Wirtschaft

Weil die Wartungsbereitschaft der deutschen Autobesitzer nachlässt, hatte der ADAC den Rekord von 4,25 Millionen Einsätzen zu bewältigen. (Foto: ADAC)

01.07.2011

ADAC kritisiert Politik und Industrie

Der zweitgrößte Automobilclub der Welt zieht Bilanz und fordert eine höhere Pendlerpauschale

Seine Bilanzpressekonferenz, bei der der ADAC auch für 2010 wieder gute und zufriedenstellende Ergebnisse präsentieren konnte, nutzt der Club traditionell dazu, der Politik, der Industrie und der gesamten Öffentlichkeit seine Vorstellungen, Wünsche und Forderungen zu allen Fragen der Mobilität vorzutragen. In diesem Jahr setzte Präsident Peter Meyer die Schwerpunkte vor allem mit den Themen finanzielle Belastungen der Autofahrer, E10-Treibstoff und Elektromobilität. Für die Mitglieder besonders erfreulich: Auch in diesem Jahr werden die Clubbeiträge, die seit 2004 unverändert gelten, nicht erhöht.
Unter der Tatsache, dass etwa der Durchschnittspreis für Diesel seit 1995 um 150 Prozent „und damit viel stärker gestiegen ist als sogar der Bierpreis auf dem Münchner Oktoberfest“, leiden, so Meyer, in erster Linie die Pendler. Die hohen Treibstoffpreise im Lande seien nicht zuletzt Folge der extrem hohen Besteuerung. Der ADAC fordert daher eine Rückkehr zu der bis 2003 geltenden Regelung. Das würde 36 Cent für die ersten zehn Entfernungskilometer bedeuten und 40 Cent ab dem elften Kilometer. Derzeit erhält der Autofahrer für seine berufsbedingten Fahrten lediglich 15 Cent. Zur Verdeutlichung der Forderung wies Meyer darauf hin, dass ein VW Golf heute pro Kilometer 43,3 Cent kostet. „Aber statt einen Ausgleich für die hohen Mobilitätskosten zu schaffen, diskutieren Politiker wie der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer lieber über eine PKW-Maut.“ Die Annahme, sie könne kostenneutral über eine Reduzierung der Kfz-Steuer gestaltet werden, sei illusorisch, „denn aus Erfahrung weiß man: Was der Staat mal hat, das gibt er nicht mehr her“.
Meyer erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass die Autofahrer 53 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben zahlten, aber nur 17 Milliarden Euro davon in die Verkehrsinfrastruktur gesteckt würden. Enttäuscht vom Bundesfinanzminister ist der ADAC auch beim Thema Wechselkennzeichen. Während Bundesverkehrsminister Ramsauer diese Initiative von Anfang an unterstützt habe, bewege sich das Finanzministerium keinen Millimeter. Unter fehlenden steuerlichen Erleichterungen für Zweitwagen litten vor allem Familien, die einen sparsamen und emissionsarmen Zweitwagen benötigten. Aber auch für alternative Antriebsformen wie etwa ein Elektrofahrzeug könnte mit dem Wechselkennzeichen ein Kaufanreiz entstehen. Doch diese Chance werde vertan.


