Wirtschaft

06.09.2013

Autos teilen lernen

Carsharing: Unternehmer tun sich oft schwer damit, Fahrzeuge für ihre Firma nur leihweise zu nutzen

Florian Freiherr von Hornstein ist eigentlich Werber. Als Partner und Geschäftsführer leitet er die Agenturgruppe Serviceplan in München, steuert Kampagnen für den Autobauer BMW, für den Spielzeughersteller Lego und den Fernsehsender Sky. Und seit drei Monaten hat Hornstein noch ein Amt mehr: Autovermieter. Die Mitarbeiter der Münchner Serviceplan- Zentrale können im Intranet des Unternehmens einen Firmenwagen buchen und ihn nach Dienstschluss mit nach Hause nehmen – von Freitag bis Montagfrüh kostet sie das zum Beispiel 60 Euro. „Wir sind sehr happy mit dem Modell“, sagt Hornstein. „Viele Kollegen besitzen privat kein Auto. Jetzt können sie sich spontan einen Wagen mitnehmen, zum Beispiel, wenn sie abends noch größere Einkäufe machen wollen.“


Unternehmen kommen ohne Fuhrpark aus

Serviceplan gehört zu den ersten Kunden des Angebots Alphacity der BMW-Flottentochter Alphabet. Die Idee: Unternehmen schaffen sich keinen klassischen Fuhrpark an. Sie überlassen ihren Angestellten auch keinen Firmenwagen, den die dann mit einem Prozent vom Listenpreis als „geldwerten Vorteil“ versteuern müssten. Stattdessen teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Autos und zahlen sie auch gemeinsam – ähnlich wie beim privaten Carsharing. Das so genannte Corporate Carsharing ist der neueste Versuch, gewerblichen Kunden das Teilen von Dienst- und Firmenwagen schmackhaft zu machen. Noch sind Unternehmen dabei äußerst zurückhaltend. Zwar kann man sich in jeder zweiten deutschen Firma vorstellen, es einmal mit Carsharing zu probieren, konkrete Erfahrungen damit hat aber erst jeder 30. Betrieb. Das zeigt eine Umfrage der European Business School (EBS). Der Markt wächst bislang vor allem durch private Kunden.


Viele Konzepte für Firmen sind in der Pilotphase


Viele Carsharing-Konzepte für Firmen sind der Pilotphase nicht entwachsen. Ein häufiges Problem: Die Konzepte passten nur bedingt auf gewerblich genutzte Fahrzeugflotten, sagt Ralf Landmann, Partner im Automotive-Bereich von Roland Berger. „Unternehmer wollen, dass Carsharing-Autos ähnlich unkompliziert und verlässlich verfügbar sind, wie eigene Flottenautos.“ Das ist noch nicht möglich. Ein Ersatz für den klassischen Firmenwagen sind Carsharing-Autos also noch lange nicht, sagt Alphabet-Chef Marco Lessacher. „Der Firmenwagen ist in Deutschland immer noch ein emotionales Thema.“
Nun soll eine Carsharing-Variante Abhilfe schaffen: das Rentsharing. Das Modell umgeht die Steuerlast. Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbaren vorab, wann und wie der Fahrer den Wagen privat nutzt. Dafür zahlt der Arbeitnehmer eine monatliche Miete oder – ähnlich wie beim Alphabet-Modell – eine Gebühr pro privat gefahrenem Kilometer. „Das Entgelt muss wirtschaftlich angemessen sein, dann entfällt die Versteuerung eines geldwerten Vorteils wie beim klassischen Dienstwagen“, sagt Roland Wehl, Geschäftsführer des Rentsharing-Anbieters AMS. Je nach Nutzung und Steuerklasse könne das Modell für beide Parteien günstiger sein, verspricht Wehl. Die Pauschalversteuerung sei meist teurer als die Miete. Und der Arbeitgeber spare zudem Fahrzeugkosten. AMS hat sich 2010 mit dem Fuhrparkdienstleister Leaseplan zusammengetan, der das Rentsharing-Modell inzwischen unter seinem Namen vertreibt. Die Verträge laufen in der Regel zwei bis fünf Jahre. AMS hat nach eigenen Angaben rund 5000 Rentsharing-Kunden, die meisten davon Mittelständler mit Flotten von 20 bis 40 Fahrzeugen.
Das Architekturbüro AGN in Ibbenbüren gehört mit einem Fuhrpark von 70 Fahrzeugen zu den größeren AMS-Kunden. Seit 2011 lässt der geschäftsführende Gesellschafter Bernhard Bergjan sukzessive alle Firmenwagen auf Rentsharing umstellen. Anhand von Daten des ADAC hat Bergjan ermittelt, was bestimmte Fahrzeugmodelle pro gefahrenem Kilometer kosten. Diese Summe – je nach Modell zwischen 15 und 27 Cent – bezahlen seine Mitarbeiter nun für jeden Kilometer, den sie ihren Firmenwagen privat nutzen. Auch die Treibstoffkosten übernehmen sie selbst. Bergjan spart auf diese Weise rund acht Prozent der Ausgaben für seinen Fuhrpark, die meisten Mitarbeiter kommen ebenfalls günstiger weg als mit der Ein-Prozent-Versteuerung, solange sie weniger als 8000 Kilometer im Jahr privat fahren. Das, sagt Bergjan, treffe auf die meisten Kollegen zu.


GPS-Modul zeichnet die gefahrenen Kilometer auf


Um private und dienstliche Fahrten korrekt zu trennen, zeichnet ein GPS-Modul die gefahrenen Kilometer auf und gibt sie per Mobilfunk an die Buchhaltungssoftware weiter. Abends gibt der Fahrer ein, welche Fahrten dienstlich und welche privat waren. „Anfangs waren wir skeptisch“, gibt AGN-Chef Bergjan zu. Vor allem fürchtete er, sein Finanzamt könnte die neue Regelung nicht durchgehen lassen und auf der Ein-Prozent-Regel bestehen. Es gibt zwar Grundsatzentscheidungen der Steuerbehörden, aber so ganz traute der Mittelständler dem Modell nicht. Also rief er beim Amt an und ließ sich bestätigen: kein Problem. „Jetzt“, sagt Bergjan, „sind wir überzeugt.“
(David Selbach)

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