Wirtschaft

20 Prozent der jungen Kuratoren arbeiten für 8,50 Euro die Stunde. (Foto: dpa)

02.04.2015

Akademiker auf Mindestlohn-Niveau

Immer mehr studierte Menschen müssen unterbezahlten Jobs nachgehen - dabei werden sie von der Wirtschaft händeringend gesucht

Das akademische Prekariat im Freistaat wird immer größer. Darunter versteht man die Gruppe der Akademiker, die nach einem Hochschulabschluss keine geeignete Stelle finden und in unterbezahlten Jobs, für die sie eigentlich überqualifiziert sind, arbeiten. Wie kann das sein, wo doch laut Wirtschaftsvertretern Akademiker händeringend gesucht werden?

Prinzipiell kann man sagen, dass die Zahl der Hochschulabsolventen in Bayern seit Jahren konstant steigt. Besonders die LMU in München ist beliebt: 2013 haben 7729 Studenten ihren Abschluss gemacht, während im Jahr 2014 bereits 8641 Erstsemester eingeschrieben waren - bei insgesamt 52.006 Studierenden. Man darf also davon ausgehen, dass auch in den kommenden Jahren die Zahl der Hochschulabsolventen weiter steigen wird. Ob allerdings alle diese Absolventen gleich eine Stelle finden, die ihrer Qualifikation entspricht, darf bezweifelt werden. Das hat verschiedene Gründe.

In die niedrige Arbeitslosenquote unter Akademikern werden zum Beispiel nicht diejenigen Absolventen eingerechnet, die Praktika oder Traineeprogramme ableisten oder in einem niedrig bezahlten Arbeitsverhältnis stehen, für das sie eigentlich überqualifiziert sind - sie sind zwar prekär beschäftigt, aber eben nicht arbeitslos. Die pure Arbeitslosenstatistik verschleiert also das Problem der Überqualifizierten und ist wenig aussagekräftig.

Für viele Akademikerstellen werden Auslandsaufenthalte und mehrjährige Arbeitserfahrung vorausgesetzt, immerhin sollen die Inhaber dieser Stellen oft von Anfang an eine verantwortliche Position übernehmen und Mitarbeiter führen. Durch die straffe Organisation der Bachelor- und Masterstudiengänge nach dem Bologna-Prozess ist es aber für viele Studierende unmöglich geworden, bereits während des Studiums Auslandserfahrungen zu machen oder Wirtschaftspraktika abzuleisten. Hier haben Absolventen der Fachhochschulen trotz niedrigerer Einstiegsgehälter einen Vorteil, weil ihnen ein Praxissemester vorgeschrieben ist.

Der Kulturbereich ist besonders betroffen

Die Jobchancen für Akademiker hängen außerdem stark von der gewählten Studienrichtung ab: In den klassischen MINT-Fächern gibt es derzeit mehr ausgeschriebene Stellen in Bayern  als Absolventen. In den Geisteswissenschaften dagegen werden eher Stellen gestrichen, zum Beispiel wegen Kürzung der Fördermittel für Kulturprojekte, so dass viele Absolventen bereits mit einem Praktikum auf Mindestlohn-Niveau zufrieden sein müssen. Im Theaterwesen etwa arbeiten in Bayern derzeit bis zu 20 Prozent der Akademiker auf Mindestlohn-Niveau - wobei für diese Berechnung von 40 Stunden-Wochen ausgegangen wird, nicht von den branchenüblichen oft 50 bis 60 Stunden.

Ein weiteres Problem für Akademiker ist die starke Fragmentierung und Spezialisierung von Studiengängen. Während es früher bestimmte grundständige Studiengänge wie Maschinenbau, BWL oder Mathematik gibt, muss man sich heute spätestens für den Master auf ein bestimmtes Spezialgebiet festlegen - so die Stellenauswahl deutlich ein. Noch schwieriger machen zahlreiche Tarifverträge und Vergütungsregeln die Lage: Besitzt jemand einen annähernd relevanten Hochschulabschluss, muss er oft wesentlich höher eingestuft und somit besser vergütet werden als ein anderer Bewerber. Das bedeutet, für Stellen mit niedrigerem Qualifikationsniveau werden Akademiker in bestimmten Branchen ungern eingestellt, selbst wenn sie bereit sind, für weniger Geld zu arbeiten.

Findet nun ein Hochschulabsolvent nicht gleich eine Stelle, hat er verschiedene Möglichkeiten, die jedoch alle diverse Nachteile haben: Ein Praktikum zum Mindestlohn, wobei die Unternehmen derzeit lieber studentische Pflichtpraktikanten annehmen, die sie niedriger bezahlen dürfen als Absolventen mit Abschluss. Es besteht allerdings das Risiko, nach dem befristeten Praktikantenvertrag wieder keine feste Stelle zu bekommen. Ähnlich sieht es aus, wenn übergangsweise eine Stelle in einem anderen Sektor angetreten wird, was sich darüber hinaus negativ auf den Lebenslauf und zukünftige Einstiegsmöglichkeiten in Akademiker-Laufbahnen auswirkt. Auch vorerst an der Hochschule zu bleiben und Forschung im Fachgebiet zu betreiben ist für die meisten keine ernsthafte Option mehr: Die meisten Hochschulen in Deutschland können nur mehr befristete Verträge und Halbe- oder sogar nur Viertel-Stellen für Nachwuchsforscher anbieten.

