außerdem wurde er fortwährend mit den Folgen des verlorenen Krieges konfrontiert. An vielen Häusern, so etwa in Kissingen, waren die Spuren des Gewehr- und Granatfeuers zu sehen. Die Menschen waren von den gerade erst überstandenen Strapazen gekennzeichnet. Die Besuche von Lazaretten, Krankenhäusern, Schlachtfeldern und Soldatenfriedhöfen, in denen er auf den schneebedeckten Grabhügeln Kränze niederlegte, deprimierten ihn. Es entging ihm nicht, dass man der bayerischen Heeresleitung die Schuld dafür zuschob. Obwohl Ludwig II. dafür offiziell nicht verantwortlich gemacht wurde, empfand er insgeheim doch eine zumindest teilweise Mitschuld an den Folgen des Krieges, spürte auch, dass seine Zurückgezogenheit während der Kriegstage auf Unverständnis stieß.

Aber immer wieder spülten die Menschen ihre und des Königs Sorgen mit ihrer Begeisterung hinweg. Von Ludwigs angeblich angeborener Menschenscheu keine Spur. Wurde vor Antritt der Frankenreise in Bayern unverhohlen die Frage gestellt, ob er wirklich für das Amt des Königs geeignet sei, so verstummten nach Beendigung der Reise solche Überlegungen und Ludwig saß wieder fest auf dem Thron, zumindest für einige Zeit. Bedauerlicherweise nutzte er die Erfolge der Frankenreise – der einzigen großen Staatsreise, die er in seiner 22-jährigen Regierungszeit unternahm – aber nie publikumswirksam aus, so dass die Erinnerung an diese Tour sie schließlich verblassten.  (Alfons Schweiggert)

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