Wirtschaft

Armin Zitzmann, Vorstandsvorsitzender der Nürnberger Versicherungsgruppe, mahnt den Gesetzgeber, dass dieser sich angesichts dieser Regelungsdichte nicht wundern muss, wenn das Versorgungsniveau der Bevölkerung weiter zurückgeht. (Foto: Schweinfurth)

02.04.2015

Auf Erfolgskurs in schwierigem Umfeld

Niedrigzinsphase und politische Weichenstellungen machen Versicherern das Leben schwer – doch die Nürnberger behauptet sich erfolgreich

Die Nürnberger Versicherungsgruppe konnte im Geschäftsjahr 2014 Umsatz, Kapitalanlagen und Konzernergebnis steigern. Die Gewinn- und Verlustrechnung des Konzerns weist ein deutlich erhöhtes Vorsteuerergebnis von 134,8 Millionen Euro gegenüber 111,2 Millionen Euro im Vorjahr aus.

Der Anstieg ist auch auf Sondereffekte wie den Abgangsgewinn aus einer Beteiligung an der Schweizerischen National-Versicherungs-Gesellschaft AG zurückzuführen. Nach Steuern verbleibt für die Aktionäre der Nürnberger ein Konzernergebnis von 108,6 Millionen Euro. 2013 betrug es mit 71,6 Millionen Euro wesentlich weniger.
Ein Zeichen für die positive Entwicklung sind die gewachsenen Kapitalanlagen. Sie erhöhten sich Konzernweit um 9,5 Prozent auf 26,43 Milliarden Euro (Vorjahr: 24,13 Milliarden Euro). „Dies ist größtenteils auf gestiegene Zeitwerte aufgrund der Zinsentwicklung zurückzuführen“, sagt Armin Zitzmann, Vorstandsvorsitzender der Nürnberger Versicherungsgruppe, zur Staatszeitung. „Im Vergleich mit den anderen Versicherungsgesellschaften in Deutschland ist die Aktienquote in den Kapitalanlagen mit 9,5 Prozent relativ hoch.“
Diesen Aktienanteil am Anlagevermögen muss sich ein Versicherer erst einmal leisten können. „Denn pro angelegtem Euro in Aktien müssen zwischen 39 und 49 Prozent Eigenkapital hinterlegt sein“, erläutert Zitzmann. Das schreiben die Regeln nach Solvency II vor, die dafür sorgen sollen, dass Versicherungsunternehmen nicht so schnell in finanzielle Schieflage geraten können. Diese Regelung sei aber „politisch kontraproduktiv“, da die Versicherungsunternehmen wegen der anhaltenden Niedrigzinsphase im Euroraum Schwierigkeiten haben, die Zinsversprechen an die Kunden in der Lebensversicherung zu halten. Derzeit bieten laut Zitzmann nur Anlagen in Aktien ausreichend Rendite, um die Altersvorsorgeerwartungen, die die Kunden an Lebensversicherungspolicen knüpfen und die die Politik mit ihrem Aufruf zu privater Altersvorsorge auch befeuert, zu erfüllen. „Man will uns zwingen, größtenteils in Staatsanleihen zu investieren“, so der Vorstandschef der Nürnberger. Diese Papiere werfen aber zu wenig ab, um die Renditen zu erwirtschaften, die die Versicherer bräuchten.
Auf die Frage, wie hoch die Kapitalanlagen in Aktien investiert sein könnten, ohne dass der Nürnberger Probleme entstehen, antwortet Zitzmann: „Eine zirka doppelt so hohe Quote wie im Lebensverband können wir risikomäßig gut managen. Die notwendigen Eigenkapitalanforderungen können wir uns gut leisten.“