Nicht nur auf das „Pferd“ Elektroauto setzen


Der ADAC unterstützt das Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahre 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen. Allerdings lehnt er die Forderung nach einer direkten Verkaufsförderung ab. „Unterschätzen wir nicht die Fähigkeit der deutschen Industrie, marktfähige Produkte zu entwickeln.“ Gleichzeitig, so Meyer, sollten Politik und Industrie nicht ausschließlich auf das „Pferd“ Elektroauto setzen. Alternativen wie Erdgas oder optimierte Verbrennungsmotoren werden in den kommenden Jahren nach ADAC-Ansicht die Antriebstechnik bestimmen. Das Elektroauto könne nur dazu beitragen, die weltweiten Klimaziele einzuhalten, wenn der Strom ganz oder überwiegend aus erneuerbarer Energie stamme. Beim ADAC geht man davon aus, dass 90 Prozent der für die Stromerzeugung notwendigen nachwachsenden Rohstoffe von eigenen deutschen Flächen kommen könnten, denn 10 Prozent der deutschen Agrarfläche seien mit Subventionen stillgelegt.
Womit der ADAC-Präsident bei dem leidigen Thema E10-Treibstoff war. Mineralöl- und Autoindustrie seien mit selten beobachtetem Dilettantismus in die Markteinführung gestolpert. Dabei sei es Aufgabe der Produzenten, die Verbraucher aufzuklären und gegebenenfalls auch die Haftung zu übernehmen. Stattdessen habe die Mineralölindustrie dann ohne weitere Informationen auf einmal E10 zur Standardsorte erkoren und die Bestandsschutzregelung für E5 vorsätzlich unterlaufen, indem sie neben E10 nur noch teures Super Plus angeboten habe. Erst unter kräftiger Mithilfe des ADAC seien die Anbieter bereit gewesen, wieder Super E5 überall in Deutschland anzubieten. Da E10 aber um etwa 3 bis 4 Prozent leistungsschwächer sei, müsse es gegenüber E5 um etwa 7 Cent billiger sein, forderte Meyer.
Insgesamt hat der ADAC – gemeint sind der ADAC e. V. in München, die 18 rechtlich selbstständigen Regionalclubs und die in der ADAC Beteiligungs- und Wirtschaftsdienst GmbH zusammengefassten Tochtergesellschaften – einen zwar nicht konsolidierten, aber ähnlich zusammengerechneten Umsatz von 1,8 (im Vorjahr 1,7) Milliarden Euro erzielt und damit einen Gewinn von 133 (174) Millionen Euro gemacht. Dass der Gewinn geschrumpft sei, liege vor allem daran, dass die Pannenhilfe mit 1600 „gelben Engeln“ witterungsbedingt und wegen nachlassender Wartungsbereitschaft der Autofahrer um 8,1 Prozent auf den Rekordwert von 4,25 Millionen Einsätzen zugenommen habe.
Der ADAC registriert zurzeit jede Minute ein neues Mitglied. Rechnet man die Abgänge durch Tod, Abmeldung usw. ab, stieg die Zahl der Mitglieder netto bis zum Jahresende 2010 um 2,9 Prozent auf 17,28 Millionen. Damit wurde der ADAC hinter dem amerikanischen Club AAA zum zweitgrößten Automobilclub der Welt, denn inzwischen wurde der japanische Autoclub JAF überholt. Und die Entwicklung geht weiter. Ende Mai dieses Jahres gab es 17,48 Millionen Mitglieder, bis Ende des Jahres dürften es 17,6 Millionen sein. Und auf mittlere Sicht peilt der Club 20 Millionen an. Vom Gesamtumsatz entfielen 643,8 (634,3) Millionen Euro (+ 9,5 Prozent) auf Mitgliedsbeiträge, von denen 37 Prozent den Regionalclubs zuflossen. Die Beiträge wurden verwendet mit 327,4 (308,6) Millionen Euro für Hilfeleistungen, mit 148,4 (143,2) Millionen Euro für Mitgliederservice wie Telefonservice, Geschäftstellen usw., mit 111,2 (112,3) Millionen Euro für Information (Tourismus, Jahresgabe, Motorwelt) und mit 35,8 (50,1) für Zuführung zum Vereinsvermögen, also zu den Rücklagen.


Das Versicherungsgeschäft des ADAC verlief gut


Die Tochtergesellschaften (Versicherungen, Verlage, Touristik, Finanzdienste) erzielten Umsätze von 928,5 (927,6) Millionen Euro und trugen 66,1 (73,5) Millionen Euro zum Gesamtgewinn bei. Besonders gut lief die Reiserücktrittsversicherung. Die Autoversicherung sei stabil und schlüssig aufgestellt und schreibe schwarze Zahlen. Sie bietet „bisher exklusiv“ die ADAC Familienversicherung „als kleine Flottenversicherung“ mit bis zu 12 Prozent Rabatt. Stefan Weßling, Mitglied der Geschäftsführung, erläuterte die Philosophie der Tochtergesellschaften: „Wir sind zwar kein No-profit-Unternehmen, wohl aber ein Not-full-profit-Unternehmen, denn die Töchter dienen dem Verein. Kein Euro verlässt diesen Kreislauf, alles kommt den Mitgliedern zugute.“
Besonders stolz ist der ADAC darauf, wie er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Bei einer repräsentativen Studie wurden 2500 Bundesbürger durch ein Meinungsforschungsinstitut danach befragt, welche deutschen Unternehmen derzeit besonders nachhaltig in puncto Ökologie, Ökonomie und Soziales agieren. Dabei landete der ADAC auf Platz 2 hinter dem Babynahrungshersteller HiPP, aber vor dm, Miele, BMW und Audi. Darüber haben sich nicht nur die Geschäftsführung, sondern auch die 8400 Mitarbeiter gefreut. (Hans-Gerd Heine)

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