Bei all diesen Wahlmöglichkeiten kommen mehrere Probleme auf Absolventen zu: Der niedrige Lohn macht es schier unmöglich, den Bafög- oder einen Studienkredit zurückzuzahlen, auch Rentenansprüche werden kaum erworben. Andererseits steht stellensuchenden Akademikern, die noch kein volles Jahr sozialpflichtig beschäftigt waren, auch kein Arbeitslosengeld zu. Dass viele Absolventen nicht auf Anhieb eine Stelle finden, liegt also nicht daran, dass sich Akademiker etwas zu fein wären, um eine Stelle mit niedrigerem Qualifikationsniveau anzutreten - oft bringt diese Möglichkeit einfach zu viele Nachteile mit sich.

Emotionale Intelligenz ist wichtiger als der IQ

Was die Wirtschaft bei frischen Hochschulabsolventen oft bemängelt, sind die fehlenden Soft Skills. An der Hochschule wird zwar viel Fachwissen erworben, aber Themen wie Mitarbeiterführung, Kommunikation oder Organisation kommen dabei zu kurz. Stattdessen ist in der Wirtschaft die sogenannte emotionale Intelligenz (EQ) mit entscheidend, also wie man auf seine Mitmenschen eingehen kann. Oftmals stellt man sich hier jedoch die Frage, weshalb es keine Vereinheitlichung der verschiedenen Intelligenz-Messungen gibt, zeitgleich aber der Kenntnisstand bei Tieren schon enorm fortgeschritten scheint. Wie dem auch sei: Im Studium wird am menschlichen EQ kaum gearbeitet, stattdessen sollen die Studierenden das durch zusätzliche außeruniversitäre Aktivitäten erwerben - im zeitintensiven Bachelor-Studium schier unmöglich.

Auch das jüngere Alter der Absolventen stellt Betriebe bei der Einstellung vor Herausforderungen: War ein fertiger Ingenieur zum Beispiel früher mindestens 25 Jahre alt, ist es in Bayern heute durch G8, Abschaffung des Wehrdienstes und Bologna-Reform möglich, mit 21 Jahren einen Bachelor of Engineering zu haben. Ob allerdings ein 21-Jähriger bereits auf eine verantwortliche Position im Betrieb gesetzt werden kann, ist für viele Personalverantwortliche fraglich, somit entstehen immer mehr Trainee-Programme für Hochschulabsolventen, die noch dazu vom Mindestlohngesetz ausgenommen sind.

 Das Hauptproblem liegt also darin, dass es zwar viele freie Stellen für Akademiker und immer mehr Hochschulabsolventen gibt, diese beiden sich aber nicht unbedingt so überschneiden, dass für jeden Akademiker genau die passende Stelle frei ist oder dass es für jede freie Stelle genau den passenden Hochschulabsolventen gibt. Daher will die Wirtschaft gezielt Fachkräfte aus dem Ausland anwerben, um freie Stellen besetzen zu können. Das scheint auf den ersten Blick eine gute Idee zu sein - allerdings werden dadurch nicht die strukturellen Probleme gelöst.

Sinnvoller scheint es, den Übergang von der Hochschule auf den Arbeitsmarkt fließender zu gestalten. Auch im universitären Bachelor-Studium sollen verpflichtend Wirtschaftspraktika eingeführt werden. Wichtig ist außerdem, bereits Abiturienten vor der Studienwahl dahingehend zu beraten, welche Studienfächer einerseits den eigenen Begabungen und Interessen entsprechen, aber andererseits auch in der Wirtschaft nachgefragt sind, so dass sie kurz vor ihrem Abschluss eben nicht feststellen, dass es auf ihrem Fachgebiet keinerlei Berufsperspektiven gibt.

Besonders bei sehr fachspezifischen Studiengängen muss eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit stattfinden, damit Absolventen nicht zu eng auf ein bestimmtes Gebiet festgelegt werden, das eventuell zu keinem Stellenprofil in der Wirtschaft passt. Ein wichtiger Punkt sind außerdem vermehrte Kooperationen von Hochschulen und Wirtschaft. Hiervon profitieren sowohl Studenten, die in Zusammenarbeit mit den Unternehmen die gewünschten oder sogar geforderten Erfahrungen und Soft Skills erwerben können, als auch die Unternehmen, die daraus genau die zukünftigen Fachkräfte erhalten, die sie sich wünschen. (BSZ)

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