Dividendenrendite bei 4,2 Prozent


Erfreulich ist es, dass es der Nürnberger gelungen ist und auch weiterhin gelingen wird, in diesem schwierigen politischen Umfeld hervorragende Zahlen abzuliefern. So soll die Dividende der börsennotierten Konzernobergesellschaft, der Nürnberger Beteiligungs-Aktiengesellschaft (NBG), erneut drei Euro betragen. Die Dividendenrendite liegt laut Zitzmann dann „weiterhin bei attraktiven 4,2 Prozent bezogen auf den Kurs Ende 2014“.
Das Neugeschäft der Versicherungsgruppe lag vor allem wegen der 2013 erfolgten Reduzierung das Anteils am Spezialversicherer CG-Car Garantie – dessen Zahlen im Konzernabschluss 2014 nicht mehr enthalten sind – unter dem des Vorjahres. Über alle Sparten (Leben, Kranken, Schaden/Unfall) betrugen die Neu- und Mehrbeiträge 642 Millionen Euro gegenüber 748 Millionen Euro im Jahr 2013. Die gebuchten Beitragseinnahmen der Nürnberger lagen mit 3,41 Milliarden Euro wie prognostiziert auf Vorjahresniveau (3,47 Milliarden Euro). Bereinigt um die Car-Garantie wurde ein leichter Anstieg der Beiträge um 0,6 Prozent erreicht.
Ob sich diese gute Entwicklung auch langfristig fortsetzen lässt, ist fraglich. Denn die Politik auf EU-Ebene macht Zitzmann zufolge den Versicherern das Leben schwer: „Die Politik reguliert die Finanzmärkte unter der Zielstellung des Verbraucherschutzes. Vieles dabei ist uneingeschränkt in Ordnung, aber es gibt auch Übertreibungen.“ Sei es völlig ok, wenn Beratungsqualität, Aus- und Weiterbildung sowie Beratungsdokumentation des Versicherungsvertriebs erhöht werde. „Wenn aber seitenweise über Risiken in den Produktinformationsblättern zu Versicherungen berichtet wird, wirkt das abschreckend auf Kunden und Versicherungsvermittler“, so Zitzmann. Der Gesetzgeber brauche sich angesichts dieser Regelungsdichte nicht wundern, wenn das Versorgungsniveau der Bevölkerung weiter zurückgehe. Diese Kritik adressiert Zitzmann vor allem an Brüssel. „Zusätzlich muss man immer hoffen, dass der nationale Gesetzgeber nicht noch über die europäischen Vorgaben hinausgeht.“
Auch der deutsche Gesetzgeber hat in jüngster Vergangenheit dafür gesorgt, dass die Versicherungsbranche und ihre Kunden Probleme bekommen. Denn im Glauben, dass Versicherungsvermittler wegen ihrer Provisionsansprüche die Kunden finanziell überfordern würden, sind die einkalkulierbaren Abschlusskosten in der Lebensversicherung reduziert worden. „Ein Vermittler verdient nur bei Abschluss einer Police. Wenn sein Kunde aber zehnmal anruft, weil er Rat und Hilfe braucht, bekommt er fast nichts. Anders als ein Steuerberater darf er diese Dienstleistung nicht in Rechnung stellen“, so der Vorstandschef der Nürnberger. Im Durchschnitt verdiene ein Vermittler zum Beispiel an einem Kfz-Versicherungsvertrag pro Jahr 20 Euro. „Mehr als die Hälfte der Versicherungsvertreter verdient entgegen der landläufigen Meinung im Jahr weniger als 50 000 Euro“, so Zitzmann.
Gute Beratung sei ihr Geld wert, so der Vorstandschef. Denn der Durchschnittsbürger könne seine persönliche Lebenssituation inklusive der Risiken Berufsunfähigkeit, Pflege- und Todesfall nur schwer beurteilen. „Aber Teile der Politik sind der irrigen Meinung, dass Honorarberatung für den Verbraucher der sinnvollste Weg ist“, sagt Zitzmann. Dann wären aber zwischen 90 und 150 Euro pro Stunde für die Beratungsleistung fällig. „Die Bürger sind aber nicht bereit, dieses Geld auszugeben. Das haben wir am Beispiel Großbritannien gesehen“, erläutert der Versicherungschef. Dies hatte zur Folge, dass sich die Anzahl der Vermittler und der Versicherer dort deutlich reduzierte. „Ob das im Sinne des Verbrauchers ist, wenn sich aufgrund geringeren Wettbewerbs weniger Anbieter und damit höhere Preise durchsetzen, sei dahingestellt“, so Zitzmann.

Quadratur des Kreises bei Infrastrukturinvestments


Noch völlig offen ist, ob die Investition in Infrastrukturmaßnahmen des Staates für Versicherer Sinn macht. „Das ist momentan die Quadratur des Kreises. Der Staat kann sich zur Zeit so günstig verschulden, dass es aus Sicht der Investoren uninteressant ist, zu gleichen Konditionen in Autobahnen oder Schienenwege zu investieren“, so der Chef der Nürnberger. Außerdem sei nicht gewährleistet, dass bei diesen Projekten, die Investitionszeiträume von bis zu 40 Jahren umfassen, die Politik beständig bleibt. Gesetzesänderungen in diesem Zeitraum könnten das Investment sehr schnell zu einem Bumerang für die Versicherer machen. Und die Preisfindung sei auch ein Problem: „Will man da auf die letzte Ausschreibung zurückgreifen, um einen Preis für eine neue Autobahn festzulegen?“ Zitzmann ist insgesamt sehr skeptisch, dass diese Investitionsform für Versicherer geeignet ist.
(Ralph Schweinfurth)

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